Übernachtungen im Freien sind für Wohnungslose im Winter nicht angenehm. © picture alliance / dpa
Wohnungslose

Kälte und Corona: Ein harter Winter für Wohnungslose in Dorsten

Der Winter ist für Menschen ohne festen Wohnsitz wohl die schwierigste Zeit des Jahres. Eine Dorstener Expertin erklärt, welche zusätzlichen Schwierigkeiten Corona in diesem Jahr bringt.

Der Fall eines Obdachlosen, der vergangene Woche in Köln offenbar erfroren ist, sorgte für Aufsehen. Die kalte Jahreszeit birgt ohnehin einige Gefahren für Menschen ohne festen Wohnsitz. Dazu kommen aktuell noch die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie.

Die Wohnungslosenhilfe Dorsten musste ihre Tagesstätte schließen, nur eine Notversorgung mit Lebensmitteln bleibt bestehen. „Man kann sich nicht mehr vier, fünf, sechs Stunden dort aufhalten und mit anderen ins Gespräch kommen. Die Wohnungslosen haben keinen Rückzugsort mehr“, beobachtet Vanessa Greef-Groß, Leiterin der Einrichtung der Evangelischen Kirche, mit Sorge.

Regelmäßiger Besuch mit der Kaffeekanne

Zwei Notschlafstellen gibt es in Dorsten. Die Notunterkunft für Alleinstehende ist im Winter zwischen 19 und 8 Uhr geöffnet. Der Zustand ist aus Sicht von Vanessa Greef-Groß noch verbesserungswürdig. „Das ist auf keinen Fall ausreichend. Die Einrichtung ist sehr abgelegen, hat eine Kohleheizung und ein Wellblechdach“, weiß sie. Politisch passiere in dieser Hinsicht nicht viel, gemeinsam mit dem Sozialamt bemühe sich die Wohnungshilfe, innerhalb enger Grenzen Lösungen zu finden.

Das Team der Wohnungshilfe bemüht sich, die Menschen regelmäßig und gerade an kalten Tagen zu besuchen. „Wir laufen mit Kaffeekannen durch die Gegend, gucken, dass sie wenigstens einen sozialen Kontakt haben, der nicht aus der Szene kommt. Wir schauen, dass sie gut über den Winter kommen“, schildert Vanessa Greef-Groß.

Anfälligkeit für psychische Krankheiten ausgeprägt

Viele Wohnungslose seien anfällig für psychische Krankheiten. Bei den Gesprächen sprechen sie als Folge der aktuellen Lage häufig von Einsamkeit. „Viele haben eine Psychose, Angstzustände oder Depressionen entwickelt“, berichtet die Leiterin der Wohnungslosenhilfe. „Bei Menschen mit gutem Resilienzverhalten prallen negative Nachrichten eher ab. Sie saugen das auf“, erläutert Vanessa Greef-Groß. Dazu komme die Suchtgefahr.

Aber nicht nur der psychische Aspekt ist für die Wohnungslosen problematisch. „Alle haben sich gefreut, als kürzlich der erste Schnee fiel. Wir haben nur gedacht, oh Gott, wer geht jetzt gucken“, berichtet Vanessa Greef-Groß. Die Wohnungslosenhilfe verteilt Masken und Desinfektionsmittel, damit sich auch die Wohnngslosen gegen das Virus schützen können. Aber gerade in den Notunterkünften sei es durchaus möglich, dass sich die Besucher infizieren.

Wie funktioniert für Wohnungslose häusliche Quarantäne?

Die Bestimmungen führen für die Wohnungslosen immer mal wieder zu Ausnahmesituationen. „Ein Wohnungsloser war Kontaktperson und musste in häusliche Quarantäne. Wie macht man das bei Wohnungslosen?“, fragte sich auch Vanessa Greef-Groß. Ein Platz in der Notunterkunft musste kurzfristig freigeräumt werden, die betreffende Person hielt sich dort zwei Wochen isoliert auf.

Vanessa Greef-Groß ist Leiterin der Wohnungslosenhilfe Dorsten.
Vanessa Greef-Groß ist Leiterin der Wohnungslosenhilfe Dorsten. © Foto: Claudia Engel © Foto: Claudia Engel

Die Bedingungen in der Notunterkunft halten manchen Wohnungslosen davon ab, diese aufzusuchen. „Dort gibt es Mehrbettzimmer. Manche wollen lieber alleine bleiben und schlafen deshalb draußen. Auch Tiere, wie etwa Hunde, sind dort nicht erlaubt“, erzählt Vanessa Greef-Groß. Daher wählt mancher lieber freiwillig die Kälte, was zu dieser Jahreszeit gefährlich werden kann.

Ihrem Ziel, Wohnungen für die derzeit Wohnungslosen zu finden, kommt die Wohnungslosenhilfe derzeit kaum näher. „Der Dorstener Wohnungsmarkt gibt im Moment nichts her“, stellt Vanessa Greef-Groß fest. Der hohe Anteil von negativen Schufa-Einträgen, psychischen Beeinträchtigungen und Suchtkrankheiten unter den Wohnungslosen erschwert die Suche zusätzlich.

Fünf von der Evangelischen Kirche gestellte Übergangswohnungen können vorübergehend helfen. Außerdem bietet die Wohnungshilfe im Rahmen des Ambulant Betreuten Wohnens seit Oktober eine aufsuchende Beratung an.

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Bastian Becker

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