Stefan Breuer aus Dorsten hat als Spiele-Erfinder auch in China einen guten Ruf

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Er ist ein richtiges Spielkind: Der Dorstener Jugendamtsleiter Stefan Breuer denkt sich seit Jahren Gesellschaftsspiele aus. Jetzt wurde er bei einem weltweiten Wettbewerb ausgezeichnet.

Lembeck

, 16.02.2019, 19:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Kontinentteile auf dem Spielbrett lassen sich verschieben, per Magnetstreifen zusammensetzen, wieder auseinanderreißen und zu Bergen auftürmen. Außerdem sind Tierpunkte mit im vier Runden dauernden Spiel, das die Teilnehmer mithilfe von 16 Spielkarten beeinflussen können. „Mit den Aufgaben, die einem dabei gestellt werden, kann man den Mitspielern ganz schön in die Suppe spucken“, erklärt Stefan Breuer. „Das Spiel gefällt deswegen nicht jedem“, sagt der Lembecker über seine eigene Erfindung: „Als ich es mit meiner Familie im Urlaub getestet hat, habe ich gemerkt: Bei Menschen mit geringer Frustrationstoleranz kann das bisweilen ganz schön emotionale Reaktionen auslösen.“ Den Chinesen allerdings, denen gefällt „Shai Hai Jing“.

Stefan Breuer aus Dorsten hat als Spiele-Erfinder auch in China einen guten Ruf

Auf einer Spielemesse in Shanghai hat Stefan Breuer den zweiten Platz eines weltweiten Spiele-Wettbewerbs überreicht bekommen. © Privat

„Shai Hai Jing“ - mit diesen drei Worten hat der 48-jährige Stefan Breuer, Leiter des Dorstener Jugendamtes, die Fernost-Ausgabe seines neuesten Brettspiels genannt, das sich demnächst anschicken könnte, den chinesischen Markt zu erobern. „Ein Spieleverlag dort will sich die Lizenzen sichern, es geht jetzt in die Vertragsverhandlungen“, sagt der vierfache Familienvater, der sich bereits einer Menge Aufmerksamkeit bei den Spiele-Freunden im Reich der Mitte erfreuen darf: Mit „Shai Hai Jing“ (auf Deutsch: Klassiker der Meere und Berge) hat der Lembecker kürzlich den zweiten Preis bei einem weltweit ausgeschriebenen Spiele-Wettbewerb in Shanghai gewonnen - und das Preisgeld sowie den Pokal dort persönlich während einer Festveranstaltung im Rahmen einer großen Spielemesse abgeholt. „Das war ein echt nervenaufreibender Kurztrip. Von der Stadt habe ich kaum etwas gesehen.“

In 36 Zigarrenkisten aufbewahrt

Es ist nicht das erste Mal, das Stefan Breuer mit einem selbst ausgedachten Spiel für Furore gesorgt hat. 36 Spiele hat er entwickelt, Kinder-, Party-, Strategie-, Brett- und Kartenspiele, einige wurden ausgezeichnet oder von Verlagen veröffentlicht, mit einigen von ihnen ist er beim weltweiten Gamedesigner-Portal „Boardgamegeek.com“ gelistet.

In 36 Zigarrenboxen der Marke „Ludwig Erhard“ („die hat mein Schwiegervater geraucht“) hat er die jeweiligen Materialien und Beschreibungen gesammelt. Sie sind in einem Regalschrank einsortiert, das sich im zum Spielzimmer umfunktionierten Kellerraum des Elternhauses befindet, das Stefan Breuer mit seiner Familie bewohnt. Im Vorraum und im Wohnzimmer befinden sich weitere 600 Spiele, die Stefan Breuer im Laufe seines Lebens gekauft und geschenkt bekommen hat.

Stefan Breuer aus Dorsten hat als Spiele-Erfinder auch in China einen guten Ruf

Ein Teil der 36 Spiele, die Stefan Breuer in seinem Spielekeller in Zigarrenkisten aufbewahrt. © Michael Klein

„Spielt, ihr Narren“, fordert ein Plakat im Spielzimmer - und ein Spielkind, das sei er schon immer gewesen, sagt Stefan Breuer. Seit 1979 haben die Eltern ihm und den Geschwistern immer zu Weihnachten die jeweils ausgezeichneten „Spiele des Jahres“ unter den Christbaum gelegt. Und irgendwann Ende der 1990er-Jahre bekam er ein Spiele-Wochenende geschenkt, bei dem Teilnehmer Prototypen von bislang unveröffentlichten Spielen testen durften. Das inspirierte den Lembecker, auch selbst mal ein Spiel zu entwickeln.

„Ententeich“-Spiel für Kinder

Über seine erste Spiele-Idee will Stefan Breuer nicht so lange reden. „Das hatte eher deprimierenden Charakter“, sagt er. „Und hatte mit den Alltags-Erfahrungen zu tun, die ich während meines Jobs im Allgemeinen Sozialen Dienst gemacht habe.“ Seine weiteren Einfälle sorgten für mehr Spielspaß. Ein Brettspiel namens„Ententeich“ für Kinder ab vier Jahren, bei dem Teilnehmer Enten füttern können, kam in den Handel, ist aber inzwischen nicht mehr vorrätig. „Im Internet findet sich aber lustigerweise noch ein Youtube-Video in russischer Sprache, in dem jemand das Spiel erklärt.“

Preisgeld für „Anagrammeln“

Ein Preisgeld in Höhe von 1000 Euro erhielt Stefan Breuer im Jahr 2010, als er sein Spiel „Anagrammeln“ beim „Internationalen Landespreis für Spielkultur“ in Graz einreichte - bis zu acht Spieler über acht Jahren mussten aus Namen von Prominenten Anagramme herstellen, die Gegenspieler hatten 30 Sekunden Zeit, herauszufinden, welcher Promi sich dahinter versteckt.

Die Inspirationen lauern überall. Beim Autofahren, beim Spielen mit den Kindern, auch schon mal bei der Arbeit. Doch manchmal muss Stefan Breuer auch mal Abstriche bei seinen Konzepten machen. Wie beim kriminalistischen Brettspiel namens „Jazzclub“, das er vor Jahren beim renommierten Spieleverlag Gmeiner einreichte.

Das wurde von der Firma soweit geändert, dass es schließlich als Kartenspiel unter dem Namen „Dreck am Stecken“ herauskam, bei dem Teilnehmer durch das Stellen von Fragen im Ausschlussverfahren einen Täter überführen sollten. Ein Spiel also, dass viel mit Logik zu tun hat. Dabei spielt Stefan Breuer „aber viel lieber aus dem Bauch heraus“, betont er. „Da kann es schon mal passieren, dass ich bei selbst entwickelten Strategiespielen keine Chance gegen andere habe, weil meine Kontrahenten das Spiel viel tiefer durchdringen als ich es könnte.“

Prototypen werden selbst gebaut

Bis der Prototyp für ein solches Spiel fertig ist, kann es durchaus auch schon mal ein paar Monate dauern. Stefan Breuer bastelt die Bretter, Spielkarten, -Steine und was er sonst noch an Materialien benötigt, oftmals selber, malt sie an, zweckentfremdet auch mal Fundstücke, die er im Haushalt entdeckt. Dann wird getestet, mit der Familie, mit Freunden. „Nur wenn echt gespielt wird, kann man die Mechanismen überprüfen“, sagt er. Das bedeutet, dass das Spiel keine logischen Fehler hat oder ein Mitspieler es überlisten kann. „Und manchmal ist es auch schwierig, eine Spielanleitung so zu schreiben, dass die Nutzer damit etwas anfangen können.“

Stefan Breuer aus Dorsten hat als Spiele-Erfinder auch in China einen guten Ruf

Auf der Spielemesse probierten die chinesischen Besucher das Spiel von Sefan Breuer begeistert aus. © Privat

Hinzu kommt, dass es hin und wieder seine Zeit dauert, bis eine Spielidee endlich den Ansprüchen von Stefan Breuer genügt. „Dann fällt mir immer wieder etwas ein, was man verbessern kann.“ Das war auch beim Spiel „Shai Hai Jing“ so, dessen erste Variation der Lembecker vor vier Jahren unter dem Titel „Tecto“ entwickelt hat. „Die Ursprungsidee war, dass sich Flächen tektonisch auf einem Spielfeld bewegen“, erklärt er den Namen. „Die ersten Entwürfe aber waren unausgegoren, damit hätte ich keinen Blumentopf gewonnen.“ Erst nach und nach sei das Spiel dann das geworden, was es nun auch nach Meinung der Jury in Shanghai auszeichnet. „Es ist sehr taktisch, sehr interaktiv, aber nicht allzu komplex, da es einfache Regeln hat, die man sich leicht aneignen kann“, so charakterisiert Stefan Breuer seine Erfindung.

Spiele-Wochenenden

Auf der Messe in Shanghai hatten die Besucher das Spiel nach der Bekanntgabe der Gewinner bereits getestet. „Die Spielanleitung, die ich auf Englisch verfasst hatte, wurde dort von Dolmetschern auf Chinesisch übersetzt“, sagt Breuer. Überhaupt sei die Reaktion der Spieler wichtig. Seit 2005 lädt er einmal im Jahr 40 Freunde und Interessierte zu einem Intensiv-Spiele-Wochenende in die Midlicher Mühle in Lembeck ein, auch die WDR-Lokalzeit berichtete darüber (siehe Video oben). Dorthin bringt Stefan Breuer seine gekauften Gesellschaftsspiele mit, aber auch die eigenen Kreationen. Zu denen gehört auch ein Spiel namens „Lembeckeridee“, das er vor vier Jahren anlässlich der Aktion „Ideen zur Dorfentwicklung“ für die Lembecker Porte erfunden hat. „Dieser spielerische Umgang mit dem Thema hat damals viel Kreativität freigesetzt“, sagt er.

Stefan Breuer aus Dorsten hat als Spiele-Erfinder auch in China einen guten Ruf

Bei einem Porteabend probierten Lembecker Bürger das Spiel „Lembeckeridee" aus. © Frank Langenhorst

Stefan Breuers derzeitiges Lieblingsspiel heißt „Terraforming Mars“, da geht es darum, den Mars bewohnbar zu machen. Ein Karten- und Brettspiel natürlich, denn Computerspiele sind nicht so sein Ding. „Auf den Zug bin ich irgendwie nicht aufgesprungen, das ist völlig an mir vorbeigegangen.“ Und so hat auch die neue Spielidee, an der der Lembecker seit längerer Zeit tüftelt, einen Spielplan, den man anfassen kann, aus Pappe und farbig bemalt. „Es geht um Länder, die müssen Rohstoffe produzieren.“ Einen Namen hat das Spiel noch nicht, und richtig ausgefeilt ist es auch noch nicht. „Mir fehlt inzwischen berufsbedingt die Muße, mich intensiv damit auseinanderzusetzen“, sagt das „Spielkind“ aus Lembeck, das früher im Oberhausener Jugendamt für was zuständig war? Richtig: für die Spielplätze.

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