Jutta Schauer bringt Leben in verwaiste Jugendhäuser in der Ukraine

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Jutta Schauer ist eine erfahrene Herbergsmutter. 21 Jahre lang leitete sie mit ihrem Mann die Jugendherberge Lembeck. Ihr Know-how hat sie jetzt in die Ukraine geführt.

Dorsten

, 18.02.2019, 13:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit 50, die Kinder waren groß und aus dem Haus, wollte Jutta Schauer unbedingt noch mal etwas anderes machen. Sie recherchierte im Internet und stieß auf die Organisation Senior Experten Service (SES). Der SES gibt weltweit Hilfe zur Selbsthilfe, indem er Fach- und Führungskräfte aller Branchen rund um den Globus schickt, damit sie mit ihrem Expertenwissen vor Ort unterstützen können.

Jutta Schauers Spezialgebiet ist die Hauswirtschaft. Die 60-Jährige arbeitet als Hauswirtschaftsmeisterin beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe und leitete gemeinsam mit ihrem Mann 21 Jahre lang die Jugendherberge Lembeck.

Das Konzept des SES fand sie spannend, also registrierte sie sich auf der Internetseite der Organisation und bot ihre Dienste an. Es dauerte einige Zeit, bis eine konkrete Anfrage kam. Im April 2018 fragte der SES bei Jutta Schauer an, ob sie sich vorstellen könne, für drei Wochen in die Ukraine zu gehen. Eine Sozialpädagogin aus Sumy im Nordosten der Ukraine, die dort mehrere Kultur- und Jugendzentren leitet, suchte Unterstützung.

Jeder zweite Jugendliche im Osten der Ukraine ist unzufrieden

Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen in der Ukraine sind laut der repräsentativen Jugendstudie „Ukrainian Generation Z“ aus dem Jahr 2017 der Ansicht, dass sich die Ukraine und Russland faktisch im Krieg befinden. Das Glücksempfinden ist bei den Jugendlichen im Osten wesentlich geringer als in anderen Regionen des Landes. Etwa jeder zweite Jugendliche im Osten ist unzufrieden mit seinem Familienleben (gegenüber 77 Prozent im Westen). Die jungen Menschen im Osten der Ukraine sind außerdem am wenigsten zufrieden mit der Qualität der Bildung im Land sowie dem Leben allgemein. Sozialarbeiter und Kulturschaffende vor Ort können also jede Unterstützung gebrauchen.

Jutta Schauer überlegte nicht lange und sagte zu – trotz des Kriegs, trotz der Sprachbarriere. „Ich hatte da eigentlich keine Angst“, sagt sie. „Der Einsatzort war zwar weit östlich, aber nicht im Donbass. Ich war eigentlich sogar ganz froh, das sind ja Europäer mit einem ähnlichen Humor wie wir.“

Normalerweise werden die Experten des SES mindestens in einem 2-Sterne-Hotel untergebracht. Das gab es in dem Dorf, in dem Jutta Schauer die meiste Zeit tätig war, aber nicht. „Ich wurde dann bei der Mutter der Auftraggeberin untergebracht, mit der ich mir ein Zimmer geteilt habe.“ Die beherrschte noch ein paar wenige Wörter Deutsch aus ihrer Schulzeit, Jutta Schauer hatte sich vorher 50 Wörter Ukrainisch antrainiert. „Wir haben uns super verstanden und uns abends Kartenspiele beigebracht“, erzählt Jutta Schauer. „Mit Händen und Füßen hab ich immer rausbekommen, was ich wissen wollte.“

Jutta Schauer bringt Leben in verwaiste Jugendhäuser in der Ukraine

Viel los war in den Dörfern, in denen Jutta Schauer tätig war, nicht. „Aber da gab es so ein verwaistes Einkaufszentrum und keiner wusste, was das da soll. Das hat mich an die Mercaden erinnert.“ © privat

Schauers Aufgabe bestand darin, wieder Leben in die teils verwaisten Jugendzentren der umliegenden Dörfer zu bringen. Vorab holte sie sich Anregungen im Leo und im Treffpunkt Altstadt und entwickelte ein Konzept, „von dem ich direkt gut ein Drittel wieder streichen konnte, weil es zumindest ein bisschen was gekostet hätte“.

Es mussten also Vorschläge her, die nichts kosten: Wikinger-Schach zum Beispiel, „das Holz lag da ja vor der Tür“, erzählt Jutta Schauer. „Oder Schmuck basteln aus den Federn der vielen Hühner, die es dort gibt. Und dann eine Indianer-Themenwoche machen.“ Die Ukrainer seien sehr interessiert gewesen, wie es in Dorsten und Umgebung um das kulturelle Angebot bestellt ist. „Ich hab ihnen dann Fotos vom Flachs- und Kappesmarkt gezeigt, vom Lichterfest und erzählt, dass wir einen Akkordeonverein in Rhade und Kaninchenklubs haben.“

Je länger Jutta Schauer in der Ukraine war, desto mehr ging sie in ihrer Aufgabe auf. Sie organisierte einen Workshop, zu dem Kulturschaffende und Pastoren aller umliegenden Dörfer kamen. „Ich habe auch einen begnadeten Akkordeonspieler kennengelernt, der sich unheimlich freuen würde, wenn er hier in Dorsten mal seine Künste zeigen könnte. Vielleicht schaffen wir es ja, mal ein Konzert auf die Beine zu stellen.“

Jutta Schauer bringt Leben in verwaiste Jugendhäuser in der Ukraine

Jutta Schauer (l.) bei dem von ihr organisierten Workshop. Hier demonstriert sie eine abgewandelte Variante von „Schere, Stein, Papier“, die vollen Körpereisatz erfordert. © privat

Jutta Schauer will auf jeden Fall noch mal in die Ukraine und weiter dabei helfen, ein Angebot für Jugendliche zu schaffen. In guter Erinnerung geblieben ist ihr vor allem die Gastfreundschaft der Ukrainer. „Ich habe immer gleich ein Konzert und Geschenke bekommen, das war immer großer Bahnhof. Und wenn sie nichts hatten, haben sie mir ein paar Blümchen aus dem Garten eingepackt. Das war schon sehr herzlich.“

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