Schwerbehinderter muss seinen Anbau am Zechenhäuschen wieder abreißen lassen

mlzZechenkolonie Hervest

Ein schwerbehinderter Mieter eines Zechenhäuschens in der Hervester Kolonie muss seinen Anbau abreißen. Der Denkmalschutz lässt keine Ausnahmen zu. Auch nicht in persönlichen Härtefällen.

Dorsten, Hervest

, 17.02.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bernhard Reusch bewohnt seit mehr als 30 Jahren mit seiner Familie ein Zechenhäuschen in der Hervester Kolonie am Brunnenplatz Hervest. Vor drei Jahren erlitt der heute 58-Jährige einen Schlaganfall: „Mein Mann ist seitdem halbseitig gelähmt. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen“, sagt Ehefrau Ellen Reusch.

Der Hervester Frührentner ist laut Auskunft seiner Ehefrau Ellen tieftraurig, dass er eine am Haus angebrachte Überdachung samt Anbau am rückwärtigen Teil des Koloniehauses sehr wahrscheinlich wieder entfernen muss. Er hofft, dass die Vivawest, seine Vermieterin, ihm wegen der besonderen Umstände eine Ausnahme genehmigt.

Ein Verstoß gegen zahlreiche Bestimmungen

Doch Vivawest besteht auf Entfernung des Anbaus. „Wir können uns nicht über geltendes Recht hinwegsetzen“, sagt Dr. Marie Mense, Unternehmenssprecherin, auf unsere Anfrage. „Der Anbau entspricht weder der Denkmalsatzung noch der geltenden Bauordnung noch den Brandschutzbestimmungen.“

Außerdem sei die Wohnung des Mieters öffentlich gefördert. Mit der Wohnraumerweiterung sei mehr Fläche geschaffen worden. „Das heißt, dass der Wohnberechtigungsschein des Mieters nicht mehr greift“, so Mense weiter.

Jahrelang hat niemand etwas dazu gesagt

„Mein Mann hat die Terrasse und die Überdachung vor Jahren eigenhändig gebaut. Das haben ja viele andere in unserer Siedlung auch getan. Es wurde nie beanstandet“, sagt Ellen Reusch. 2018 aber beklagte sich ein anderer Mieter in der Siedlung darüber, dass der Grillrauch seines Nachbarn zu ihm herüberdringe, weil der ebenfalls eine Terrassenüberdachung ans Koloniehaus geschraubt hatte.

Mit dieser Meldung flog auf, dass viele Mieter ungeachtet des Denkmalschutzes, unter dem die Häuser in der Zechenkolonie stehen, eigenmächtig an ihren Mietshäusern gewerkelt hatten. Das aber lässt die Denkmalschutzsatzung nicht zu. Und auch nicht die Vivawest als Vermieterin, die auf Einhaltung der Regeln pocht.

40 Mietparteien müssen Anbauten entfernen

Vivawest gibt auf unsere Anfrage an, dass 40 Mieparteien in der Siedlung aufgefordert worden seien, Anbauten und Überdachungen an den Häusern wieder zu entfernen. Drei hätten das noch nicht getan. Auch die Eheleute Reusch nicht, denen eine Schonfrist wegen der besonderen Situation eingeräumt wurde. Die Eheleute Reusch hadern nun mit ihrem Schicksal.

Ellen Reusch bricht in Tränen aus, als sie von dem drohenden Abriss spricht. Denn ihr Mann Bernhard wisse noch nicht, dass Vivawest auf der Entfernung seines Lebenswerkes bestehe. Und für ihren Mann sei das ein Lebenswerk. „Er hängt mit ganzem Herzen dran. Er hat viele Stunden daran gearbeitet, um es unserer Familie gemütlich zu machen.“

Dankbar ist Ellen Reusch, dass Vivawest die Abbruchfrist verlängert hat. Wie sie ihrem Mann aber begreiflich machen soll, dass der Anbau bis zum 1.4.2019 verschwinden muss, „das weiß ich noch nicht“.

Das Zechenhäuschen ist nicht barrierefrei

Bernhard Reusch bewohnt seit seiner schweren Erkrankung ein Hinterzimmer im Parterre des Zechenhäuschens. Über eine Rampe gelangt er mit seinem Rollstuhl in den Wintergarten. Hier sitze er häufig und schaue in den Garten. „Das macht ihm Freude“, so Ellen Reusch. Viel mehr Bewegungsfreiheit hat Bernhard Reusch nicht. Denn das 100 Jahre alte Zechenhaus ist nicht barrierefrei.

„Einmal in der Woche bringe ich meinem Mann zusammen mit meiner Tochter in die erste Etage, damit er baden kann“, so Ellen Reusch. Umzuziehen, damit sie und ihr Mann es leichter haben, kann Ellen Reusch sich nicht vorstellen. „Ich bin ein Kind der Kolonie.“

Eine barrierefreie Wohnung wäre vielleicht die Lösung

Die Situation scheint festgefahren. Gerd Schute, Vorsitzender des Hervester Bergbauvereins, hätte eine Idee: „Vivawest hat doch viele Wohnungen. Wenn man mit der Wohnungsgesellschaft spricht, würde sie bestimmt eine barrierefreie Wohnung als Alternative für das Ehepaar finden.“

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