Zukunft Biogas? Junger Landwirt sorgt sich um den elterlichen Hof

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Markus Schulte-Spechtel will Landwirt werden. Auf dem Hof seiner Eltern produziert eine Biogasanlage Strom. Doch sie wird nur noch bis 2029 subventioniert. Das könnte das Ende des Hofs sein.

Wulfen, Lembeck

, 10.05.2020, 19:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Kontrollgang. Markus Schulte-Spechtel klettert auf ein Metallgerüst. Durch ein Guckloch schaut er in den Betonbehälter. Kurz sieht er der Masse da drin zu, wie sie brodelt und blubbert. Dann sagt er: „Füllstand passt.“ Auch die Temperatur des Rohrs, das diesen Betonbehälter mit dem daneben verbindet, stellt ihn zufrieden. „Biogas“ steht auf der Leitung.

Auf dem Hof seiner Eltern entsteht aus Gülle, Mais und anderen nachwachsenden Rohstoffen Methan. Bei der Verbrennung wird Strom gewonnen. Es riecht weder nach Mist noch nach Gülle oder Gas. Es riecht nach Landluft, wenn man es nett ausdrücken will. Oder nach Putenstall. Der ist nur ein paar Meter von der Biogasanlage entfernt.

Immer auf dem elterlichen Hof geholfen

Markus Schulte-Spechtel hatte bis vor Kurzem Semesterferien. Er kann sich an keine Zeit erinnern, in der er nicht auf dem Familienhof in Wulfen geholfen hat. Heute ist er 22 Jahre alt, will wie seine Eltern Landwirt werden – und den Hof, der seit dem 14. Jahrhundert in Familienbesitz ist, übernehmen. Deshalb hat er nach seiner landwirtschaftlichen Ausbildung ein Studium in Soest angefangen: Agrarwirtschaft. Landwirtschaft ist heute nicht mehr nur körperliche Arbeit. Das weiß er.

Was Markus Schulte-Spechtel auch weiß: „In neun Jahren laufen die Subventionen für unsere Biogasanlage aus“, sagt er. Was er nicht weiß: Ob er die Anlage dann weiter betreiben und den Hof halten kann. Denn momentan bringt die Anlage der Familie rund 50 Prozent der Einnahmen – neben Putenzucht, Spargel- und Erdbeerverkauf.

Subvention läuft 2029 aus

Die Biogasanlage der Schulte-Spechtels ging im Jahr 2009 ans Netz – während des Biogas-Booms. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) lockte die Bundesregierung ab dem Jahr 2000 mit Subventionen für Strom aus Biogasanlagen und anderen erneuerbaren Energiequellen – garantierte Strompreise für 20 Jahre.

Durch ein Guckloch überprüft Markus Schulte-Spechtel den Füllstand der Biomasse in der Anlage.

Durch ein Guckloch überprüft Markus Schulte-Spechtel den Füllstand der Biomasse in der Anlage. © Nadine Wuchenauer

Heute, 20 Jahre später, fallen die ersten Biogasanlagen aus dieser Förderung heraus. Eine Anschlussförderung bekommt nicht jeder und ist mit hohen Auflagen und der Teilnahme an einer Ausschreibung verbunden. Markus Schulte-Spechtel versteht das nicht. Zusammen mit seiner Mutter Marie-Theres sitzt er im Esszimmer ihres Landhauses. Sie checkt in einer Smartphone-App, wie viel Gas die Anlage gerade produziert. Er denkt weiter über die Zukunft des Hofes nach, über seine Zukunft.

„Biogas ist eine gute Sache“, sagt Markus. Die Anlage könne die Menschen vor Ort mit Strom und Wärme versorgen. Die Schulte-Spechtels speisen den Strom ins Stromnetz ein, nutzen die Wärme der Motoren zum Heizen der Putenställe und der Biogaskessel. Ein zweiter Motor steht neben der Gesamtschule und dem Gemeinschaftshaus Wulfen. Auch hier wird die regenerative Energie genutzt.

“ Ich hoffe, dass die Politik für alle Biogasanlagen noch eine Lösung findet.“
Markus Schulte-Spechtel

Gut fürs Klima, findet Markus Schulte-Spechtel. „Ich hoffe wirklich, dass die Politik für die ganzen Biogasanlagen in Deutschland noch eine Lösung findet. Wäre doch schade, wenn die ganze Energieinfrastruktur verloren geht, weil ich die Anlage nicht mehr finanzieren kann.“

Das klingt plausibel. Und auch die Ziele auf Bundes- und EU-Ebene passen zu den Forderungen des jungen Landwirts: Klimaneutralität bis 2050, so steht es im „Green Deal“ von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. 65 Prozent der Energie im Stromsektor aus erneuerbaren Energien bis 2030; darauf haben sich Union und SPD im Koalitionsvertrag vom März 2018 geeinigt. Aktuell liegt der Anteil bei 37,8 Prozent.

Zukunft Biogas? Junger Landwirt sorgt sich um den elterlichen Hof

© Grafik: Lenja Hülsmann

Einer, der daran zweifelt, dass die Regierung diese Ziele erreichen wird, ist Hubert Loick. Er leitet die Loick AG, die sich auf nachwachsende Rohstoffe spezialisiert hat. Seine Firma besitzt 22 Biogasanlagen in Deutschland. Er glaubt an die Technologie. 1999 ist seine erste Anlage ans Netz gegangen, neben dem Firmensitz in Lembeck. Nur fünf Kilometer von der Anlage der Schulte-Spechtels entfernt.

Zur Sache

Erneuerbare-Energien-Gesetz

Strom nachhaltig zu produzieren, ist das Ziel von Wind-, Solar- oder Biogasanlagen. Um das zu fördern, beschloss der Bundestag im Jahr 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Denn: Nachhaltiger Strom kann teurer sein als Strom aus Atom- oder Kohlekraftwerken. Die Kosten zahlen alle Stromkunden über die EEG-Umlage, anteilig am Stromverbrauch. Durch die Förderung soll es sich lohnen, „grünen“ Strom anzubieten und die Technologien weiterzuentwickeln, sodass die Produktion langfristig günstiger wird. Befristet ist die Förderung auf 20 Jahre, ab 2021 läuft sie damit für die ersten Anlagen ab. Für Biogasanlagen können die Zuschüsse einmalig verlängert werden – nach einer Ausschreibung. Dabei sind gerade diese Anlagen wichtig für einen nachhaltigen Strommarkt, denn anders als Solar- oder Windkraftwerke können sie flexibel zu- oder abgeschaltet werden.

„Wir bürokratisieren die Branche gerade kaputt“, sagt er. Das Ziel von 65 Prozent der Koalition könne man nur mit Mut erreichen. Dazu gehöre auch, dass man das politisch Gewollte in die Realität umsetze. „Wenn wir regenerative Energien wollen, dann muss die Politik dafür die Rahmenbedingungen schaffen“, sagt er. Genehmigungen für neue Anlagen zum Beispiel. Die sollten einfacher sein, findet Hubert Loick.

Das Umweltbundesamt (UBA)vfordert das Gegenteil: Im Mai 2019 schlägt es vor, eine „Biogasanlagenverordnung“ zu veranlassen. Der Grund: 70 bis 85 Prozent der geprüften Biogasanlagen weisen erhebliche sicherheitstechnische Mängel auf. Und das könne gefährlich werden. Seit 2005 gab es 374 Unfälle in deutschen Biogasanlagen. Es kam zu Bränden, Explosionen und zur Freisetzung von Methan und Gülle.

Den Klimawandel muss man ernst nehmen

Bei den Schulte-Spechtels gab es keinen Unfall. Markus Schulte-Sprechtel sieht in der Biogasanlage trotz der Kritik vom UBA eine Chance. Er weiß, dass man den Klimawandel ernst nehmen muss. Viele Menschen in seinem Alter nehmen an Fridays For Future-Demos teil. Die Aufmerksamkeit, die das Thema Umweltschutz bekommt, findet er gut. „Aber viele von denen wissen gar nicht, dass wir Landwirte auch etwas Gutes tun für das Klima, für die Umwelt“, sagt er. Als Umweltsünder will er nicht gelten. Für die Putenmast werde die Familie von Klimaaktivisten beschimpft.

„Wir bürokratisieren die Branche gerade kaputt.“
Hubert Loick

Bis er den Hof übernimmt, bis zur Entscheidung, wie es mit der Biogasanlage weitergeht, bleibt Markus Schulte-Spechtel noch Zeit. Doch schon jetzt müssen er und seine Familie über Alternativen nachdenken „Wir überlegen, welche Investitionen wir machen könnten, um ein weiteres Standbein aufzubauen oder vorhandene zu vergrößern“, sagt er. Die Putenmast auszubauen, sei schwierig. „Die Auflagen sind momentan extrem hoch.“ Dass ein dritter Putenstall genehmigt wird, sei unwahrscheinlich.

Buchhaltung lässt sich nicht vermeiden

Vor der Bürokratie, die auf ihn zukommt, graut es Markus Schulte-Spechtel. Das machen im Moment noch seine Eltern. „Buchhaltung ist aber ein Teil meines Studiums. Das wird schon“, sagt er. Die Ordnung im Büro habe ihm seine Mutter erklärt. „Das ist ja alles kein Hexenwerk, wenn man es einmal verstanden hat“, sagt Markus Schulte-Spechtel.

Mit dem Teleskoplader befüllt Markus Schulte-Spechtel den Tank der Biogasanlage.

Mit dem Teleskoplader befüllt Markus Schulte-Spechtel den Tank der Biogasanlage. © Nadine Wuchenauer

Was er nicht mehr lernen muss: Trecker fahren. Das hat er mit sechs Jahren zum ersten Mal gemacht. Und das sieht man auch, wenn er die Biogasanlage „füttert“. Mit dem Teleskoplader fährt er mehrmals zwischen dem Maissilage-Lager und der Biogasanlage hin und her, befüllt mit der Schaufel den Tank – bis die Anlage genug Futter hat, um die nächsten Kilowattstunden Strom und Wärme zu produzieren.

Für Markus Schulte-Spechtel ist klar: Er wird Landwirt. Egal wie sich die Politik entscheidet, wie es mit der Finanzierung von Biogasanlagen weitergeht. Denn das ist sein Traumberuf.

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