Regionalplanung: Bürgerproteste in Holsterhausen zeigen Wirkung

mlzKritik an RVR-Planung

Ein Gewerbegebiet vor ihrer Haustür hat viele Menschen in Holsterhausen in Aufruhr versetzt. Stadtverwaltung und Politik haben sich klar positioniert. Aber das reicht noch nicht.

Holsterhausen

, 25.02.2019, 04:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Den Traum vom eigenen Heim haben sich Jörg Michelt und seine Frau im Jahr 2014 erfüllt. Damals zogen sie von Kirchhellen in das Neubaugebiet „Am Schultendiek“. Sehr viel Geld haben das Grundstück und der zweigeschossige Neubau mit Flachdach gekostet, eine Investition fürs Leben.

Mit schönen Worten hatte die städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft Windor ein Jahr zuvor das Grundstück „in Randlage zum einwohnerstärksten Stadtteil Dorstens“ schmackhaft gemacht. Von einer „verkehrsgünstigen Lage“ war im Exposé die Rede, von „Einkaufsmöglichkeiten in örtlicher Nähe“. Und ja, auch von einem „fließenden Übergang ins Grüne“.

Auszug aus dem Exposé der Windor für das Neubaugebiet „Am Schuiltendiek“: Im Jahr 2013 war von „fließendem Übergang ins Grüne“ die Rede.

Auszug aus dem Exposé der Windor für das Neubaugebiet „Am Schuiltendiek“: Im Jahr 2013 war von „fließendem Übergang ins Grüne“ die Rede. © Stefan Diebäcker

Wenn Jörg Michelt, inzwischen dreifacher Vater, auf die Terrasse und in den Garten geht, blickt er wie seine Nachbarn auf Felder, sieht in der Ferne, wo mittlerweile auf Schermbecker Gebiet drei Windräder stehen, die Sonne untergehen. „Im Verkaufsgespräch war die Rede davon, dass es sich um ein Landschaftsschutzgebiet handelt, das nicht bebaut werden kann“, erinnert er sich. Doch die schöne Aussicht könnte eines Tages verbaut werden.

Häuser und Grundstücke würden an Wert verlieren

Denn die vorläufige Regionalplanung sieht jenseits der Gärten, wo Bauern den Boden beackern, ein Gewerbegebiet vor. Jörg Michelt und seine Nachbarn wissen davon erst seit drei Wochen. Mehr Verkehr, mehr Lärm, dazu womöglich die Aussicht auf einen grünen Wall, hinter dem Gewerbe- und Industriebetriebe stehen - das lässt vor allem den Hausbesitzern im Neubaugebiet Am Schultendiek und in der Straße Tiggelkamp keine Ruhe. Denn ihre Grundstücke und Häuser würden wohl „deutlich an Wert verlieren“, sagen sie. Und der gesamte Ortsteil würde mehr Verkehr und Lärm schlucken müssen.

Karl Bergmann wohnt seit 35 Jahren am Tiggelkamp und hat seinen Protestbrief bereits an den Regionalverband Ruhr geschickt. Fast 180 Menschen haben ihn unterschrieben. Jörg Michelt packt seine Gegenargumente zum RVR-Entwurf mit 800 Unterschriften von Menschen aus Holsterhausen zu Wochenbeginn in einen Briefumschlag. Höchste Zeit, die Einspruchsfrist endet am Donnerstag.

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Auch Dorstens Politiker haben sich festgelegt. Sie werden auf Vorschlag der Stadtverwaltung in dieser Woche eine lange Liste von Einwänden gegen die Regionalplanung verabschieden: am Dienstag im Umwelt- und Planungsausschuss, am Mittwoch abschließend im Stadtrat. Das Gewerbegebiet in der Emmelkämpfer Brauk lehnen sie „entschieden“ ab, heißt es in der Sitzungsvorlage. Deutlicher geht es nicht, und ohne öffentlichen Druck wäre die Formulierung wohl anders ausgefallen.

Zwischen Autobahn und Wohnsiedlung sieht die Regionalplanung ein Gewerbegebiet vor. Anwohner, Politiker und die Stadtverwaltung sind dagegen.

Zwischen Autobahn und Wohnsiedlung sieht die Regionalplanung ein Gewerbegebiet vor. Anwohner, Politiker und die Stadtverwaltung sind dagegen. © Guido Bludau

In der Sondersitzung des Umwelt- und Planungsausschusses und der Ratskommission für Stadtentwicklung am 11. Februar hieß es noch, dass eine Erweiterung des Induparks Dorsten/Marl oder ein Gewerbegebiet in der Rüster Mark eine höhere Priorität haben. „Eine Priorisierung ist aber keine Ablehnung“, monierte Jürgen Tyburski, der mit Karl Bergmann, Jörg Michelt und etwa 70 weiteren Anwohnern die Diskussion verfolgte. Weil nämlich das Thema kurzfristig vom nicht-öffentlichen in den öffentlichen Teil geschoben worden war.

Bürgermeister leitete die Argumente weiter

Seitdem hat sich eine Allianz gebildet zwischen Stadtverwaltung, Politik und Bürgern. „Die Stellungnahmen waren eindeutig“, registriert Karl Bergmann zufrieden. Bürgermeister Tobias Stockhoff hat die Argumente der Holsterhausener Initiative sogar an die Vertreter des Kreises Recklinghausen in der RVR-Versammlung weitergeleitet. „Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie die vorgetragenen Argumente im Abwägungsprozess um diesen Teilbereich der Entwurfsplanung berücksichtigen würden“, schrieb er.

Der Ärger in Holsterhausen ist damit aber nicht verflogen. Noch immer bemängeln die Menschen im Dorf Holsterhausen die schlechte Informationspolitik der Stadt. Und sie fragen sich weiterhin: Wie konnte die Ackerfläche zwischen Siedlung und Autobahn überhaupt in Betracht gezogen werden?

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„Der Gebietsvorschlag entstammt älteren Vorüberlegungen, nach denen Zukunftsstandorte an der A 31 für eine spätere Entwicklung gesucht werden sollten“, bestätigte der Technische Beigeordnete Holger Lohse auf Anfrage. „In Absprache zwischen Stadtplanung und Wirtschaftsförderung wurden die Standorte Schwatter Jans und Freudenberg/Rüste priorisiert.“ Als weitere Fläche im Gesamtkontingent, die „den grundsätzlichen Grobkriterien entsprachen“, sei am 1. April 2015 wie vom Kreis gefordert auch der Bereich „Emmelkämper Brauk“ gemeldet worden.

Der vorläufige Regionalplan weist ein Gewerbegebiet in Holsterhausen aus. Anwohner und mittlerweile auch die Stadtwaltung wollen, dass die Idee endgültig zu den Akten gelegt wird.

Der vorläufige Regionalplan weist ein Gewerbegebiet in Holsterhausen aus. Anwohner und mittlerweile auch die Stadtwaltung wollen, dass die Idee endgültig zu den Akten gelegt wird. © RVR

Die betroffenen Bürger drängen darauf, dass dieser Bereich aus dem Regionalplan verschwindet. Denn nur dann gibt es „bis auf weiteres keine Möglichkeit für die gewerbliche Entwicklung“, räumt Lohse ein. Ansonsten sei „die Willensbildung des Rates gegenwärtig und in Zukunft der wesentliche Faktor“.

„Eine Garantie gibt es nicht“

Der derzeitige Rat und auch Bürgermeister Tobias Stockhoff haben eine Entwicklung an dieser Stelle eindeutig ausgeschlossen. „Eine Garantie, dass es irgendeine Entwicklung an irgendeiner Stelle der Stadt gibt oder nicht gibt und die über Jahrzehnte gelten soll, wird allerdings niemals möglich sein“, sagt der Technische Beigeordnete.

Die Verbandsversammlung, das sogenannte Ruhrparlament, verabschiedet voraussichtlich erst im Herbst 2020 den Regionalplan. Viel Zeit noch, um die vielen Einwände aus 52 Kommunen zu sichten und abzuwägen. Karl Bergmann und seine Nachbarn wollen bis dahin die Hände aber nicht in den Schoß legen. Sie denken an eine Bürgerversammlung noch in diesem Jahr, wollen den Druck auf Politiker und den Regionalverband Ruhr aufrechterhalten. Im nächsten Jahr sind schließlich Kommunalwahlen.

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