„Ich bin tot, wenn ich das anzeige“ – die Angst, zur Polizei zu gehen

mlzGewalt-Kriminalität

Eine neue Studie zu Gewalt und Kriminalität offenbart, dass viele Straftaten im verborgenen bleiben, der Täter nicht angezeigt wird. Eine Polizeihauptkommissarin spricht über die Gründe.

Dorsten

, 08.11.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Am vergangenen Montag (2.11.) stellten NRW-Innenminister Herbert Reul und Heimatministerin Ina Scharrenbach in Düsseldorf die Dunkelfeldstudie zur Gewalt und Kriminalität in NRW vor. 60.000 repräsentativ ausgewählte Bürger wurden dafür landesweit angeschrieben und befragt.

Die Auswertung ergab, dass nur jede vierte Körperverletzung und jede hundertste Beleidigung zur Anzeige gebracht wird; dieser Teil findet somit Eingang in die Kriminalstatistik. Der Rest bleibt den Strafverfolgungsbehörden unbekannt, das sogenannte Dunkelfeld.

Erpressung und Bedrohung

Marion Bednarz ist Opferschutzbeauftragte der Polizei in Recklinghausen. Zu ihr kommen Senioren, die ausgeraubt, Frauen, die von ihrem Mann geschlagen wurden oder Menschen, die erpresst werden. Durch ihre Berufserfahrung kann Bednarz einschätzen, warum viele Delikte nicht zur Anzeige gebracht werden.

Kriminalhauptkommissarin Marion Bednarz ist Opferschutzbeauftragte der Polizei im Kreis Recklinghausen.

Kriminalhauptkommissarin Marion Bednarz ist Opferschutzbeauftragte der Polizei im Kreis Recklinghausen. © Lydia Heuser (A)

Gehe es um Körperverletzung, Bedrohung oder Erpressung, die im Zusammenhang mit Clan-Kriminalität, den Bandidos oder Hells Angels stünden, würden Opfer den Weg zur Polizei aus einem Grund scheuen. „Die denken sich: ‚Ich bin tot, wenn ich das anzeige’“, weiß Marion Bednarz. Hinzu komme das vermeintlich zu lasche Strafsystem.

Im Grunde eine Kosten-Nutzen-Rechnung, die die Opfer aufmachen: Statt weitere Repressalien in Kauf zu nehmen, kommen Erpressungsopfer lieber den Forderungen nach.

Häusliche und psychische Gewalt

Im Fall von jahrelanger häuslicher Gewalt sei es ähnlich. Opfer entscheiden sich lieber für die Ehe und für das sichere Auskommen, als Anzeige zu erstatten, die Scheidung einzureichen, zu gehen und in eine ungewisse Zukunft zu starten. Besonders schwierig werde es bei psychischer Gewalt, mehr als die Hälfte der Befragten der Dunkelfeldstudie haben im Laufe des Lebens schon psychische Gewalt erlebt. Das Problem: „Die kann man nicht beweisen, nicht messen“, weiß die Kriminalhauptkommissarin. Deshalb kann auch keine Straftat zur Anzeige gebracht werden.

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Laut Studie wird im Laufe des Lebens fast jeder Vierte in der Partnerschaft beleidigt, jeder Zehnte wird von seinem Partner körperlich verletzt.

Bednarz weiß, was jahrelange psychische Gewalt anrichten kann: „Wenn ich jeden Tag höre, ich bin Dreck, dann werde ich krank und gehe jämmerlich zugrunde.“ Zu ihr kämen Lehrerinnen, Psychologen, Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, die psychischer Gewalt ausgesetzt sind. „Es zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und es hat nichts mit dem kulturellen Hintergrund oder der Bildung zu tun“, weiß die Opferschutzbeauftragte. „Wenn man psychisch labil ist, spielt das alles keine Rolle.“

Anzeigen schützen zukünftige Opfer

Sexuelle Gewalt erleben in NRW laut Studie am häufigsten Frauen in Form von sexueller Beleidigung bzw. Belästigung (23,2 % bei Einzeltätern, 5 % bei Gruppen). Körperliche Gewalt erleben Männer im Laufe ihres Lebens am häufigsten in Form von Körperverletzung (29,3% bei Einzeltäter, 15,4 % bei Gruppentätern).

Letztgenannte Gewalt-Straftat wird am häufigsten angezeigt. Mit Scham und Schuld besetzte Gewaltdelikte hingegen viel seltener. Vor allem wenn der Täter aus dem sozialen Umfeld stammt, sei die Anzeigenquote gering.

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Marion Bednarz weiß um dieses Dunkelfeld und kann nur zur Anzeige raten: „Selbst wenn die Vergewaltigung mit 20 Jahren passiert ist und die Frau ist schon 80, entlastet das Erzählen das Opfer und stärkt es.“ Außerdem könne es, egal bei welcher Straftat, ein Wiederholungstäter sein, der der Polizei vielleicht schon bekannt und sogar vorbestraft ist. Mit einer Anzeige könne man weitere potenzielle Opfer schützen.

Studie

Warum Opfer nicht zur Polizei gehen

  • Die Befragten der Studie zeigten eine Straftat am häufigsten deshalb nicht an, weil die Schwere der Tat zu gering sei. 61,4 Prozent, die eine Tat nicht anzeigten, erklärten sich so.
  • Jeweils jeder Vierte hielt die Aufklärung der Tat für unwahrscheinlich oder hatte keine Beweise.
  • Befragt nach Gründen, die sie doch zur Polizei geführt hätten, gaben 42,3 Prozent „tatspezifische Gründe“ an - darunter wird eine Wiederholungstat und auch eine Zunahme der Gewalt gefasst.
  • Die Außenstelle des Weißen Rings im Kreis Recklinghausen ist unter Tel. (0151) 55164749 oder unter weisser-ring-re@t-online.de erreichbar.
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