Praxen bleiben trotz Corona geöffnet, aber die Patienten bleiben weg

mlzExistenzsorgen

Massage-Salons mussten wegen Corona schließen, aber therapeutische Praxen dürfen weiterarbeiten. Patienten bleiben trotzdem weg, und Physio- und Ergotherapeuten machen sich große Sorgen.

Dorsten

, 28.03.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie dürfen arbeiten, aber ein Großteil ihrer Kunden bleibt momentan lieber daheim. Therapeutische Praxen gelten als „Heilmittelerbringer“ als „systemrelevant“, aber das nutzt Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen gerade herzlich wenig. Viele Patienten bleiben weg, etliche melden sich nicht mal ab, sondern kommen einfach nicht - ihre Therapeuten warten vergeblich.

Das ist auch beim Physiotherapeuten Tobias Overfeld und seinem Kollegen Thorsten Gierig so, der im gleichen Haus an der Borkener Straße 49 eine Praxis für Ergotherapie und Logopädie betreibt. Die beiden beschäftigen an diesem Standort fast 30 Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze gerade akut bedroht sind. Allzu lange dürfe diese Durststrecke nicht dauern, darüber sind Overfeld und Gierig sich einig.

„Wir sind keine Massage-Salons, wir sind therapeutische Praxen“

Besonders ärgerlich ist es für die Therapeuten, dass die Einbußen gar nicht so dramatisch sein müssten, wie sie sich jetzt darstellen. Overfeld: „Die Anordnung der Regierung, dass Massage-Salons zu schließen haben, haben viele Patienten so interpretiert, dass nun auch ihre Behandlungen abgesagt sind.“ Dabei seien Praxen der physikalischen Therapie keine Massagesalons.

Das zentrale Unterscheidungsmerkmal ist die ärztliche Verordnung. Ohne Rezept keine Behandlung, das gilt auch für Privatpatienten und Selbstzahler. „Die müssen sich gegebenenfalls bei ihrem Arzt ein Privatrezept ausstellen lassen“, rät Tobias Overfeld. Wer ein Rezept habe, könne ohne Sorge zur Behandlung kommen. Die Praxisinhaber haben längst alle erdenklichen Hygienemaßnahmen ergriffen.

Abstandsregeln in in der Physiotherapiepraxis Overfeld.

In der Praxis von Tobias Overfeld fällt der Hinweis auf die Abstandsregeln mehr als deutlich aus. Ein durchsichtiger Spuckschutz schützt zudem die Mitarbeiter an der Rezeption. © Petra Berkenbusch

„Wir können und dürfen die Patienten anfassen und bei Bewegungen anleiten“, erklärt Tobias Overfeld, „wir können auch mit ihnen auf die Fläche gehen und Übungen an Geräten anleiten.“ In der Einzeltherapie ist das erlaubt, Gruppen-Angebote wie Reha- oder Präventionskurse müssen dagegen pausieren.

Trotz allem: 70 Prozent der Patienten kommen nicht zur Therapie

Auch Hausbesuche sind weiterhin möglich. Thorsten Gierig: „Patienten, deren Therapeuten bisher für Behandlungen ins Haus kamen, können weiter auf uns zählen.“ Sie müssen sich keine Sorgen darum machen, dass der Besuch des Therapeuten verboten sei oder lange Therapiepausen ihren Gesundheitszustand möglicherweise verschlechtern.

Dennoch sagen bei Gierig in Dorsten derzeit fast 70 Prozent der Patienten ihre Termine ab. Gleichzeitig beklagen Eltern, dass sie ihre Kinder zu Hause kaum „bändigen“ können.

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Deshalb arbeiten die Ergotherapeuten und Logopäden gerade an Videostunden, in denen vertraute Therapeuten über Smartphone, Tablet oder Computer mit ihnen spielen und üben. Videobehandlungen sind auch in der Physiotherapie als Leistung abzurechnen. Damit helfen sie nicht nur, längere Therapieunterbrechungen zu verhindern, sondern tragen auch zum Überleben der Praxen bei.

Große Angst vor Kurzarbeit und Praxisschließung

Overfeld und Gierig raten allen verunsicherten Patienten, die Möglichkeiten der Therapiefortsetzung in persönlichen Gesprächen abzuklären. Sie wollen unter allen Umständen verhindern, dass Therapieerfolge aufs Spiel gesetzt werden und ihre Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze bangen müssen. Die Tagespflege und der Rehaportverein im Dorstener Rehazentrum an der Borkener Straße mussten bereits schließen, für die Praxen ist dieser Schritt möglicherweise noch vermeidbar.

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Das „Zauberwort“ von der ärztlichen Verordnung gilt übrigens auch für die medizinische Fußpflege. „Diabetiker bekommen die Fußpflege vom Arzt verordnet“, erklärt Overfeld. „Die können von uns wie gewohnt weiter versorgt werden.“ Wer nicht nur aus rein kosmetischen Gründen zur Fußpflege geht, sondern dabei auf Hilfe angewiesen ist, ohne Diabetiker zu sein, könne seinen Arzt um ein Privatrezept bitten.

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