Hubert Große-Ruiken ist kurz vor Weihnachten mit dem Coronavirus infiziert worden. Die Zeit danach bezeichnet er als "hart". © privat
Ein Jahr Corona

Plötzlich Corona: „Das war für mich ein Schock!“

Es begann mit Husten, dann folgte leichtes Fieber. An Corona hatte Hubert Große-Ruiken nicht gedacht - bis er Tage später das Testergebnis bekam: positiv. „Das war für mich ein Schock!“

Es war eine stressige Zeit im Dezember. Viele Sitzungen, viele Termine. „Wie das so ist kurz vor Weihnachten“, sagt Hubert Große-Ruiken. Der Bauausschuss und der Haupt- und Finanzausschuss tagten im Gemeinschaftshaus Wulfen, „da war es kalt, ich habe gefroren.“ Das reichte dem Kämmerer der Stadt Dorsten als Erklärung, warum er sich wenig später scheinbar erkältet hatte. „Ich war verschupft, konnte nicht mehr richtig atmen.“

Übers Wochenende wollte es der 62-Jährige deshalb ruhig angehen lassen, sich aufs Sofa legen. „Dann, so dachte ich, wird es wieder gut sein.“ Wie immer in der Vergangenheit. Doch aus einem Wochenende wurden über drei Wochen, die Hubert Große-Ruiken mit seiner Frau Irmgard fortan in häuslicher Isolation verbrachte.

Angesteckt bei einem ahnungslosen Kollegen

Bürgermeister Tobias Stockhoff hatte die Erkrankung des Kämmerers in der Ratssitzung am 16. Dezember öffentlich gemacht. Hubert Große-Ruiken hatte sich bei einem zu diesem Zeitpunkt noch ahnungslosen Kollegen angesteckt, der sein Büro zwei Türen weiter hat. „Wir haben uns immer an alle Regeln gehalten“, betont er, „aber es waren wohl die Aerosole.“

Will heißen: Der Abstand von mehreren Metern zwischen geöffneter Bürotür und dem Schreibtisch des Kämmerers hat eine Infektion nicht verhindern können. Große-Ruiken sagt das ohne Vorwurf, gesteht aber: „Der positive Coronatest war ein Schock für mich. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich jemals diese Krankheit hätte bekommen können.“

Eine schwere Zeit auch ohne Symptome

Dass seine Frau am nächsten Tag ebenfalls positiv getestet wurde, „spricht für eine intakte Ehe“, sagt der Schermbecker, der für die CDU auch im dortigen Gemeinderat ist, und lacht. Der Humor ist mittlerweile zurück, doch im Rückblick spricht er von einer „schweren Zeit“, auch wenn er selbst kaum Symptome und seine Frau überhaupt keine hatte.

Corona setzt vielen Menschen nicht unbedingt körperlich, wohl aber psychisch enorm zu. Wochenlang keinen persönlichen Kontakt zu haben zu Angehörigen, Freunden und Kollegen, „gefangen“ zu sein in den eigenen vier Wänden, „Freigang“ nur dann zu haben, wenn man wie Familie Große-Ruiken einen Garten hat – „das macht die Krankheit so tückisch“, sagt der 62-Jährige.

Was macht man in dieser Zeit? „Lesen, fernsehen – oder eben nichts“, erinnert sich Dorstens Stadtkämmerer. Die Anteilnahme und die Hilfsbereitschaft seien „riesengroß“ gewesen, aber letztlich sei man eben die meiste Zeit allein mit sich und Corona.

Erschwerend kam bei ihm und seiner Frau das nahende Weihnachtsfest hinzu. Die Feier mit Kindern und Enkel – „alles flachgefallen“. Hubert Große-Ruiken hat festgestellt: „Eigentlich hat man immer eine gewisse Distanz zur Pandemie und nicht das Gefühl, man könnte irgendwann etwas damit zu tun haben. Vielleicht hält man auch die ein oder andere Maßnahme für übertrieben.“

Doch dann ist Corona plötzlich ganz nah. „Sobald man selbst oder ein enger Angehöriger die Krankheit hat, denkt man darüber anders.“

„Das war emotional nicht so einfach“

Die Quarantäne-Zeit „war emotional nicht so einfach“, sagt Hubert Große-Ruiken. Seine Frau und er seien sich in dieser Zeit „noch einmal näher gekommen. Man rückt zusammen.“ Und beinahe demütig haben sie manches Mal gedacht: „Wir haben ein Einfamilienhaus mit 130 Quadratmetern Wohnfläche und einen Garten. Wie muss es Menschen gehen, die alleine leben oder nur eine kleine Wohnung haben?“

Hubert Große-Ruiken und seine Frau waren erst nach mehr als drei Wochen wieder „frei“. Sie haben keine körperlichen Beeinträchtigungen zurückbehalten. Aber im Kopf hat das Coronavirus Spuren hinterlassen.

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Redaktionsleiter in Dorsten
Veränderungen gab es immer, doch nie waren sie so gravierend. Und nie so spannend. Die Digitalisierung ist für mich auch eine Chance. Meine journalistischen Grundsätze gelten weiterhin, mein Bauchgefühl bleibt wichtig, aber ich weiß nun, ob es mich nicht trügt. Das sagen mir Datenanalysten. Ich berichte also über das, was Menschen wirklich bewegt.
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Stefan Diebäcker

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