Lena Dahl (24) aus Dorsten trauert um drei lieben Menschen, die im November an oder mit dem Coronavirus verstorben sind. Für „Querdenker“, die das Virus verharmlosen, hat sie kein Verständnis. © Stefan Diebäcker
Coronavirus

Lena (24) verlor drei liebe Menschen und ist wütend auf Corona-Leugner

Binnen zwei Wochen hat Lena (24) drei liebe Menschen verloren, die sich mit Corona infiziert hatten. Der Schmerz sitzt tief. „Querdenker“, die das Virus verharmlosen, machen sie wütend.

Als Lena Dahl noch ein kleines Mädchen war, war sie Omas Liebling. „Wir waren früher fast jedes Wochenende bei den Großeltern. Sie hat mich dann immer auf den Schoß genommen und aus ‚Alice im Wunderland‘ vorgelesen“, erinnert sich die Dorstenerin. „Oma hieß ja selbst auch Alice. Und sie machte den besten Kartoffelsalat. Der war zwar immer etwas überpfeffert, aber jeder mochte ihn.“

Ein leichtes Schmunzeln ist auf dem Gesicht von Lena Dahl zu erkennen, doch gleich darauf wird ihre Miene wieder ernst. Oma Alice ist am 12. November im Alter von 90 Jahren in einem Pflegeheim gestorben. „Mit dem Coronavirus“, wie Statistiker es umschreiben. Damit bleibt offen, ob das Virus letztlich die Todesursache war. „Oma hatte keine Anzeichen, die Ärzte haben das Virus erst nach ihrem Tod festgestellt.“

Oma Alice hat der kleinen Lena immer „Alice im Wunderland“ vorgelesen. © privat © privat

Opa Arthur (90), der Ehemann von Alice, starb neun Tage später völlig isoliert in einem Krankenhaus. Er war ebenfalls positiv auf das Coronavirus getestet worden. „Eigentlich war er auf dem Wege der Besserung und wäre wohl zwei Tage später entlassen worden“, sagt die Enkelin. Fünf weitere Tage folgten, dann starb der Onkel ihres Freundes zu Hause mit 56 Jahren. Diagnose: Corona-positiv, keine Vorerkrankungen oder Anzeichen.

Drei liebe Menschen binnen 14 Tagen verloren

Drei liebe Menschen, die ihr nahestanden, hat Lena Dahl binnen zwei Wochen verloren. Das Coronavirus war ihr gemeinsames Schicksal. Der Schmerz sitzt noch immer tief. „Covid ist so shit“, sagt die 24-Jährige. „Früher habe ich das auch nicht so richtig ernst genommen, aber jetzt kann ich verstehen, wie Familien sich fühlen, wenn sie Angehörige verlieren.“ Schlecht nämlich. Hilflos. Wütend manchmal.

„Werdet erst mal selber krank oder verliert Angehörige, dann redet ihr anders.“

Lena Dahl

Wütend vor allem auf Menschen, die Corona verharmlosen oder behaupten, es gäbe das Virus überhaupt nicht. Die Schutzmaßnahmen für überflüssig oder sogar „Dikatatur“ halten. Die glauben, dass es sie schon nicht treffen wird. Für die Erkrankte oder Tote nur Nummern in einer Statistik sind, die ja ohnehin gefälscht ist.

Lena Dahl ärgert sich über solche Kommentare, die sie immer wieder in den sozialen Medien liest. Über Facebook hatte sie Anfang Dezember auch Kontakt zu Bürgermeister Tobias Stockhoff, der seit Monaten erlebt, dass die allermeisten Dorstener solidarisch sind, sich und andere schützen. „Aber es gibt auch in unserer Stadt Menschen, die alles kritisieren, nicht mitmachen und sich ausgrenzen und andere gefährden.“

Lena Dahl denkt dann insgeheim: „Werdet erst mal selber krank oder verliert Angehörige, dann redet ihr anders.“ Sie gönnt es keinem, aber sie ist überzeugt: Niemand würde mehr die Existenz des Virus‘ bestreiten, wenn er durchmacht, was sie gerade emotional erlebt.

Rücksichtslosigkeit auch im Supermarkt

Die Dorstenerin trifft als Angestellte eines Lebensmittelmarktes beinahe jeden Tag auf Menschen, für die die Corona-Regeln nicht zu gelten scheinen. „Manche Kunden drehen durch“, sagt sie, „halten sich nicht an Abstände, werden aggressiv, schubsen andere bei Seite oder fahren ihnen mit dem Einkaufswagen in die Hacken.“ Auch sie selbst ist, auf der anderen Seite der Verkaufstheke, schon beschimpft worden.

Ihre privaten Kontakte hat Lena Dahl hingegen sehr eingeschränkt. Das gilt auch für Weihnachten. Heiligabend war sie bei der Mutter ihres Freundes, am zweiten Feiertag kommt die Verwandtschaft zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in Kleingruppen zusammen. Weihnachten 2020 ist anders.

Auf dem Friedhof war sie mit ihrem Vater schon am letzten Wochenende.

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Redaktionsleiter in Dorsten
Veränderungen gab es immer, doch nie waren sie so gravierend. Und nie so spannend. Die Digitalisierung ist für mich auch eine Chance. Meine journalistischen Grundsätze gelten weiterhin, mein Bauchgefühl bleibt wichtig, aber ich weiß nun, ob es mich nicht trügt. Das sagen mir Datenanalysten. Ich berichte also über das, was Menschen wirklich bewegt.
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Stefan Diebäcker

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