Neue Schule Dorsten lässt kein Kind links liegen: So werden Hochbegabte gefördert

mlzNeue Schule Dorsten

Viele Eltern glauben, ihr Kind sei hochbegabt. Die Neue Schule Dorsten hat 180 Schüler der fünften und sechsten Klassen wissenschaftlich fundiert getestet. Das Ergebnis überrascht.

Dorsten, Holsterhausen

, 06.02.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dr. Stefanie Marzian ist neu im Team an der Neuen Schule, der Dorstener Sekundarschule an der Pliesterbecker Straße. Keine Pädagogin von Haus aus, aber Wissenschaftlerin und promovierte Neurophysiologin, die das Wesen von Kindern mit besonderen kognitiven Fähigkeiten begreift.

Marzian ist in Dorsten aufgewachsen, hat am St.-Ursula-Gymnasium Abitur gemacht und in Marburg studiert und promoviert. Vor Kurzem ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt - die wissenschaftliche und pädagogische Arbeit an der Neuen Schule hat sie gereizt.

„Stefanie Marzian ist ein Glücksfall für uns“, sagt stellvertretende Schulleiterin Daniela Kasche. Kasche wirkt als Mathematiklehrerin im Team der Förderung besonders begabter Schüler an der Neuen Schule Dorsten mit und hat mit Marzian zusammen Bücher um Bücher gewälzt, um den ausgeprägten Wissensdurst besonders begabter Kinder zu stillen.

Herausgekommen ist das Konzept „HerausForderung“. Es stößt nun schon außerhalb von Dorsten und an anderen Schulen im Umkreis auf reges Interesse, wie Schulleiterin Susanne Bender sagt.

Ein Förder- und Forderprogramm für alle klugen Köpfe in den beiden Eingangsklassen der Neuen Schule. Elf von 180 Kindern in den Klassen 5 und 6 erfüllen nach dem validen, wissenschaftlich fundierten und standardisierten Test, den Stefanie Marzian mit ihnen gemacht hat, die Voraussetzungen für die besondere Förderung nach dem Konzept „HerausForderung“: „Sie haben eine Intelligenzquotienten von 120 und mehr“, sagt Stefanie Marzian.

Fünfstufiges Differenzierungssystem für alle Kinder

Marzian und drei weitere Lehrkräfte nehmen die Kinder in dem fünfstufigen Differenzierungssystem der Neuen Schule unter ihre Fittiche. Stufe 1 des Differenzierungssystems entspricht Angeboten unter Hauptschulniveau, Stufe 5 dem kognitiven Angebot oberhalb des gymnasialen Niveaus. Die elf Kinder der Neuen Schule werden nach Stufe 5 gefördert.

Das Ergebnis ihres Tests habe sie nach statistischen Werten so erwartet, interessant sei aber, dass der Werdegang der Kinder ein ganz anderes Bild widerspiegelt, sagt Stefanie Marzian. So sind im Förderprogramm der Neuen Schule Kinder aufgenommen worden, die an den Grundschulen oder an einer anderen weiterführenden Schule durchs Leistungs-Raster gefallen sind.

Ein Kind mit Hauptschulempfehlung, ein anderes mit Förderbedarf

„Ein Junge in meiner Gruppe hat lediglich die Hauptschulempfehlung“, so Daniela Kasche. Ein Mädchen gilt als Schülerin, die besonderen Förderbedarf im sprachlichen Bereich hat. Gleichwohl hat sie die Anforderungen des Intelligenztests erfüllt.

Ein weiterer Junge sollte am Gymnasium die Klasse 5 wiederholen, obwohl er in Mathematik das Niveau eines Achtklässlers hat. Er nimmt jetzt am Mastermind-Angebot der Universität Heidelberg teil und lernt Mathe im eigenen Tempo weiter. Bis zum Bachelorabschluss, den er noch zu Schülerzeiten erwerben kann.

Hochbegabte Kinder ticken anders als leistungsstarke

Hochbegabte funktionieren anders als leistungsstarke Kinder - sie kombinieren blitzschnell und ziehen ihre Schlüsse, sie begreifen schneller als andere. Anders als ihre durchschnittlich begabten Altersgenossen, die etwa Sachverhalte gut abspeichern und abrufen können. „Das ist der Unterschied zwischen Begabung und Leistung“, sagt Stefanie Marzian.

Die Kinder haben ihre Begabungen selbst eingeschätzt: Ihre Stärken liegen im sportlichen, musischen, künstlerischen, sprachlichen, sozialen, naturwissenschaftlich-mathematischen Bereich - jeder farbige Balken steht für einen Bereich. Eines haben alle gemeinsam: hohe kognitive, nach objektiven Maßstäben getestete Fähigkeiten.

Die Kinder haben ihre Begabungen selbst eingeschätzt: Ihre Stärken liegen im sportlichen, musischen, künstlerischen, sprachlichen, sozialen, naturwissenschaftlich-mathematischen Bereich - jeder farbige Balken steht für einen Bereich. Eines haben alle gemeinsam: hohe kognitive, nach objektiven Maßstäben getestete Fähigkeiten. © Claudia Engel

Hochbegabte Kinder haben besondere Stärken in fünf Bereichen: musisch oder künstlerisch, sprachlich oder sportlich oder mathematisch-naturwissenschaftlich. Sie können, müssen aber nicht, in allen Bereichen besonders begabt sein.

Ausgeprägtes, logisches Denkvermögen

„Die Kinder mit besonderen Begabungen haben in der Regel zwei Gemeinsamkeiten: Sie haben ein ausgeprägtes logisches Denkvermögen und ein sehr gutes Sprachverständnis“, erklärt Marzian. Oftmals resignierten sie aber im Schulsystem, rutschten durchs Raster und legten „krumme Lebensläufe“ hin.

Denkpausen müssen sein: Nach einem 40-minütigen Gedankenfeuerwerk im Brainstorming gibt es eine kurze Pause vom Denksport - einfach mal einen Ball in die Kiste werfen, zum Beispiel.

Denkpausen müssen sein: Nach einem 40-minütigen Gedankenfeuerwerk im Brainstorming gibt es eine kurze Pause vom Denksport - einfach mal einen Ball in die Kiste werfen, zum Beispiel. © Claudia Engel

Das weiß Marzian aus Gesprächen mit anderen Mensa-Mitgliedern. Mensa - das ist ein weltweit aktiver Verein von Hochbegabten für Hochbegabte. In Deutschland sind es 15.000 Menschen. An Mensa-Stammtischen tauschen sie sich aus: „Erwachsene erzählen von schwierigen Schullaufbahnen, von Eltern, deren Nerven blank liegen wegen ihrer ‚Problemkinder‘ und Lehrern, die ratlos sind.“

Inklusion heißt die Einbindung aller Kinder

Da die Neue Schule Inklusionsschule ist, hat Stefanie Marzian die Vordenker beim Wort genommen: „Inklusion heißt für mich, dass alle Kinder nach Maßgabe gefördert werden. Bei Kindern mit besonderem Förderbedarf ist das Standard, nicht aber bei Kindern mit besonderen Begabungen“, sagt Marzian. Sie will das zusammen mit dem Team der Neuen Schule ändern und auch diesen Kindern vermitteln, dass sie dazu gehören.

„Ich wünsche mir, dass kognitiv besonders begabte Kinder wohnortnah gemeinsam mit ihren Freunden lernen können - auf adäquatem Niveau.“

Auf das Konzept zur Begabtenförderung an der Neuen Schule sind andere aufmerksam geworden: „HerausForderung wurde für den deutschen IQ-Preis nominiert“, erzählt Daniela Kasche. Eine Auszeichnung, die der Mensa-Verein Menschen und Institutionen, die für einen positiven Umgang mit Wissen, Bildung und Intelligenz eintreten, seit 2004 zuteil werden lässt. Dieter Nuhr und Günther Jauch sind Preisträger, 2018 wurde die erste Schule in den Kreis der Geehrten aufgenommen.

Den Kindern in der Brainstormingrunde von Stefanie Marzian dürfte das herzlich egal sein. In ihrer Runde machen sie eine besondere Erfahrung, die sie vorher so nicht gekannt haben: Sie erleben sich nicht als Außenstehende. Oder wie Dustin sagt: „Hier lachen wir nicht allein.“

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