Großes Theater über großes Kino

DORSTEN Hollywood 1939. In der Welt herrscht Krieg. In der Traumfabrik Kitsch. „Vom Winde verweht“ - einer der größten Kassenschlager aller Zeiten entsteht. Und das, obwohl der Drehbuchschreiber nicht mehr als eine Seite von der Romanvorlage gelesen hat

von Von Anne Ritter

, 19.02.2008, 18:40 Uhr / Lesedauer: 2 min
Mit pointenreichen Dialogen, ironischen Brechungen, stilisierter Comicsprache, Tempo und Stillstand begeisterte das Stück die Dorstener Theaterfreunde.

Mit pointenreichen Dialogen, ironischen Brechungen, stilisierter Comicsprache, Tempo und Stillstand begeisterte das Stück die Dorstener Theaterfreunde.

.„Würg.“ Denn Ben Hecht hasst kitschige Rührstücke, die bei ihm abschätzig unter der Überschrift „Mondlicht und Magnolien“ laufen. So lautet auch der Titel, der Komödie in zwei Akten von Ron Hutchinson. Aufgeführt wurde sie am Montagabend unter der Regie von Robert Klatt auf Einladung des Kulturbüros in der ausverkauften St. Ursula Realschule.

Es ist ein wahres Stück Filmgeschichte, ein skurriles Making-of: Weil nämlich der neue Drehbuchautor die Romanvorlage nicht gelesen hat, müssen der neue Regisseur und der Produzent sie ihm vorspielen - was natürlich zu absurder Komik führt. Da liegt der stöhnende Regisseur Victor Fleming (Marten Sand), breitbeinig und kopfüber auf der Chaiselongue, weil er in der Rolle der schwangeren Melanie kräftig pressen muss. Da tänzelt der verzweifelte Produzent David O. Selznick (Michael Lesch) mit piepsiger Frauenstimme galant als Scarlett O`Hara über die Bühne.

Im Büro verschanzt

Nicht ganz freiwillig haben sich die Männer - nur mit Bananen, Erdnüssen und Leitungswasser - eine Woche lang im Büro des Produzenten verschanzt. Mit Fünf-Tage-Bärten, dunklen Augenringen, zerschlissener Kleidung, zerzaustem Haar kämpfen die Herren inmitten von Papierwust und Schalen-Häufchen gegen Aggression und Regression.

Genüsslich verspeist Marten Sand als neurotischer Regisseur die letzte Banane mit der archaisch-animalischen Grazie eines Gorillas. Selbst die Dauersentenz der Sekretärin Miss Poppenghul (Renée Zalusky) - „Ja, Mr. Selznick.“ - verschleift sich zu einem „Jaaa, äh wie war das?“.

Die Fasson verloren

Aus einem wandelnden kirschroten Kostüm auf Pumps wird ein Mensch, der seine bügelsteife Fasson verliert. Erste Haarsträhnen kräuseln sich aus der strengen Hochsteckfrisur, aus den trippelnden Schritten wird ein schleppender Gang auf Nylonstrümpfen. Die Laborsituation lässt Fassaden aufbrechen. Kindliche Muster, Rangkämpfe entstehen. Jeder sucht seine Rolle. Nicht nur im edlen holzvertäfelten Ambiente des Büros, sondern im Leben. Oder dem, was man als Filmschaffender als wahres Leben bezeichnen kann.

Es ist eine fabelhafte Inszenierung: Mit pointenreichen Dialogen, ironischen Brechungen, stilisierter Comicsprache, Tempo und Stillstand. Und natürlich dem grandios spielwütigem Ensemble. Die Zuschauer sehen wie „ganz großes Kino“ entsteht - und erleben dabei ganz großes Theater! 

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