Die Politikerin mit dem eingebauten Megafon wird ein wenig leiser

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26 Jahre gehörte Susanne Fraund - mit einer Unterbrechung zwischen 1999 und 2004 - dem Rat in Dorsten an. Doch in der neuen Legislaturperiode ist die Grünen-Politikerin nicht mehr dabei.

Dorsten

, 04.11.2020, 12:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie war zweifellos anders als die anderen im Dorstener Stadtrat. Lauter, manchmal auch ein wenig schrill. Susanne Fraund (67) verkörperte viele Jahre den Typ Politikerin, den es so noch nie in Dorsten gab. Und wahrscheinlich auch nicht mehr geben wird.

Die „Frau mit dem eingebauten Megafon“, wie sie sich selbst beschreibt, gehört der neuen Fraktion der Grünen nicht mehr an.

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Frau Fraund, nie waren die Grünen stärker im Rat vertreten, aber Sie sind künftig nicht mehr dabei. Traurig?

Nein. Die Entscheidung, ob ich noch mal antrete, habe ich vor der Wahl und unabhängig vom späteren Ergebnis nach Rücksprache mit meinem Mann getroffen. Das Alter und die Gesundheit spielen eine Rolle. Ich hatte pro Woche bis zu sieben Sitzungen, habe wirklich jede Vorlage gelesen. Jetzt muss eine andere Generation ran, Leute auch aus anderen Gefilden. Wenn Interesse besteht, bringe ich meine Erfahrung gerne ein.


Wie hat sich Ratsarbeit seit 1989 verändert?

Aufgaben und Zuständigkeiten haben sich geändert, auch die Herausforderungen sind andere geworden. Wir wussten 1989 nicht, dass wir eines Tages den Nothaushalt haben würden. Aber ich empfinde es als normal, dass es im Laufe der Zeit immer neue Aufgaben gibt.


Welche Entscheidungen sind Ihnen positiv in Erinnerung geblieben?

Die Sanierung einiger Straßen, die dann auch „fahrradfreundlich“ wurden. Oder die Einführung der Inklusion an Regelschulen. Das Integrationskonzept, initiiert von der Evangelischen Kirche. Und natürlich die Umwandlung der industriellen Zechenfläche für Kultur und Gewerbe.

Und was bleibt auf der Negativseite?

Zum Beispiel die merkwürdige Umsetzung des Bäderkonzeptes nach Ende 1999: Das Freibad wurde nicht fertiggestellt, das Atlantis technisch mangelhaft und auch nicht nach Plan umgesetzt. Aber: Nach der Übernahme durch die Stadt und dank der jetzigen Leitung hat sich vieles verbessert. Es gibt einen Betriebsrat und endlich auch ein Blockheizkraftwerk.


1995 sind Sie und Ihre Parteikollegen zum „Königsmörder“ geworden. Friedhelm Fragemann wurde als Bürgermeister abgewählt, Dr. Karl-Christian Zahn erster hauptamtlicher Bürgermeister.

Daran war die SPD damals selbst schuld. Sie hat sich zum dritten Mal nicht an Absprachen gehalten und uns nicht ernst genommen. Ich habe unseren besorgten Landespolitikern damals gesagt: Von uns könnt Ihr lernen, wie man mit der SPD umgehen muss, wenn sie sich nicht an Absprachen hält, es ihnen nur um Posten geht. Übrigens: Dorsten war damals eine der ersten Kommunen in NRW, die die neue Gemeindeordnung umgesetzt hat.


Ist Ihnen bewusst gewesen, dass Sie für einige Politikerkollegen eine Reizfigur waren?

Was soll ich machen? Das ist naturgegeben und mir im Laufe der Zeit natürlich immer deutlicher geworden, dass ich anecke. Mich schüchtern zurückzuhalten, war noch nie mein Ding. Vielen hat es offenbar nicht gepasst, dass ich eine Frau bin und auch noch die Klappe aufmache. Aber so bin ich.

Was haben Sie gelernt in all den Jahren?

Dass man nie aufgeben darf. Wenn einem bestimmte Inhalte wichtig sind, muss man dranbleiben. Eine traurige Erkenntnis ist allerdings auch: Wenn wir Anregungen gegeben haben, erscheinen die schon mal nicht im Protokoll, werden später auch gerne von anderen als ihre Idee übernommen.

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Umweltpolitik ist ...

... anstrengend. Es gibt Bereiche, da ist es sehr schwer, Unterstützung zu bekommen für Dinge, die eigentlich nachhaltig sind. Wie zum Beispiel unseren Antrag im vergangenen Jahr, den Klimanotstand für Dorsten zu erklären. Da ergreift der Sitzungsleiter schon mal Partei und warnt davor, sich der Stimme zu enthalten, weil dann unser Antrag hätte durchgehen können.

Welche umweltpolitische Entscheidung der letzten Jahre halten Sie für falsch?

Ganz klar, die Abschaffung der Baumschutzsatzung. Und nicht schön ist auch, dass es ein Baumkataster, das wir beantragt hatten, immer noch nicht gibt. Wir müssen auch ein Konzept erstellen und umsetzen, welche Bäume und wo dem Klimawandel standhalten und positiv aufs Klima auswirken können.

Was sagen Sie jungen Leuten, die mit dem Gedanken spielen, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren?

Nur meckern, das geht gar nicht. Es ist wichtig für die Demokratie, dass sich die Menschen dort, wo sie leben, auch einbringen mit den Möglichkeiten, die sie haben. Und man muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Es muss ja nicht jeder so viel machen wie ich. Meine Idealvorstellung von Demokratie wäre es, dass sich die Bevölkerungsstrukturen im Rat widerspiegeln, damit alle Anliegen eingebracht werden können.

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