Mit über 250 Sachen unterwegs: Erschütterndes Unfalldrama auf der A 31

mlzGerichtsprozess

Bei einem Unfall auf der A 31 in Dorsten waren zwei Menschen auf einem Motorrad ums Leben gekommen. Der Unfallfahrer muss dafür nun büßen. Die Aufarbeitung vor Gericht war nicht einfach.

Dorsten

, 21.10.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mit gut 250 km/h war der 40-jährige Schermbecker mit seinem Seat Leon am 1. September 2019 um 1 Uhr nachts auf der A 31 auf der linken Spur in Fahrtrichtung Emden unterwegs. Trotz Vollbremsung hatte er laut späterem Gutachten noch 200 auf dem Tacho, als er an der Abfahrt Dorsten-West auf das laut Augenzeugen beleuchtete Heck eines Motorrads auffuhr, dessen Fahrer gerade ein Auto aus Dorsten überholen wollte. Ein fürchterlicher Zusammenstoß mit tödlichen Folgen.

Sozia von Auto überrollt

Denn der Motorradfahrer (61) aus den Niederlanden prallte mit seinem Honda-Chopper gegen die Mittelschutzplanke und verstarb an den Folgen des Sturzes. Auch seine Beifahrerin (51), die 100 Meter weiter zum Liegen kam, überlebte den Unfall nicht. Eine nachfolgende Autofahrerin konnte nicht rechtzeitig anhalten und überrollte das auf der Fahrbahn liegende Unfallopfer.

Vor Prozessbeginn bildete sich eine lange Schlange vor dem Amtsgericht. Später kam noch eine Motorradgruppe mit Kutten des "MC Gronau" vorbei und wartete draußen auf das Urteil.

Vor Prozessbeginn bildete sich eine lange Schlange vor dem Amtsgericht. Später kam noch eine Motorradgruppe mit Kutten des "MC Gronau" vorbei und wartete draußen auf das Urteil. © Michael Klein

Der Mann, der so viel Leid verursacht hat, musste sich am Mittwoch vor dem Dorstener Schöffengericht für die Horror-Fahrt verantworten. Der 40-Jährige, der als Fahrdienstleiter in einem Hafenbetrieb arbeitet, hatte bei der Kollision Glück: Zwar überschlug sich sein Wagen mehrfach und kam erst 200 Meter weiter auf einem Grünstreifen zum Stehen. Bis auf Abschürfungen stieg er aber unverletzt aus dem Auto.

Anklage spricht von Alkohol

Die Anklage lautete auf „fahrlässige Tötung“. Der 40-Jährige habe auf der A 31 (auf der dort keine Geschwindigkeitsbegrenzung herrscht) „rücksichtslos“ und angesichts der Dunkelheit mit „nicht angepasster Geschwindigkeit“ den Tod von Menschen in Kauf genommen. Außerdem habe er laut Staatsanwältin eine Menge Alkohol intus gehabt. Eine im Dorstener Krankenhaus anderthalb Stunden später entnommene Blutprobe hatte einen Wert von 1,7 Promille ergeben.

Der Schermbecker räumte das Geschehen trotz Erinnerungslücken ein. Aber er betonte: „Ich hatte keinen Alkohol getrunken.“ Nachmittags habe er seine Mutter im Krankenhaus besucht, sich dann schlafen gelegt. Kurz vor Mitternacht sei er zu „McDonalds“ an der A 2-Raststätte Bottrop gefahren.

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Warum er auf der Rückfahrt so gerast sei („der überholte uns wie ein Blitz, unser Auto hat richtig gewackelt“, so eine Zeugin), konnte sich der Angeklagte nicht erklären: „Ich fahre sonst nicht so schnell.“ Ein DEKRA-Gutachter stellte später fest: „Wenn er 210 km/h gefahren wäre und alle Beteiligten die gleiche Reaktion gezeigt hätten, wäre es zu keinem Zusammenstoß gekommen.“

Unter Schock und aschfahl

Zeugen sagten im Gerichtssaal aus, der Angeklagte sei nach dem Unfall „unter Schock und aschfahl“ gewesen. Doch keiner hatte den Eindruck, er habe unter Alkohol gestanden. Und keiner hat Alkohol im Atem des Schermbeckers gerochen. Weder Ersthelfer, die angehalten haben, noch Polizisten, Ärzte, Krankenschwestern.

Für die Dauer der Unfallaufnahme musste die A 31 damals nachts gesperrt werden.

Für die Dauer der Unfallaufnahme musste die A 31 damals nachts gesperrt werden. © Guido Bludau

Auch im Krankenhaus wurde dem Angeklagte attestiert, er habe keine Ausfallerscheinungen, die Pupillen seien klar, er mache einen wachen Eindruck. Nur ein Sanitäter vernahm im Rettungswagen leichten Alkoholgeruch: „Könnte aber auch unser Desinfektionsmittel gewesen sein.“

Richterin äußert Unverständnis

So kam es wohl, dass die Polizei keine forensische Blutprobe anordnete, die laut Richterin Lisa Hinkers eigentlich Standard in solchen Fällen sei. „Dafür wäre Zeit genug gewesen, auch noch morgens nach der Blutprobe im Krankenhaus.“

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Das Schöffengericht verurteilte den Schermbecker zu zwei Jahren auf Bewährung und 4800 Euro Geldbuße. Sein Führerschein wird für fünf Jahre einkassiert. Um den Richterspruch nicht anfechtbar machen lassen, wurde der Alkoholvorwurf beim Urteil aus dem Spiel gelassen. „Der war nicht rechtssicher nachzuweisen“, erklärte Lisa Hinkers. Ansonsten hätte dem Angeklagten eine Haftstrafe gedroht.

Draußen vor dem Gerichtsgebäude harrte die Motorradgruppe „MC Gronau“ aus, in denen Familie und Freunde der Unfallopfer Mitglied sind. Wegen der Corona-Beschränkungen hatten sie im Gerichtssaal keinen Platz gefunden.

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