Dr. Mirco Kuhnigk, Leiter der Pädiatrie am Bottroper Marienhospital, ist auch ausgebildeter Kinderschutzmediziner. © privat
Coronavirus

Häusliches Elend im Lockdown: Kinder bekommen Druck zu spüren

In Lockdown-Zeiten sind die Nerven in vielen Familien bis zum Zerreißen angespannt. Die Kindernotfallambulanzen merken das. In Dorsten ist das Bild nicht so verheerend wie anderenorts.

Das Krankenhaus Gelsenkirchen-Buer hat eine Kindernotfallambulanz, das Bottroper Marienhospital auch. Beide Häuser behandeln auch Kinder aus Dorsten, wenn diese verletzt eingeliefert oder vorgestellt werden.

Im Coronajahr ist den Spezialisten in der Buerer Klinik eine auffällig hohe Zahl von kleinen Patienten begegnet: „Wir haben zurzeit täglich mit deutlich mehr Patienten als sonst zu tun“, sagt uns die leitende Ärztin der ärztlichen Kinderschutzambulanz, Dr. Christiane Schmidt-Blecher.

Beim ersten Lockdown sei es „ungewöhnlich ruhig in der Kinderschutzambulanz“ geblieben, so Schmidt-Blecher. Seit dem Sommer steige die Zahl aber wieder an. „Aktuell bekommen wir fast täglich drei Kinder zu Gesicht. Ein hoher Anteil von ihnen weist alle Anzeichen für sexuellen Missbrauch auf“, sagt die Medizinerin auch.

Frustration, Druck, Enge – eine explosive Mischung

Ihr Team sieht, wie sich Frustration, Druck und häusliche Enge auf die Kinder auswirken. Die Eskalation der Gewalt zeige sich an folgenden Verletzungsmustern der Kinder: Hämatome an untypischen Stellen, Bisswunden, Striemen, Verbrennungen Knochenbrüche – Alarmzeichen für die geschulten Kindernotfallspezialisten. Nach Abschluss der Diagnostik wird ein Befundbericht erstellt. Zusätzlich erfolgt eine Fotodokumentation von auffälligen Hautbefunden.

Klinikclowns heitern die Stimmung der kleinen Patienten in der Kindernotfallambulanz des Bottroper Krankenhauses auf.
Klinikclowns heitern die Stimmung der kleinen Patienten in der Kindernotfallambulanz des Bottroper Krankenhauses auf. © privat © privat

Dr. Mirco Kuhnigk, Leiter der Pädiatrie und Kinderschutzmediziner am Bottroper Marienhospital, zieht ebenfalls Kollegen zu Rate, wenn Indizien für eine Misshandlung eines Patienten vorliegen.

Bei Knochenbrüchen etwa werden Plausibilitätsprüfungen vorgenommen: „Passen die Angaben zum Verletzungsmuster oder passen sie nicht“ – im ärztlichen Konsil mit Unfallchirurgen wird das untersucht. „In diesem Jahr hat es eine Handvoll dieser Plausibilitätsprüfungen gegeben“, so Kuhnigk.

Enge Zusammenarbeit mit den Jugendämtern

Bei mutmaßlichen Misshandlungen pflegen die Kliniken in Buer und in Bottrop eine enge Zusammenarbeit mit dem Dorstener Jugendamt. Gibt der körperliche Untersuchungsbefund der Kinder Hinweise auf Misshandlung oder sexualisierte Gewalt, nimmt das Verfahren seinen Lauf – Polizei und Jugendamt sind dann für den Schutz der Opfer da.

Eine Steigerung der Anzahl an misshandelten und sexuell missbrauchten Kindern kann das Jugendamt der Stadt Dorsten im Vergleich zu den Vorjahren aber nicht feststellen. „Wir gehen davon aus, dass die Kinder, die in der Kinderschutzambulanz in Gelsenkirchen vorgestellt worden sind, überwiegend aus den Nachbarstädten kommen“, so die Pressestelle der Stadt auf Anfrage.

177 Meldungen deuten auf Kindeswohlgefährdungen hin

In der Phase des „Lockdowns“ im Frühjahr seien im Jugendamt Dorsten verhältnismäßig wenige Meldungen eingegangen. „Im laufenden Jahr 2020 sind bisher 177 Meldungen eingegangen, in denen auf mögliche Kindeswohlgefährdungen hingewiesen wurde“, sagt Pressesprecher Christoph Winkel. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 sind insgesamt 254 Meldungen dieser Art eingegangen.

Körperliche Misshandlungen gab es 2019 augenscheinlich häufiger als in 2020. 28 Meldungen beim Jugendamt bezogen sich 2019 darauf, in 2020 waren es bisher 19 Meldungen. Bezogen auf sexualisierte Gewalt gab es im vergangenen Jahr bei sechs Meldungen die abschließende Einschätzung für sexuelle Gewalt. In 2020 traf dies bisher bei drei Meldungen zu.

Eskalation der Gewalt wegen vielschichtiger Probleme

Oftmals liegen die Gründe für mutmaßliche Eskalationen an den vielschichtigen Problemlagen der Eltern, erläutert Christoph Winkel. Diese Probleme hätten häufig eine direkte Auswirkung auf die Erziehungsfähigkeit der Eltern. „Arbeitslosigkeit, finanzielle Not, drohender Wohnungsverlust und Suchterkrankungen können dazu führen, dass eine Überforderungssituation entsteht und die Situation eskaliert.“

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Seit 20 Jahren als Lokalredakteurin in Dorsten tätig. Immer ein offenes Ohr für die Menschen in dieser Stadt, die nicht meine Geburtsstadt ist. Das ist Essen. Ehefrau, dreifache Mutter, zweifache Oma. Konfliktfähig und meinungsfreudig. Wichtige Kriterien für meine Arbeit als Lokalreporterin. Das kommt nicht immer gut an. Muss es auch nicht. Die Leser und ihre Anliegen sind mir wichtig.
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Claudia Engel

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