Mieter in Dorstener Zechensiedlung müssen ihre Terrassendächer abreißen

Denkmalschutz

Mieter der Vivawest in der Zechensiedlung haben was aufs Dach gekriegt: Sie müssen ihre Terrassendächer an der Hinterseite ihrer Häuser abreißen. Die Siedlung steht unter Denkmalschutz.

Dorsten

, 10.07.2018, 19:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Hervester Bewohner ist ein alter Kumpel. 40 Jahre war er auf Fürst Leopold tätig, dem stillgelegten Bergwerk an der Halterner Straße in Hervest. Mit seiner Familie wohnt er in einem der Koloniehäuser in der Zechensiedlung am Brunnenplatz. „Meine Großeltern sind 1913 in unser Haus eingezogen. Seitdem leben wir in der Siedlung.“

Denkmalschutzsatzung wurde 1986 erlassen

Dass die Hervester Kolonie unter Denkmalschutz steht, weiß der Mann. „Das haben wir ja mitbekommen, als die Stadt die Denkmalschutzsatzung 1986 erlassen hat“, sagt er. Nicht bekannt sei ihm aber, dass die Terrassendächer auf der Rückseite der Häuser nicht erlaubt sind. Das wussten wohl auch zahlreiche andere Bewohner der Siedlung im Dorstener Stadtteil Hervest nicht. Dafür kriegen sie jetzt was aufs Dach.

Circa 20 Mieter der Vivawest fanden sich auf dem Brunnenplatz zum Gespräch mit der Dorstener Zeitung ein.

Circa 20 Mieter der Vivawest fanden sich auf dem Brunnenplatz zum Gespräch mit der Dorstener Zeitung ein. © Claudia Engel

20 von ihnen fanden sich am Mittwochnachmittag zum Gespräch mit der Dorstener Zeitung auf dem Brunnenplatz in ihrer Siedlung ein. Sie alle fürchten, dass sie ihre Anbauten an den rückwärtigen, den Gärten zugewandten Hausseiten abreißen müssen. „Einige Nachbarn haben das schon gemacht, nachdem sie Post von der Vivawest bekommen hatten“, sagt Lisa-Maria Gratzick auf Anfrage. „Wir fürchten, dass wir jetzt straßenweise Briefe bekommen und ebenfalls zum Abriss aufgefordert werden“, sagen Joachim und Katharina van der Linde. Sie wohnen in der Burgsdorffstraße.
Katharina und Joachim van der Linde und Kerstin Bärwald (r.) gehören zu den Mietern von Häusern in der Kolonie, die ihre Terrasse überdacht haben. Carport nennen sie den Regenschutz, den sie an der rückwärtigen Hausfassade angebracht haben.

Katharina und Joachim van der Linde und Kerstin Bärwald (r.) gehören zu den Mietern von Häusern in der Kolonie, die ihre Terrasse überdacht haben. Carport nennen sie den Regenschutz, den sie an der rückwärtigen Hausfassade angebracht haben. © Claudia Engel

Das könnte tatsächlich der Fall sein. Wie die Unternehmenssprecherin der Vivawest, Dr. Marie Mense, am Mittwoch auf unsere Anfrage sagte, „werden die Kunden von uns ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Zechensiedlung Hervest unter Denkmalschutz steht und dass es deshalb besondere Gestaltungsauflagen gibt. Außerdem ist vertraglich vereinbart, dass die Mieter keinerlei bauliche Veränderungen oder Ergänzungen an der Mietsache vornehmen dürfen ohne eine schriftliche Gestattung des Vermieters. Das gilt standardmäßig – unabhängig davon, ob die Mietsache unter Denkmalschutz steht oder nicht“.

Die Mieter, die Mittwoch zum Brunnenplatz kamen, geben vor, dieses Detail nicht zu kennen. „Wir haben das Haus schon mit dem Anbau über der Terrasse übernommen“, sagt eine junge Frau, die seit vier Jahren an der Burgsdorffstraße wohnt. „Das hätte dann ja schon vom Vormieter abgerissen werden müssen“, meint Katharina van der Linde. Und auch im Mietvertrag von Lisa-Marie Gratzick findet sich kein dezidierter Hinweis auf die besonderen Denkmalschutzvorschriften in der Siedlung.

„Nie beanstandet worden“

Bei den Eheleuten van der Linde, die seit mehr als zwei Jahrzehnten an der Burgsdorffstraße leben, sind die Wohnungsverwalter der Vivawest im Laufe der Jahre häufiger zu Gast gewesen. „Sie haben unsere Terrassenüberdachung nie beanstandet.“ Dass das jetzt plötzlich der Fall ist und die aufwendigen Anbauten entfernt werden müssen, können die meisten Mieter nicht nachvollziehen. Einen Anlass für die plötzliche Härtewelle sehen sie in einem Hinweis eines Mitbewohners. „Der hat sich wohl bei der Stadt als Bauordnungsbehörde gemeldet und über die Anbauten beschwert.“ Auslöser sei ein Grillnachmittag bei einem Nachbarn gewesen, der so ein Dach über der Terrasse hat. „Da ist der ganze Qualm nach nebenan gezogen. Das hat den Mieter gestört“, hat Joachim van der Linde gehört.

Besuch vom Bauordnungsamt

Jedenfalls schickte die Stadt einen Mitarbeiter des Bauordnungsamtes raus, um der Klage gegen die unerlaubten Dächer nachzugehen. Und tatsächlich zeigte sich, dass fast alle Siedlungshäuser in Hervest solche Dächer bzw. Markisen aufweisen. Sie sind an die Hausfassaden angeschraubt. Das gilt aus Sicht der Vivawest als Verstoß gegen den Denkmalschutz und die Vereinbarungen im Mietvertrag. Doch die Denkmalschutzsatzung für die Hervester Siedlung, die auf der Homepage der Stadt Dorsten nachzulesen ist, schreibt nur fest, wie die Vorderseite der Gebäude auszusehen hat. Einheitlich müssen die Siedlungshäuser aussehen, dem ursprünglichen Erscheinungsbild der Kolonie aus dem Jahr 1913 angepasst. In der Satzung steht viel über Fassadenfarbe, Kaminsteine, Fenster und Türen. Aber nichts, wie die Rückseite der Häuser auszusehen hat.

Bauliche Veränderungen nicht erlaubt

Vivawest beruft sich darauf, dass keinerlei bauliche Veränderungen oder Ergänzungen vorgenommen werden dürfen. Für die Stadt Dorsten sagt Sprecherin Lisa Bauckhorn, dass es völlig in Ordnung sei, „wenn die Eigentümerin der Siedlung, also Vivawest, beschließt, dass die Mieter alle Anbauten entfernen müssen, die sie ohne Abstimmung mit dem Besitzer angebaut haben“. Einige Mieter am Brunnenplatz haben die Anbauten auf der Gartenseite nach Aufforderung der Vivawest fristgerecht entfernt. Andere nicht. Eine Mieterin überlegt, Klage einzureichen. Das schreckt Vivawest nicht. Sie schreibt: „In ähnlich gelagerten Fällen haben wir schon erfolgreich prozessiert.“ Einen solchen Brief hat Kerstin Bärwald bekommen. Ihr bleibt noch Zeit bis zum 31. August. Bis dahin muss sie nach der schriftlichen Aufforderung durch die Vivawest den Anbau entfernt haben. „Drei Meter vom Haus entfernt, mitten im Garten, darf ich den Überbau aber hinstellen. Auf Holzpfählen. So ein Beispiel gibt es schon an der Compesstraße in unserer Siedlung. Das sieht furchtbar aus.“

Gilt als vorzeigbares Beispiel dafür, welche Form von Überdachungen in den Gärten der denkmalgeschützten Kolonie in Hervest erlaubt sind: ein Haus an der Compesstraße in Hervest. Der Mieter hat die Überdachung in den Garten gepflanzt in drei Metern Abstand zum Haus.

Gilt als vorzeigbares Beispiel dafür, welche Form von Überdachungen in den Gärten der denkmalgeschützten Kolonie in Hervest erlaubt sind: ein Haus an der Compesstraße in Hervest. Der Mieter hat die Überdachung in den Garten gepflanzt in drei Metern Abstand zum Haus. © Claudia Engel

Laut Auskunft des Dorstener Anwaltes Christian Helfenbein lässt die Gestaltungssatzung für die denkmalgeschützte Zechensiedlung keine Ausnahmen zu. „Diese müssten explizit aus der Satzung hervorgehen.“ Unter Paragraf 4 der Satzung wird in den Unterabsätzen zur Fassadengestaltung detailliert beschrieben, was erlaubt ist. „Ausnahmen müssten dann aber auch darin stehen. Das ist nicht der Fall.“ Der Hinweis einiger Mieter, ihre Nachbarn hätten ja dieselben Anbauten, ist kein Argument. „Es gibt keine Gleichheit im Unrecht“, sagt der Anwalt. Er sieht nur eine Chance für die Mieter, indem sie einen Antrag auf Befreiung von den Vorschriften stellen. „Oder die Politik beschließt in einer Satzungsänderung die Duldung der Anbauten.“
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