Hausärztin Dr. Wenig beendete ihre Karriere - Jetzt denkt sie immer an die Toten Hosen

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Mehr als die Hälfte ihres Lebens war sie Ärztin. Nun ist Heike Wenig selbst krank und hängt ihren Kittel an den Nagel. Damit sie diese schwere Zeit übersteht, hat sie ein besonderes Mantra.

Dorsten, Wulfen-Barkenberg

, 10.02.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Plötzlich war die Praxis geschlossen. Dabei hatte Dr. Heike Wenig (75) zwischenzeitlich noch eine Vertretung gefunden, während sie im Krankenhaus lag. Aber schnell war ihr klar: „Ich komme nicht mehr zurück in den Beruf.“

Im November 2019 diagnostizierte man bei der Ärztin Knochenmarkkrebs. Seitdem besteht ihr Leben aus Chemotherapie und Krankenhausaufenthalten. Aber das hält sie nicht davon ab, positiv zu denken. Sie ist freundlich und gut gelaunt. Wenn man es nicht wüsste, würde man nicht denken, dass diese Frau ernsthaft erkrankt ist. „Ich sehe besser aus, als ich mich fühle“, gibt sie zu und lacht die Sorgen weg.

Praxiseröffnung nach USA-Aufenthalt

Mit 30 Jahren eröffnete sie ihre Praxis, nachdem sie mit ihrem Mann ein Jahr lang in Massachusetts, USA, gelebt hatte. Dort fiel ihr auf, dass es keine Ärzte gab, die auch Hausbesuche machen. „Wenn da die Kinder und der Mann krank waren, dann mussten die zusehen, dass sie irgendwie zum Arzt kamen, notfalls per Krankenwagen“, erzählt die 75-Jährige.

43 Jahre lang war sie Hausärztin in ihrer Praxis im Handwerkshof in Barkenberg. Während ihrer Karriere hat sie einiges erlebt. Gerne erinnert sie sich an eine Rückkehr aus dem Urlaub.

Nach Urlaub plötzlich 144 vietnamesische Patienten

Heike Wenig sagt: „Ich war im Urlaub und meine Vertretung hat mal auf einem Krankenhausschiff vor Saigon gearbeitet. Als ich zurückkehrte, hatten wir plötzlich 144 vietnamesische Patienten.“

Die neuen Patienten hätten kein Deutsch, kein Englisch und kein Französisch gesprochen. Die Krankenkassen hätten die Patienten nicht den richtigen Akten zuordnen können. Deshalb habe Heike Wenig ihnen Nummern gegeben. „Etwa ein Jahr später habe ich eines der vietnamesischen Mädchen als Auszubildende eingestellt“, erinnert sie sich. Ein weiteres Highlight war für Heike Wenig die Ankunft vieler Flüchtlinge in Dorsten. „Den Menschen zu helfen, hat auch viel Spaß gemacht“, sagt sie.

Die Praxis wurde immer größer und die Patienten mehr

Eigentlich wollte Heike Wenig immer nur eine kleine Praxis. Nach und nach wuchs die Zahl ihrer Patienten aber, sodass sie sich nach 15 Jahren Verstärkung suchte und eine Gemeinschaftspraxis gründete. Dieser Kollege verließ die Praxis allerdings nach ein paar Jahren und somit stand Heike Wenig in ihrer mittlerweile 240 Quadratmeter großen Praxis und versorgte ihre Patienten wieder allein.

Hausärztin Dr. Wenig beendete ihre Karriere - Jetzt denkt sie immer an die Toten Hosen

Wenn Dr. Heike Wenig sich gerade nicht um Patienten kümmerte, malte sie. Dafür hat sie nun mehr Zeit. © Werner Wenig

Zusätzlich zur Behandlung ihrer vielen Patienten hat sie eine Zusatzqualifikation für Psychotherapie gemacht und für Autogenes Training. Alle 14 Tage gab es seit 1986 abends nach der Arbeit noch Autogenes Training für ihre Patienten. Ganz ohne Anmeldung kamen sie vorbei.

Einmal plante Heike Wenig, in den Urlaub zu fahren und sagte zu ihrer Gruppe im Spaß: „Ich bin nächstes Mal, wenn wieder Treffen ist, nicht da, aber ihr könnt ja ohne mich weitermachen.“ Und das taten sie.

Neben ihrer Tätigkeit als Hausärztin engagierte sie sich für die Kollegen in Dorsten. Sie war Mitbegründerin des Ärztevereins in Dorsten. Zwölf Jahre lang war sie dort zweite Vorsitzende und danach erste Vorsitzende.

Von der Ärztin zur Patientin

Als Ärztin weiß Heike Wenig, wie Krebs diagnostiziert wird und wie man diesen behandeln kann. Sie hat viele Krebspatienten behandelt, auch erfolgreich. „Viele konnten zum Glück nach einer erfolgreichen Behandlung wieder voll berufstätig sein“, sagt sie.

Nun ist sie selbst krebskrank und kann sich dadurch noch besser in ihre ehemaligen Patienten hineinversetzen: „Jetzt weiß man, wie die Patienten empfunden haben. Vorher wusste man es so genau natürlich nicht.“

Gerne hätte Heike Wenig die 45 Jahre in ihrer Praxis noch vollendet, aber das hat sie aufgrund ihrer Erkrankung jetzt doch nicht geschafft. „Das war eigentlich mein Ziel, aber man braucht all seine Kraft, um diese Krankheit zu überstehen“, sagt die Ärztin.

Jedes Mal, wenn sie wieder 45 Minuten lang die Magnetresonanztomographie (MRT) über sich ergehen lassen muss, denkt sie: „Ich will im Sommer zu den Toten Hosen.“ Das sei ihr Mantra geworden, um diese schwere Zeit zu überstehen.

Team und Patienten waren wie Familie

Im Januar konnten Patienten ihrer Praxis in Barkenberg ihre Krankenakten abholen. Einen Nachfolger hat Heike Wenig nicht gefunden, trotz einer längerfristigen Suche. „Ich habe ja zehn Jahre über normal gearbeitet. Ich habe schon nach einer Nachfolge gesucht, aber keine gefunden“, sagt die 75-Jährige. Sie sei oft darauf angesprochen worden, wann sie denn in Rente gehe. Bei ihrer großen Freude an ihrer Arbeit habe sie kaum gemerkt, dass sie schon vor zehn Jahren hätte in Rente gehen können.

Von Herzen dankbar ist Heike Wenig ihrem ehemaligen Team in der Praxis: „Wir waren wie eine Familie.“ Sie sei froh, dass alle Team-Mitglieder neue Stellen haben. Auch ihren Patienten ist sie sehr dankbar: „Ich freue mich über die vielen lieben Wünsche und die ganzen Blumen.“

An die Zukunft denken hilft bei der Genesung

Jetzt konzentriert sich Heike Wenig auf ihre Genesung. Sie möchte die freie Zeit nutzen, um sich dem Schreiben und dem Malen zu widmen, was sie schon immer nebenher getan hat. Ihr Nahziel sei es, aus dem Rollstuhl herauszukommen.

Vier weitere Chemotherapien hat Heike Wenig noch vor sich. Wenn sie diese hinter sich hat und es ihr besser geht, möchte sie gerne im Spätsommer mit ihrem Mann verreisen, „So wie wir es früher immer gemacht haben“, sagt sie.

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