Liebe oder Beruf - warum sich Lehrerinnen bis in die 1950er-Jahre entscheiden mussten

mlzHeiratsverbot für Lehrerinnen

Das Zölibat kennen viele heute nur aus der katholischen Kirche. Doch es ist gar nicht so lange her, dass auch Lehrerinnen ihren Job verloren, wenn sie heiraten wollten.

Dorsten

, 12.08.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Alle Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Beamte werden beseitigt“, heißt es in Artikel 128 II der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919 - vor 100 Jahren. Mit diesem Satz war das seit 1880 bestehende Heiratsverbot für Lehrerinnen quasi obsolet. Vorher mussten die Frauen aus dem Dienst ausscheiden, wollten sie heiraten. Man wollte die Frauen vor einer „Überbürdung“ schützen, so die offizielle Begründung. Auch der Anspruch auf Ruhegehalt endete.

1923 erlebten die Frauenrechte einen erneuten Rückschritt. Um Staatskosten zu reduzieren, sah die Personalabbauverordnung aus demselben Jahr vor, dass 25 Prozent aller Staatsbeamten entlassen werden sollten, darunter auch verheiratete Frauen.

Kein Zugang zu Bildung

Unter den Nationalsozialisten wurde die Zölibatsklausel Anfang der 1930er-Jahre wiedereingeführt und auch nach dem Krieg aufrecht erhalten. Erst 1951 wurde sie abgeschafft. Trotzdem galt in Baden-Württemberg noch bis 1956, dass eine Lehrerin nach einer Heirat ihre Stelle aufgeben musste.

Frauen war der Zugang zu Bildung lange verwehrt. Der Ausbau des Bildungssystems im 19. Jahrhundert kam nur den Jungen zugute. Die Frauen des Bürgertums sollten lediglich auf den Haushalt vorbereitet werden. Ende des 18. und im 19. Jahrhundert war der Lehrerinnen-Beruf der einzige, den eine junge Frau aus gutem Hause ergreifen konnte. Allerdings waren sie den Lehrern nicht gleichgestellt, weder in der Ausbildung noch im Beruf. Zunächst arbeiteten Frauen als Gouvernanten in Privathaushalten.

Kämpferinnen für Frauenbewegung

Der Staat zeigte wenig Interesse daran, Lehrerinnen wissenschaftlich auszubilden. Als Qualifikation reichte im allgemeinen eine höhere Bildung und eine gute Herkunft. Es waren die Lehrerinnen selbst, die mit Nachdruck für bessere (Aus-)Bildung kämpften.

„Die Bedeutung, die Lehrerinnen für das Ringen der Frauen um Gleichberechtigung in Bildung und Politik, in der Erlangung von Qualifikation und Stimmrecht hatten, kann nicht hoch genug gewertet werden“, schreibt die Bochumer Autorin Luise Berg-Ehlers in ihrem Buch „Unbeugsame Lehrerinnen“. Für sie ist es kein Zufall, dass die prägenden Persönlichkeiten der Frauenbewegung Lehrerinnen waren.

Durch den Druck der Frauenbewegung entstanden mit der Zeit immer mehr Ausbildungsstätten für Lehrerinnen. Hier erhielten die Frauen eine rudimentäre höhere Bildung, und durften sogar später an öffentlichen Mädchenschulen unterrichten. 1896 machten die ersten Frauen in Preußen ihr Abitur. Ermöglicht hatte das Helene Lange, Lehrerin und Frauenrechtlerin. 1893 richtete sie in Berlin private Gymnasialkurse ein. Doch es dauerte noch bis 1908, bis Frauen regulär studieren durften.

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