Nettomarkt überfallen: „Machst du Faxen, schieße ich dir in den Kopf“

mlzProzessauftakt

Einige Schrecksekunden erlebte eine Kassiererin im Nettomarkt, als am 11. Dezember 2019 plötzlich ein bewaffneter und maskierter Mann vor ihr stand. Am Montag sahen sich die beiden wieder.

Dorsten, Essen

, 11.05.2020, 18:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Prozessauftakt am Landgericht Essen: Ein 32-jähriger Dorstener muss sich wegen schwerer räuberischer Erpressung seit Montag vor der VII. Strafkammer des Essener Landgerichts verantworten. Er wurde aus der Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen vorgeführt. In Haft sitzt er seit seinem Überfall auf den Nettomarkt an der Marler Straße am 11. Dezember 2019.

2019 gab es von Mai bis Dezember reihenweise Überfälle auf Supermärkte und einmal auf einen Tiermarkt in Dorsten. Bei seiner Festnahme am frühen Morgen des 12. Dezember rückte der 32-jährige Dorstener vor Polizeibeamten direkt mit der Sprache heraus: Er habe den Überfall auf Netto begangen, gab er zu. Und es einmal bei Edeka auf der Hardt versucht. Die Verantwortung für weitere sieben Überfälle wies er aber strikt zurück.

Er sei, so bekannte er auf Anfrage der Vorsitzenden Richterin Dr. Karin Maibach, durch Zeitungsartikel auf den Geschmack gekommen. „Sie haben die Veröffentlichungen also als Anregung aufgefasst?“, hakte die Richterin nach. „Ja“, sagte der 32-Jährige. „Ich habe von den Überfällen gelesen und gedacht: Das ist alles ja recht einfach.“

Dringend Geld für Drogen gebraucht

Geld brauchte der Angeklagte wohl dringend: Er ist, so erzählte er dem Gericht, schwer drogensüchtig. Mit elf Jahren habe er das erste Mal geraucht. Mit 13 gekifft, mit 18 Jahren dann harte Drogen konsumiert: Heroin und Kokain. Dazu Benzodiazepine (Beruhigungs- und Schlafmittel) in großen Mengen geschluckt. „Als Drogenabhängiger lässt man sich was einfallen, um ein Rezept zu bekommen.“ Losgekommen ist er von seiner Sucht nie. In der Haft werde er mit Methadon substituiert.

Unter Drogen hat der Dorstener seit seinem 14. Lebensjahr regelmäßig Straftaten verübt: überwiegend Diebstähle, aber auch Körperverletzungen, um an Beute zu kommen und diese versilbern zu können. Die Richterin las aus dem Bundeszentralregister vor: 15 Einträge, also Verurteilungen, sind vorhanden. Jugendschöffen- und Schöffengericht in Dorsten hatten seit 2003 regelmäßig mit dem jungen Mann zu tun. Sämtliche Haftstrafen fruchteten nicht. Er sagt selbst: „Ich bin rein in den Knast und wieder raus und habe bedröhnt gleich wieder Scheiße gebaut.“

Eine schwere räuberische Erpressung hatte er in seinem Vorstrafenregister noch nicht. Als sein Drogendealer ihn Ende 2019 unter Druck gesetzt und seine Familie bedroht habe, weil er 2500 Euro Schulden bei ihm hatte, sei er auf die Idee gekommen, einen Supermarkt zu überfallen. „Die haben ja immer eine volle Kasse.“ Am 11. Dezember war die Kasse aber nicht prall gefüllt. Die 61-jährige Kassiererin hatte gerade erst ihre Schicht angetreten und „nur Wechselgeld“ parat: 330 Euro.

Kassiererin las in Ruhe den Zettel durch

Als der Mann vor ihr stand, habe sie zunächst nicht reagiert, weil er ihr einen Zettel hinhielt: „Ich dachte erst, das ist ein Ausländer und der kann auf Deutsch nicht bestellen.“ Weil sie sich beim Lesen des schwer zu entziffernden Gekrakels Zeit ließ, riss dem Angeklagten der Geduldsfaden: Er zückte seine Pistole und sagte dann: „Machst du Faxen, dann schieße ich dir in den Kopf.“

Der Überfall bescherte der Kassiererin schlaflose Nächte. Denn die Waffe sah täuschend echt wie eine scharfe Waffe aus, obwohl es sich um eine Spielzeugpistole handelte: „Ich mache meinen Job seit 41 Jahren, nie ist was passiert. Und dann das.“ Nach einer Woche Krankschreibung und psychologischer Behandlung sei sie aber wieder auf dem Damm gewesen. Den Angeklagten erkannte sie im Gericht nicht wieder: „Ich habe nur seine Augen gesehen. Die waren starr.“

Über das Ausmaß seiner Handlungsfähigkeit soll ein Psychologe am kommenden Sitzungstag (29. Mai) berichten. Dann gibt es wahrscheinlich auch ein Urteil.

Lesen Sie jetzt