Der verwahrloste Zustand des denkmalgeschützten Seidemann’schen Hauses an der Kappusstiege 19 in der Altstadt ist vielen Dorstenern ein Dorn im Auge. Doch jetzt soll sich bald etwas ändern.

Dorsten

, 05.09.2018, 17:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Rollläden im Erdgeschoss des windschiefen Hauses sind heruntergelassen. Zwei Fenster im Obergeschoss stehen auf Kipp. Doch aufs Klingeln öffnet niemand die Haustüre. Wohnt hier überhaupt noch jemand? „Nein“, antwortet der Immobilieneigentümer Thomas Ricken, „meine Mieterin ist Anfang dieses Jahres ausgezogen.“

Eine Woche später steht er vor dem urigen Haus. Hin und wieder schaut der Gladbecker bei seinem Dorstener Fachwerkhaus nach dem Rechten. Diesmal hat er jede Menge Materialien dabei, denn die Renovierung ist bereits gestartet. „Ich will jetzt selber hier einziehen und bin gerade dabei, das Gebäude herzurichten“, sagt er.

Tatsächliches Alter ist nicht mehr festzustellen

Das wahre Alter des Hauses kennt niemand, es wird aber auf rund 400 Jahre geschätzt. „Die erste noch existierende Nennung findet sich in den alten Grundbuchakten des Amtsgerichts Dorsten, die im Landesarchiv Münster verwahrt werden“, sagt Stadtarchivarin Christa Setzer. „1795 ist der Weseler Kaufhändler Johann Georg Spiegelhof mit seiner Ehefrau Catharina, geborene Bücht, als Eigentümer des Hauses eingetragen.“ Danach wechselte noch drei Mal der Besitzer - 1820 Carl Terbrüggen, 1854 Johann Burrichter, 1888 Bernhard Ammenwerth - bevor 1893 der Formenstecher Gustav Seidemann das Haus erwarb, das bis 2012 im Besitz der Familie bleiben sollte.

Unkraut schießt aus den Pflasterfugen

Thomas Ricken muss sich nicht bücken, um das hoch aufgeschossene Unkraut am Halm zu packen: „Ich finde es ja auch nicht gut, wie es hier draußen ums Haus herum aussieht. Aber um die Pflege auf diesem Kopfsteinpflasterweg, da muss sich ja wohl die Stadt kümmern“, meint der Eigentümer. Muss sie nicht, entgegnet die Verwaltung, die auf unsere Anfrage schriftlich mitteilt: „Der Gehweg bzw. die Gehwege, die zu dem Haus gehören, müssen vom Anlieger selbstverständlich gepflegt werden. Dazu gehören das Fegen, das Beseitigen von Laub und anderen Verunreinigungen und auch das Entfernen von durch die Fugen wachsenden Kräutern.“

Schmuckstück entwickelt sich zum Schandfleck

Den Passanten dürfte es schnurz sein, wer zu zupfen und zu fegen hat. Sie schütteln den Kopf darüber, dass sich das historische „Schmuckkästchen“, das sich durch seine städtebaulich prägnante Lage direkt an der vielbefahrenen B 224 als Visitenkarte für die Stadt empfiehlt, zunehmend zu einem Schandfleck entwickelt. „Wenn ich bei meinen Stadtrundgängen an dem denkmalgeschützten Haus vorbeikomme und etwas über die Geschichte erzähle, werde ich oft darauf angesprochen“, bestätigt Gästeführerin Petra Eißing.

Blumenkästen an der Fassade sind vertrocknet

Die vertrockneten Blumenkästen an der Fassade zeugen von besseren Zeiten. Mit viel Liebe hatte Rosemarie Schlautmann, geborene Seidemann, die üppige Blumenpracht, die sich unter jedem Fenster, entlang des Söllers und in großen Waschbetonkübeln vor dem Haus ausbreitete, gehegt und gepflegt. „Damit fange ich erst gar nicht an“, schlägt Thomas Ricken das „gärtnerische Erbe“ der Vorbesitzerin aus. „Ich habe es anfangs mit Schlauch, Handdusche und Gießkanne versucht, aber da kommt man aus dem Gießen ja gar nicht mehr ´raus!“

Eine Augenweide: Die hübsche Blumenpracht an der Fachwerkfassade war ein schöner Anblick. Jetzt sind die Blumenkästen vertrocknet.

Eine Augenweide: Die hübsche Blumenpracht an der Fachwerkfassade war ein schöner Anblick. Jetzt sind die Blumenkästen vertrocknet. © Stadtinfo Dorsten


Per Zufall sei er 2012 in den Besitz des Seidemann’schen Hauses gekommen: „Ich hatte damals eine Immobilie gesucht und bei dem historischen Fachwerkhaus in Dorsten schnell zugeschlagen“, sagt der 60-Jährige, der Dorsten aus seiner dreijährigen Schulzeit an der „Fachoberschule“ (heute Berufskolleg) bereits gut kannte. So viel Wohnfläche (mehr als 110 qm) für ´ne kleine Mark (unter 80.000 Euro) kriege man nicht alle Tage. „Meine Frau wollte damals nicht hier einziehen. Deswegen habe ich es dann vermietet“, sagt Thomas Ricken. Aus beruflichen Gründen sei die Mieterin vor einem Dreivierteljahr ausgezogen.

Eines der letzten Häuser innerhalb der ehemaligen Stadtmauern

Unter der Nummer 72 ist das zweigeschossige Wohnhaus mit Krüppelwalmdach in der Denkmalschutzliste von 1982 vermerkt, mit folgender Beschreibung: „Fachwerkbau, südliche Fassade aus Ziegelsteinen. Dem Straßenverlauf angepasster spitzwinkliger Grundriss. Vor 1909 eingeschossiger Anbau an der Ostecke des Hauses, im Obergeschoss als Söller genutzt. Durch eiserne Maueranker an der Ziegelsteinwand 1854 datiert, Fachwerk vermutlich älter.“

Da es sich um „eines der letzten Fachwerkhäuser innerhalb der ehemaligen Stadtmauer der Stadt Dorsten“ handele, wird ihm eine besondere stadtbaugeschichtliche Bedeutung attestiert.

Das Haus Seidemann in einer Aufnahme um 1900 an der Ecke Kappusstiege/Ostgraben.

Das Haus Seidemann in einer Aufnahme um 1900 an der Ecke Kappusstiege/Ostgraben. © Sammlung Heinz Kleine-Vossbeck

Eine Einschätzung, die mancher für überbewertet hält: „Die Balken an der östlichen Fassade des Anbaus sind beispielsweise nur aufgemalt“, enttarnt der lokalhistorisch aktive Heinz Kleine-Vossbeck einige vermeintliche Holzstreben als Fake, im Bestreben, den optischen Eindruck einer geschlossenen Fachwerk-Fassade zu erwecken. Vielmehr sei das Jägering´sche Haus, An der Vehme, das älteste, tatsächlich erhaltene Fachwerkhaus in der Dorstener Altstadt. „Aber unser Haus liegt nicht an so einer exponierten Stelle wie das Seidemann´sche“, wirft der jetzige Bewohner Theo Jägering ein.

Das historische Gebäude „ An der Vehme“ aus dem Komplex des alten Xantener Speichers aus dem 16. Jahrhundert ist im privaten Besitz der Familie Jägering.

Das historische Gebäude „ An der Vehme“ aus dem Komplex des alten Xantener Speichers aus dem 16. Jahrhundert ist im privaten Besitz der Familie Jägering. © Stadtinfo Dorsten

Thomas Ricken schließt die zur Kappusstiege gelegene Haustüre auf. Der zweite Eingang am Ostgraben ist schon lange außer Betrieb. „Hier ist jedes Zimmer ein Unikat. Kein einziger Raum ist rechtwinklig geschnitten“, sagt Ricken. Auch das Niveau der Böden schwankt. Und dass man im Flur ungewollt auf Trab kommt, liegt offensichtlich an dem spürbaren Gefälle. Möbel „von der Stange“ sind in diesem urigen Häuschen nicht überall passend. Wohl dem, der ein Tischler ist. Wie der Vorbewohner Bernhard Schlautmann. Wie mag der nur diesen Wandschrank ins spitz zulaufende Wohnzimmer gezaubert haben?

Ältere Dorstener erinnern sich noch an das Lebensmittelgeschäft

Ältere Dorstener können sich noch gut an das Lebensmittelgeschäft erinnern, das die Familie Seidemann damals in diesem Raum betrieben hatte. Vor allem an die verführerische Bonbon-Vitrine. „Ich musste zweimal pfeifen, wenn ich allein das Geschäft betrat - aber ich hatte große Taschen“, erzählt Rosemarie Schlautmann in dem Zeitungsbericht, der anlässlich des Hausverkaufs an Thomas Ricken im März 2012 in der Dorstener Zeitung veröffentlicht wurde.

Dieses gemalte Bild zeigt das Haus Seidemann in den 1950er-Jahren, als es noch eine Lebensmittelhandlung beherbergte.

Dieses gemalte Bild zeigt das Haus Seidemann in den 1950er-Jahren, als es noch eine Lebensmittelhandlung beherbergte. © Klaus-Dieter Krause/Archiv Dorstener Zeitung

Rosemarie Seidemann kam 1936 in einer Kammer im Obergeschoss zur Welt. „Da besaß das Haus als einziges in der Straße schon eine Toilette und Stromanschluss, weil wir keinen Hof für ein Plumpsklo hatten“, weiß das Familienmitglied, das in fünfter Generation das Haus bewohnte. In dem kleinen Anbau habe ihr Vater zwei Schweine gemästet: „Obwohl offiziell nur eins erlaubt war!“

Wegen der Liebe die Familie verlassen

Anfang des 19. Jahrhunderts war in dieses Eckhaus ihr Ur-Ur-Großvater eingezogen. Er hatte sich mit seiner Familie, die in Greiz (Thüringen) eine Seidenfabrik besaß, überworfen, weil die seiner Heirat nicht zustimmte, erzählte die Nachfahrin. In der neuen Heimat sei er dann Lokomotivführer geworden.

Ringelreigen vor dem Seidenmann´schen Haus. Die Einmündung der Kappusstiege in den Ostgraben war offensichtlich ein beliebter Spielplatz für die Kinder der Nachbarschaft.

Ringelreigen vor dem Seidenmann´schen Haus. Die Einmündung der Kappusstiege in den Ostgraben war offensichtlich ein beliebter Spielplatz für die Kinder der Nachbarschaft. © Sammlung Heinz Kleine-Vossbeck

„Unter diesem Dach waren zeitweise drei Generationen und sogar zwangsweise Untermieter sehr beengt untergebracht, hier haben wir viele schöne und manche traurige Stunden verbracht“, nahm sie ungern Abschied. Doch das verwinkelte Gebäude mit den niedrigen Kellergewölben und steilen Treppen ist alles andere als seniorengerecht und machte das Wohnen für das Ehepaar zunehmend beschwerlich. So verkauften die beiden vor sechs Jahren schweren Herzen das Haus an Thomas Ricken und zogen selbst in eine Seniorenwohnung. Bernhard Schlautmann starb im Mai dieses Jahres. Ehefrau Rosemarie lebt in einem Dorstener Seniorenheim.

Schweren Herzens trennte sich das Ehepaar Seidemann/Schlautmann im Frühjahr 2012 von seinem Haus. Ines (l.) und Herbert Wiethoff (r.) vermittelten den Verkauf der Immobilie.

Schweren Herzens trennte sich das Ehepaar Seidemann/Schlautmann im Frühjahr 2012 von seinem Haus. Ines (l.) und Herbert Wiethoff (r.) vermittelten den Verkauf der Immobilie. © Klaus-Dieter Krause/Archiv Dorstener Zeitung

Thomas Ricken prockelt an der gipsverfüllten Sparren-Decke im Obergeschoss, die ihm mit leisem Mörtelriesel antwortet. Eine Leiter braucht er dafür nicht - bei knapp zwei Metern Raumhöhe reicht es, den Arm hochzustrecken. Und: Bitte nicht hüpfen! Das könnte Kopfweh geben. Tja, ganz schön runtergewohnt. Mit Tapezieren und Anstreichen alleine ist das Renovieren nicht erledigt. Und da das gesamte Gebäude unter Denkmalschutz gestellt ist, muss jede Veränderung mit der Denkmalpflege abgestimmt werden. Der Eigentümer macht sich nichts vor: „Da kommt ganz schön Arbeit auf mich zu.“ Aber da er sich gerade auf der Zielgeraden in die Rente befinde, habe er ja auch mehr Zeit, um sich zu kümmern.

Da gibt es noch viel zu tun: Thomas Ricken begutachtet auch den Söller des historischen Hauses, das er in den kommenden Monaten renovieren will.

Da gibt es noch viel zu tun: Thomas Ricken begutachtet auch den Söller des historischen Hauses, das er in den kommenden Monaten renovieren will. © Anke Klapsing-Reich

Und Hilfe für die Außenrenovierung gibt es auch: „Ich habe jetzt einen Brief von der Stadt bekommen. Darin macht sie mich auf das Hof- und Fassadenprogramm ihres Stadterneuerungsprogramms ,Wir machen Mitte‘ aufmerksam“, erzählt Ricken. Mit dieser befristeten Fördermaßnahme unterstützt die Stadt Immobilieneigentümer mit einem finanziellen Zuschuss, wenn sie ihr Eigentum gestalterisch aufwerten und somit zu einer positiven Außenwirkung des Standortes Dorsten beitragen.

Förderung durch das Hof- und Fassadenprogramm

Da kommt dem Haus Seidemann natürlich eine besondere Rolle zu. Schließlich präsentiert das alte Fachwerkhaus, das sogar den Bombenangriff vom März 1945 überlebt hat, die Stadtgeschichte Dorstens auch über die Stadtgrenzen hinaus. „Es bildet zusammen mit dem östlichen Teil der Kappusstiege eine städtebaulich wirksame Eingangs- und Torsituation und prägt hierbei einen der zahlreichen Zugänge zur Altstadt“, kommentiert Stadtbaurat Holger Lohse auf unsere Anfrage.

Thomas Ricken ist fest entschlossen, sich in dieser Sache beraten zu lassen. „Ich werde die zuständigen Herren im Stadtteilbüro ,Wir machen Mitte‘ mal aufsuchen.“ Vielleicht können die Profis dann ja auch Paten vermitteln, die das Unkraut zupfen und Geranienkästen gießen. Auf dass das Haus Seidemann wieder zu dem Schmuckstück werde, das die Dorstener so sehr geschätzt und geliebt haben.

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