Hatte Freispruch beantragt: Verteidiger Dirk Wolterstädt. © Jörn Hartwich
Landgericht Essen

Prozess geplatzt: Fünfjährige muss erneut in den Zeugenstand

Mit einer Überraschung ist der Vergewaltigungs- und Missbrauchsprozess gegen einen Mann aus Dorsten zu Ende gegangen. Den Juristen ist ein Fehler unterlaufen.

Damit hatte wirklich niemand gerechnet: Der Vergewaltigungs- und Missbrauchsprozess gegen einen 24-jährigen Mann aus Dorsten-Holsterhausen ist am Montag überraschend geplatzt. Die Richter am Essener Landgericht erklärten sich kurz vor der Urteilsverkündung für unzuständig. Für die fünfjährige Tochter des Angeklagten geht das Familiendrama damit weiter. Sie muss wohl erneut in den Zeugenstand.

Staatsanwältin hatte Gefängnis beantragt

Die Plädoyers waren bereits gehalten. Die Staatsanwältin hatte über drei Jahre Haft gefordert, Verteidiger Dirk Wolterstädt hatte Freispruch beantragt. Was jedoch von allen übersehen wurde: Bei der mutmaßlichen Vergewaltigung seiner Lebensgefährtin war der Angeklagte erst 19 und damit laut Gesetz noch Heranwachsender. Deshalb hätte der Prozess vor einer Jugendstrafkammer stattfinden müssen.

„Die Kammer ist sachlich nicht zuständig“, so Richter Sebastian Jordan. Auch die Jugendgerichtshilfe sei nicht beteiligt worden. Das sei bei der Beurteilung der Frage, ob Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht zu Anwendung kommen soll, jedoch vorgesehen.

Der Prozess muss nun noch einmal komplett von vorne beginnen. Wann das sein wird, steht noch nicht fest.

Tochter hatte Vorwürfe nicht wiederholt

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, seine Lebensgefährtin vergewaltigt und die gemeinsame Tochter mehrfach sexuell missbraucht zu haben. Das Mädchen soll bei Beginn der mutmaßlichen Übergriffe erst drei Jahre alt gewesen sein.

Die heute Fünfjährige war in der vergangenen Woche unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen worden. Dabei hatte sie die Vorwürfe allerdings nicht wiederholt. Was laut einer Glaubwürdigkeitsgutachterin auch daran gelegen haben könnte, dass das Kind einfach noch zu jung war. „Kinder in diesem Alter vergessen unwahrscheinlich schnell“, so die Sachverständige im Prozess.

Die Vorwürfe waren bekannt geworden, nachdem das Mädchen im Familienkreis erzählt haben soll, was der Papa angeblich gemacht hat. Dabei soll auch diese Sätze gefallen sein: „Der Papa hat nicht gefragt.“ Außerdem habe er nicht aufgepasst. „Das hat weh getan.“

Neuer Prozess

Als die Mutter des Kindes schließlich zur Polizei gegangen ist, hatte sie auch von einer früheren Vergewaltigung erzählt. Die habe sie nach Auskunft einer Beamtin jedoch eigentlich gar nicht zur Anzeige bringen wollen.

Eine Möglichkeit, das Verfahren fortzusetzen, sah die 24. Strafkammer nicht. Welche Richter die Akten nun als nächste auf den Tisch bekommen, ist unklar. Der Angeklagte selbst hatte von Anfang an seine Unschuld beteuert und die Vorwürfe im Prozess vehement bestritten.

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