Revolution im Rathaus: Neuer Personalrat will „deutliche Worte finden“

mlzStadtverwaltung Dorsten

Im Rathaus in Dorsten hat sich eine kleine Revolution ereignet. Erstmals stellt die Gewerkschaft Komba die Mehrheit im Personalrat. Der neue Vorsitzende will Probleme deutlich ansprechen.

Dorsten

, 21.07.2020, 18:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vor vier Wochen hat André Sänger (39) sein neues Büro im Windor-Gebäude bezogen. Das steht ihm als Personalratsvorsitzender zu. Von seinen bisherigen Aufgaben in der Dorstener Stadtverwaltung ist er freigestellt.

„Ich habe gut zu tun“, sagt der Mann, der nun erster Ansprechpartner für mehr als 1000 Kolleginnen und Kollegen ist. Die Tür zu seinem neuen Büro steht immer offen, während eines Gesprächs wird sie aber verschlossen. Vertraulichkeit ist ganz wichtig.

Herr Sänger, Sie waren viele Jahre Sachbearbeiter für humanitäre Aufenthalte und schwierige Fälle. Sind Sie froh, nicht mehr in der Ausländerbehörde arbeiten zu müssen?

Nein, überhaupt nicht. Mein beruflicher Werdegang hat sich weitestgehend in der Ausländerbehörde abgespielt, ich habe das immer gerne gemacht. Das war sehr interessantes Arbeiten, man ist auf verschiedenen Ebenen gefordert, hat mit Menschen und Schicksalen zu tun, kann manchmal sogar Gutes bewirken. Deshalb hatte ich auch nie den Wunsch, mich innerhalb der Verwaltung verändern zu müssen.

Jetzt sind Sie nicht mehr nur Gewerkschafter, sondern als Personalratsvorsitzender Ansprechpartner für mehr als 1000 Mitarbeiter der Dorstener Stadtverwaltung. Warum?

Für mich war immer klar: Wenn ich mich verändere, dann muss ich wirklich dahinterstehen und Lust auf die Aufgabe haben. In den letzten Jahren bin ich so tief in Personalrats- und Gewerkschaftsarbeit eingestiegen, dass ich für mich sagen konnte: Das mache ich gerne, gerne auch den ganzen Tag.

Als Personalratsvorsitzender hat André Sänger ein neues Büro im WinDor-Gebäude bekommen, um das  ihn einige Kollegen wahrscheinlich beneiden

Als Personalratsvorsitzender hat André Sänger ein neues Büro im Windor-Gebäude bekommen, um das ihn einige Kollegen wahrscheinlich beneiden. Der 39-Jährige möchte die Arbeitsbedingungen bei der Stadtverwaltung verbessern helfen. © Stefan Diebäcker

Bislang waren sie „nur“ Gewerkschafter, jetzt vertreten Sie den Personalrat, auch gegenüber dem Bürgermeister und der Stadtspitze. Was verändert sich dadurch?

Die Themen bleiben, der Ton wird ein anderer. Ich werde als Personalratsvorsitzender Dinge nicht ganz so scharf formulieren wie als Gewerkschafter. Wir können hart, aber herzlich miteinander diskutieren, sind aber zur vertrauensvollen Zusammenarbeit gesetzlich verpflichtet. Es wird bestimmt Situationen geben, wo der eine den anderen verfluchen wird, aber der Ton darf die Zusammenarbeit nicht gefährden. Ich bin allerdings nicht angetreten, um Konflikte zu vermeiden, sondern werde deutliche Worte finden, ohne übertrieben spitz zu sein.

Erstmals hat der 13-köpfige Personalrat der Dorstener Stadtverwaltung mehr Komba- als Verdi-Mitglieder und stellt somit auch den Vorsitzenden. Wie konnte das passieren?

Gute Frage (lacht)! Das hat eine längere Geschichte. Wir haben uns 2015 neu aufgestellt und uns bei den Personalratswahlen 2016 schon mal in Position gebracht. Weil klar war, dass es 2020 Veränderungen bei der Verdi geben würde. Mit meiner Vorgängerin Waltraud Hadick ist ein bekanntes Gesicht in den Ruhestand gegangen, andere Kollegen hatten angekündigt, sich zurückziehen zu wollen. Das war für uns endgültig der Zeitpunkt, um vor einem Jahr zu sagen: Wenn nicht jetzt, wann dann? Denn wir leisten meiner Meinung nach schon seit vielen Jahren wirklich gute Arbeit.


Welchen Themen sind Ihnen besonders wichtig?

Wertschätzung, Digitalisierung, auch Vertrauen. Das waren Wahlkampfthemen und sind Dinge, von denen wir glauben, dass sie an einigen Stellen verbesserungswürdig sind.

Geht es etwas konkreter?

Manchmal geht es nur darum, wie ein Schreiben formuliert ist. Wir sind nicht nur eine Nummer im System, die man hin- und herschiebt, sondern wir möchten als Menschen wahrgenommen werden. Auch bei der Ausstattung der Büros und des Arbeitsplatzes geht es um Wertschätzung. Einige Dinge sind ja schon angeschoben worden.

... wie zum Beispiel die Rathaus-Sanierung und der geplante Anbau.

Das ist sicherlich für viele eine Chance, sich ein wertschätzenderes Umfeld zu schaffen. Wir wollen keinen goldenen Teppich und feudale Büros. Es reicht schon, wenn man morgens gerne zum Arbeitsplatz kommt, weil es dort hell und freundlich ist.

Wie sieht‘s mit Vertrauen aus?

Wir sind hier gelegentlich in einem sehr starren System, wo man nur etwas ist, wenn man einen bestimmten Titel hat. Vertrauen heißt u.a. auch, Kolleginnen und Kollegen mitzunehmen und auf ihr Können zu bauen. Man kann besondere Aufgaben delegieren oder Ideen aufgreifen, die jemand hat. Da kann es nicht darum gehen, ob jemand im gehobenen oder mittleren Dienst ist, studiert hat oder nicht. In vielen Bereichen läuft es gut, in anderen müssen wir hinschauen.


Ihre Vorgängerin Waltraud Hadick hat in den letzten Jahren immer wieder die Arbeitsbelastung kritisiert. Sehen Sie das genauso?

Ja, diese Einschätzung teile ich im Grundsatz. Wir haben einige Bereiche, in denen die Kollegen über Gebühr belastet sind. Da müssen wir schauen, woran das liegt: strukturelle Probleme, zu wenig Personal, zu viele Aufgaben für den Einzelnen?


Gibt es umgekehrt noch den Beamten, der im Volksmund die Zeit totschlägt, bis er endlich Feierabend hat?

Ich kenne dieses Vorurteil und es gab sicherlich Zeiten, wo es nicht von der Hand zu weisen war. Aber die Zeiten haben sich ganz schön geändert. Ich kenne keinen Kollegen in Dorsten, der sich den ganzen Tag nur mit Kaffeetrinken beschäftigt und darauf wartet, dass er irgendwann mal in Pension gehen kann.

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