Friedhelm Dybas lange Suche nach dem Vater hat ein Ende gefunden

mlzVermisstensuche

Nach 76 Jahren hat der Dorstener Friedhelm Dyba Gewissheit über das Schicksal seines Vaters. Jetzt weiß er endlich, wo sein Vater seine letzte Ruhestätte gefunden hat und wie er umkam.

von Armin Dille

Dorsten

, 27.12.2018, 13:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Friedhelm Dyba hat Gewissheit. Traurige Gewissheit. Denn sowohl der Gräberdienst des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) als auch die „Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht“ teilten dem 76-jährigen Holsterhausener im Juli und September dieses Jahres mit, dass sein Vater Franz Andreas Dyba in ein Kameradengrab auf dem Sammelfriedhof Rossoschka in Russland zur letzten Ruhe umgebettet wurde.

Friedhelm Dyba hat seinen Vater nie kennengelernt

Einen Vater, den Friedhelm Dyba nie kennengelernt hat. Der in Panschino im früheren Bezirk Stalingrad in der UdSSR laut Mitteilung des VDK am 10. Januar 1943 verstorben ist und dort in einem Kameradengrab (Massengrab) beigesetzt wurde.

Der Gräberdienst des VDK führt in diesem Zusammenhang in seinem Schreiben vom 17. September 2018 aus: „Aus Panschino wurden von unserem Umbettungsdienst 431 deutsche Soldaten aus oberirdisch nicht mehr erkennbaren Gräbern exhumiert und zur Kriegsgräberstätte Rossoschka überführt. Bei den untrennbaren Gebeinen wurde eine ganze Erkennungsmarke gefunden, die von der staatlichen Stelle (Deutsche Dienststelle, Anm. d. Red.) eindeutig als die Ihres Vaters identifiziert wurde. Damit ist er unter den Geborgenen.“

Die letzte Post kam zu Weihnachten 1942 aus Stalingrad

Friedhelm Dyba wurde am 10. August 1942 in Duisburg geboren, seine Mutter Johanna und sein Vater Franz hatten 1941 in Duisburg geheiratet. Die letzte Post erhielt seine Mutter zu Weihnachten 1942 aus dem eingekesselten Stalingrad.

Franz Dyba schilderte in seinen Briefen seine Verwundung und bat seine Ehefrau, sich keine Sorgen zu machen: „Es geht mir ansonsten gut.“ Trotz Granatsplittern in beiden Beinen musste er einige Tage später zu seiner Einheit zurück. Und starb im Alter von 31 Jahren bei Panschino am 10. Januar 1943, wie jetzt die Nachforschungen ergaben.

Wie hat Friedhelm Dyba den Verlust seines Vaters wahrgenommen? Seine Stimme ist ruhig, als er erklärt: „Es war eine Kindheit ohne Vater. Wenn ich statt weniger Monate vier oder fünf Jahre alt gewesen wäre, wäre der Abschied schmerzlich gewesen. So aber habe ich keine Erinnerung.“ Keine Erinnerung, bis auf Fotos von seinem Vater. Und nun eine Fotokopie seiner Erkennungsmarke, die sichtlich Spuren der Zeit aufweist. Aber noch deutlich lesbar die Einprägung „–44–7./I.R.193“ trägt.

Friedhelm Dybas lange Suche nach dem Vater hat ein Ende gefunden

Die Fotokopie der Erkennungsmark des Vaters. Deutlich lesbar ist die Einprägung –44–7./I.R.193. © privat

Seine Mutter Johanna hat verschiedene Versuche unternommen, das Schicksal ihres vermissten Ehemannes zu klären. Vergeblich. So wurde der Unteroffizier Franz Dyba im Jahre 1950 gerichtlich für tot erklärt.

Seine Mutter hat nie wieder geheiratet. Friedhelm Dyba: „Ich hätte gern einen Vater gehabt.“ Aber: „Sie wusste nicht, ob sie mir einen guten Vater schenken würde.“ Johanna Dyba nahm erneut ihre Arbeit in einem Haushalt auf, um ihrem Sohn Schule und Ausbildung zu ermöglichen. Dyba: „Die Rente war mehr als mager.“ Und erinnert sich an seine Schulzeit: „Die Hälfte meiner Mitschüler war ohne Vater.“

Friedhelm Dybas lange Suche nach dem Vater hat ein Ende gefunden

Franz Andreas Dyba mit seiner Frau Johanna auf dem Hochzeitsfoto © privat

Nach 30-jähriger beruflicher Tätigkeit im Binnen- und Seeschiffbau in Duisburg und Lübeck kam er mit absolvierter Meisterprüfung und Refa-Ausbildung im Zuge der Werftenkrise mit seiner Familie im Jahre 1987 nach Dorsten, arbeitete unter anderem bei der Firma Stewing als Kalkulator. Dyba: „Im Lübecker Bahnhof habe ich in den Ruhr Nachrichten zwei Anzeigen der Firma Stewing gelesen und mich beworben.“

1998 hat Friedhelm Dyba noch einmal selbst geforscht

Friedhelm Dyba: „Auch ich habe im Jahre 1998 selbst noch einmal nach dem Schicksal meines Vaters geforscht.“ Ebenfalls ohne Ergebnis. Auf Anregung des Dorstener Ortsverbandsgeschäftsführers des VDK unternahm er vor einigen Jahren einen weiteren Versuch – und wurde entgegen aller Erwartungen fündig. Nun wird seine Stimme leise: „Am 1. August hatte ich mir noch die DVD ,Stalingrad – Mythos einer Schlacht‘ angeschaut. Und dann war es so, als wenn einer von oben gesagt hätte: Jetzt hast Du die DVD gesehen ...“

Die Tragödie von Stalingrad

240.000 Männer im Kessel wurden ihrem Schicksal überlassen

Im Zuge der „Operation Blau“ sollte ab 28. Juni 1942 die Heeresgruppe B mit der 6. Armee von General Paulus unter anderem Stalingrad erobern. Am 12. Oktober erreichen deutsche Truppen im Süden die Wolga, stoßen im Norden im Industriegebiet Stalingrads aber auf heftigen russischen Widerstand. Am 19. November um 5 Uhr beginnt mit einer dreistündigen schweren Artillerievorbereitung der russische Gegenangriff, am 22. November sind die 6. Armee und Teile der 4. Panzer-Armee in Stalingrad eingekesselt. Hitler gibt den Befehl zur „Festung Stalingrad“. An täglichem Nachschubbedarf werden 700 Tonnen Verpflegung, Munition und Treibstoff angefordert, aber nur 70 - 80 Tonnen werden jeden Tag eingeflogen. Ein Entsatzversuch von Generaloberst Hoth scheitert am 24. Dezember, Paulus weigert sich, ohne ausdrückliche Erlaubnis Hitlers und mit Blick auf die begrenzten Treibstoffvorräte auszubrechen und ihm entgegenzukommen. Am 2. Februar 1943 legen die völlig erschöpften letzten deutschen Truppen nach furchtbaren Entbehrungen die Waffen nieder. Im Kessel von Stalingrad wurden rund 240.000 deutsche, rumänische und kroatische Soldaten eingeschlossen, davon konnten rund 40.000 ausgeflogen werden. Über 80.000 Soldaten starben. Über 100.000 gingen in Gefangenschaft, nur 6000 von ihnen kehrten bis Mitte der 1950er-Jahre aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück.

Denn drei Tage später, am 4. August, traf die Mitteilung der Deutschen Dienststelle ein. Dyba: „Das war ein bewegender Samstag, als ich den Brief bekam.“ Die letzte Ruhestätte seines Vaters auf der Kriegsgräberanlage Rossoschka in Russland will der rüstige 76-Jährige auf jeden Fall im nächsten Jahr besuchen. Das Sammelgrab Block 43, Reihe 24-25, Grab 939-1000.

Mit welchen Gefühlen er das Grab aufsuchen wird? „Welche Gefühle? Das ist schwer zu sagen. Wie gesagt, wenn ich ihn gekannt hätte, wäre es anders.“ Er ist sich aber sicher: „Wenn ich zum Friedhof gehe, kommen natürlich Gedanken an ihn.“ An den Vater, den er nie kennenlernen durfte.

Lesen Sie jetzt
Münsterland Zeitung Unterhaltsvorschuss für Kinder
Stadt Dorsten bleibt auf 473.000 Euro sitzen, weil Eltern nicht für ihre Kinder zahlen
Münsterland Zeitung Bürgerpark Maria Lindenhof
Verregneter Start für den Adventszauber im Bürgerpark - und das ist am Wochenende geplant