Hätte Lukas Tod verhindert werden können? Psychologe hält das für eine Illusion

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Hätte der Tod von Lukas verhindert werden können? Ein Psychotherapeut spricht von einem vielschichtigen Problem, dass Mütter Männern ihre Kinder schutzlos ausliefern.

Dorsten

, 01.03.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Mutter von Lukas* (Name von der Redaktion geändert) kannte ihre neuen Freund erst kurze Zeit, als sie ihm die Aufsicht über ihren Dreijährigen überließ. Laut Gerichtsurteil tat er dem Kind, als es plötzlich aufwachte und weinte, „bewusst und gezielt schwere Gewalt an“.

Eine Neuropathologin hat das Gehirn des Dreijährigen nach dessen Tod eingehend untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass der Kopf des Kindes von allen Seiten stumpfer Gewalt ausgesetzt gewesen sein muss. Außerdem sei der Kopf des Kindes geschüttelt worden. „Wir sprechen nicht von einem leichten Schütteln, sondern eher von einem heftigen Schleudern“, sagte die Medizinerin vor Gericht aus.

Der Täter beteuerte in seiner Gerichtsverhandlung, dass er den Tod des Kindes nicht gewollt habe. Aber muss ein Mensch nicht wissen, dass er einem Kind schwerste Schäden zufügt, wenn er derart roh und brutal vorgeht?

Die meisten Menschen haben eine Schlaghemmung bei Kindern

„Die meisten Menschen haben eine Schlaghemmung bei Kindern. Aber nicht alle“, sagt der psychologische Psychotherapeut Thomas Schregel aus Dorsten auf unsere Anfrage. „Man kann eine Schlaghemmung bei Kindern nicht als naturgegeben ansehen. Kinderliebe ist nicht grundsätzlich in einem Menschen angelegt“, sagt Schregel auch.

Dass eine Mutter ihr Kind einem noch weitgehend unbekannten Mann überlässt, begründet er damit, dass einer Frau ihr neuer Lebensgefährte plötzlich wichtiger erscheint als alles andere. „Sie sind abhängig von ihrem neuen Freund“, so der Psychologe. So werde dem Mann ein freies Feld eingeräumt.

Wenn keine Beziehung zum Kind besteht

Die erschreckende Rohheit und Gewalttätigkeit gegenüber einem Kind könne auch damit zusammenhängen, dass keine Beziehung zu dem Kind besteht. „Wir würden so ein gewaltsames Vorgehen gegen einen wehrlosen Menschen gerne als Störung ansehen, das ist es aber nicht zwangsläufig“, meint der Psychologe. Man müsse sich auch immer die Frage stellen, wie gewissenhaft ein Mensch sei. „Auf der Skala von 1 bis 10 kann dieser Faktor sehr gering oder sehr hoch sein.“

Der Faktor Gewissenhaftigkeit beschreibt in der Psychologie in erster Linie den Grad an Selbstkontrolle, Genauigkeit und Zielstrebigkeit. Personen mit hohen Gewissenhaftigkeitswerten handeln nach diesem Raster organisiert, sorgfältig, planend, effektiv, verantwortlich, zuverlässig und überlegt. Personen mit niedrigen Gewissenhaftigkeitswerten handeln unsorgfältig, spontan und ungenau. „Gut ist, wenn sich Personen in der Mitte einer solchen Skala bewegen. Das ist glücklicherweise bei vielen Menschen der Fall.“

Thomas Schregel sieht deshalb in Konjunktiven wie „hätte“ und „wäre“ im Zusammenhang mit so einem schrecklichen Ereignis wie bei einer Kindstötung ein ungeeignetes Mittel, dem Phänomen auf die Spur zu kommen: „Was passiert ist, ist passiert. Die konjunktivische Annahme ist nur eine Illusion einer Möglichkeit“, sagt er.

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