Wulfen-Barkenberg ist DigiQuartier. Ein Stadtteil, in dem eine soziale Internetplattform aufgebaut wird. Und davon haben vor allem ältere Menschen in Wulfen und Barkenberg was.

Wulfen, Wulfen-Barkenberg

, 30.01.2019, 13:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Barkenberg kommt in die Jahre. Die ersten Siedler zogen schon in den 1960er-Jahren in die Neubauten zwischen Maiberger Allee und Wittenberger Damm. Die Stadtteil-Urgesteine sind älter geworden. Ihre Bedürfnisse haben sich geändert. Geringere Mobilität und gesundheitliche Einschränkungen können einsam und krank machen. Deshalb sollen die Menschen im Quartier mithilfe von außen über das Internet vernetzt werden.

Niemand weiß das besser für den Stadtteil zu organisieren als Jasmin Kuhlmey (33). Kuhlmey ist in Barkenberg aufgewachsen und lebt heute mit ihrer Familie im Ortsteil Wulfen. Dem Kreis Recklinghausen kam die Wulfen-Barkenbergerin mit ihrer pädagogischen Ausbildung mit Schwerpunkt „Digitale Medien“ gerade recht, als er das Modellprojekt DigiQuartier ausrief.

Bürger bauen für Bürger etwas auf

Denn Jasmin Kuhlmey soll das völlig neue Projekt als Quartiersmanagerin leiten. Und so beschreibt sie ihr Ziel: „Ich möchte in den kommenden drei Jahren eine Internet-Plattform mit ehrenamtlichen Digitalhelfern und Wulfenern für andere Menschen im Stadtteil schaffen. Ziel ist es, die Bürger sozial so zu vernetzen, dass sie selbstständig Gesundheits-, Hilfsangebote oder Veranstaltungsangebote im Internet abrufen können.“ Nicht zuletzt sollen durch die Arbeit soziale Kontakte der Bewohner neu geknüpft oder vertieft werden.

Die Scheu vor dem Computer sollen Digitalhelfer älteren Menschen in Wulfen-Barkenberg nehmen.

Die Scheu vor dem Computer sollen Digitalhelfer älteren Menschen in Wulfen-Barkenberg nehmen. © dpa

Es ist ambitioniert, was sich die 33-Jährige im Auftrag des Kreises Recklinghausen vorgenommen hat. Denn sie soll Menschen, die älter sind als 60 oder 70 Jahre, schmackhaft machen, wie man das Internet für seine eigenen Zwecke nutzen kann. „Nicht jeder in dieser Altersgruppe kennt sich mit WhatsApp, Online-Banking und wirklich empfehlenswerten Adressen im Internet für ambulante Hilfsmittel aus. Das will ich ändern“, sagt Kuhlmey.

Kuhlmey wird das nicht alleine machen. Die Menschen der Wulfen-Konferenz (das ist die Stadtteilrunde) haben ihr schon signalisiert, dass sie sie tatkräftig unterstützen werden. Und auch Christian Gruber, der Vater der digitalen Enzyklopädie für den Stadtteil, Wulfen-Wiki, ist nur zu gern bereit, seine Plattform für weitere Einträge zu öffnen, damit alle Altersgruppen was davon haben.

Ambulant vor stationär: So lautet das Leitbild

So soll das Leitbild des Kreises Recklinghausen, „Ambulant vor stationär“, ganz praxisnah für die Senioren in Wulfen und Barkenberg umgesetzt werden. Wer will schon im Alter in ein Pflegeheim, wenn die heimischen vier Wände Geborgenheit und Sicherheit versprechen, aber vielleicht menschliche Ansprache und ein paar Hilfsmittel fehlen, um diesen Wunsch zu erfüllen?

Für Ringo Schoepke, dem Projektleiter im Kreishaus für die drei DigiQuartiere (neben Wulfen-Barkenberg auch Habinghorst in Castrop und Herten), ist völlig klar, dass nur die wenigsten Menschen wirklich in einem Altenheim ihren Lebensabend verbringen möchten. „Wir wollen die Lebensqualität der Bürger in den Quartieren erhalten. Sie sollen in ihrer eigenen Umgebung bleiben und trotzdem gut versorgt werden“, sagt er.

Teilnahme am Modellprojekt DigiQuartier empfohlen

Damit alte, gebrechliche oder demenziell erkrankte Menschen ihre Umgebung nicht verlassen müssen, hat der Kreis Recklinghausen seinen zehn Städten die Teilnahme am Modell „DigiQuartier“ empfohlen. „Ich habe sofort gesagt: Dorsten möchte das haben“, sagt die Demografie-Beauftragte der Stadt, Petra Kuschnerenko. Sich rechtzeitig Gedanken zu machen, wie man im Alter seine schwindende Mobilität auffangen und Kontakte zum Umfeld bewahren oder knüpfen kann, hat Petra Kuschnerenko von Amts wegen im Blick.

Deshalb zeigt ihr die demografische Entwicklung in den Stadtteilen Dorstens, wo Eingriffe von außen nötig sind, damit das Innenleben im Ortsteil lebendig und attraktiv für die älter werdende Bevölkerung bleibt.

13.700 Menschen leben in Wulfen - die meisten sind alt

Etwa 13.700 Menschen leben in Wulfen und Barkenberg. Nur 17 Prozent der Wulfen-Barkenberger sind zwischen 35 und 55 Jahren alt, lediglich 13 Prozent zwischen sechs und 26 Jahren alt. Der weitaus größte Teil der Wulfener und Barkenberger ist laut Statistik 55 Jahre und älter. „Wulfen-Barkenberg ist einer der bevölkerungsreichsten Stadtteile Dorstens mit einem ausgesprochen hohen Seniorenanteil“, fasst Petra Kuschnerenko zusammen. Deshalb konzentriere sich das Modellprojekt DigiQuartier auch auf dieses Stadtviertel.

„Hilfsangebote für diese Altersgruppe gibt es bereits. Zum Beispiel das Repair-Café. Oder den Nachbarschaftsverein. Oder das Markt-Café im Gemeinschaftshaus Wulfen. Aber es gibt noch keine Plattform, über die sich Senioren gezielt Hilfe holen können“, sagt sie.

Ehrenamtliche Digitalhelfer werden ab sofort gesucht

Jasmin Kuhlmeys erste Aufgabe ist es also, Schulungsleiter für interessierte Senioren zu akquirieren, damit diese einen sicheren Umgang mit dem Computer oder Smartphone lernen. „Wir suchen dringend ältere Wulfener und Barkenberger, die fit sind und anderen ehrenamtlich ihr Computerwissen ganz praktisch vermitteln können“, sagt Kuhlmey.

Neben der Schulung der Senioren an Computern in der Bürger- und Schulmediothek „Bibi am See“ am Wulfener Markt 4 gibt es eine Vielzahl von Informationsveranstaltungen und Exkursionen, an denen die Bewohner des Stadtteils teilnehmen sollen.

Denn jeder digitale Fortschritt kann auch eine Gefahr sein. Vor Online-Banking graust es vielen älteren Menschen. Wenn aber keine Filiale der Hausbank mehr fußläufig zu erreichen ist, kann das Banking eine gute Alternative zum Bankbesuch am Schalter sein. Was konkret empfehlenswert ist und wie man sicher im Netz surft, soll von Fachleuten vermittelt werden.

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Am 16. Mai referiert der Seniorenforscher Michale Cirkel über digitale technische Möglichkeiten in den eigenen vier Wänden.

„Es gibt viele neue Angebote, die längst nicht jeder kennt“, sagt Ringo Schoepke. Zum Beispiel den Elektroherd, der sich automatisch abschaltet, wenn eine bestimmte Zeit lang keine Aktivitäten am Ofen verzeichnet werden. Oder Bewegungssensoren in Steckdosen, die Alarm auslösen, wenn sich jemand gar nicht mehr bewegt. Selbst ein Fußboden kann dem ambulanten Pflegedienst „mitteilen“, ob eine Person gestürzt ist. All das ist technisch möglich und in bestehenden Wohnungen nachrüstbar.

Notfallknopf wird von digitalen Neuerungen abgelöst

„Viele Senioren kennen ja schon den Notfallknopf, mit dem sie ambulante Helfer alarmieren können. Doch meist legen die Inhaber den Knopf gar nicht an, so dass sie ihn bei einem Sturz auslösen können“, weiß Petra Kuschnerenko. Die digitale Technik ist ein deutliches Stück weiter. So gibt es Armbänder, die Alarm auslösen, wenn zum Beispiel ein demenziell Erkrankter sich verläuft und nicht nach Hause zurückfindet.

„Die Bandbreite ist riesig“: Ringo Schoepke hält sich auf dem Laufenden und deshalb wird es auch eine Technikdatenbank für alle Interessenten im Internet geben. „In dieser werden bestehende digitale Angebote zur Gesundheitsförderung oder zu technischen Anwendungen im Bereich Pflege und Robotik vermerkt. Der Zugang ist niederschwellig und für alle Altersgruppen möglich“, verspricht Schoepke. Das digitale Netz schafft soziale Kontakte und erweitert den Aktionsradius - gesellschaftliche Teilhabe inbegriffen.

Jasmin Kuhlmey ist zuversichtlich, dass sie in den drei Projektjahren ihr Ziel erreichen wird. Ihre Voraussetzungen dafür sind sehr gut. Jasmin Kuhlmey ist im Stadtteil auch ohne ihre Aufgabe als Quartiersmangerin tief verwurzelt.

Ihr Büro ist im Obergeschoss des Gemeinschaftshauses Wulfen am Wulfener Markt 5 zu finden. Zu erreichen ist sie telefonisch unter (02369) 209611 oder per E-Mail: jasmin.kuhlmey@dorsten.de

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