Ursula Ansorge zieht sich als Stadtbeauftragte der Malteser zurück

mlzInterview

Ursula Ansorge (78) ist das Gesicht der Dorstener Malteser und hat viele Projekte auf den Weg gebracht. Am 31. März zieht sie sich als Stadtbeauftragte zurück, hat aber noch einiges vor.

Dorsten

, 03.02.2019, 13:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Anlässlich ihres Rückzugs aus erster Reihe stand uns Ursula Ansorge für ein Interview zur Verfügung.

Frau Ansorge, Sie sind bereits im zarten Alter von 16 Jahren Malteserin geworden und haben den Hilfsdienst in Ihrer Heimatstadt Borken mit aufgebaut. Was hat Sie als Jugendliche an dieser ehrenamtlichen Aufgabe gereizt?

Dass ich mich für Menschen einsetzen kann, die Hilfe brauchen. Ich bin in einem sozial und christlich geprägten Elternhaus in Borken als ältestes von acht Kindern aufgewachsen und habe schon früh gelernt, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Unsere Mädchengruppe hat damals Sonntagsdienste im Krankenhaus gemacht. Ich durfte sogar mit zu Unfällen rausfahren und habe nachhaltige Begegnungen erlebt, die prägen.

So nachhaltig, dass Sie nunmehr seit 62 Jahren dabei geblieben sind, davon viele Jahrzehnte in leitender Position. Das zeugt von einer erstaunlichen Beharrlichkeit.

Vor ungefähr 30 Jahren hat mir einmal ein junger Malteser gesagt: Hilfe verbindet! Und da hat er recht. Die Begegnung tut beiden Seiten gut. Ich habe zum Beispiel gerade eine Kranke, die kürzlich gestorben ist, drei Jahre lang begleitet. Das verlangt einem vieles ab. Man kommt dem Menschen, der eine Achterbahn der Gefühle durchleidet, so nah wie selten im Leben. Man muss auch die Talfahrten aushalten und versuchen, im rechten Moment eine Stütze zu sein. Aber diese Begegnungen bringen einem persönlich auch sehr viel zurück. Es ist ein gutes Gefühl, helfen zu können.

Sterbebegleitung, ein wichtiges Thema, dem sie durch die Gründung des Ambulanten Hospizdienstes in Dorsten, Gewicht verliehen haben. Wie haben Sie das auf den Weg gebracht?

Der Hospizgedanke hat Anfang der 1990er-Jahre in meinem Kopf einen immer größeren Platz eingenommen. Durch die vielen Begegnungen mit Kranken weiß ich, wie wichtig es ist, den schwer Erkrankten beizustehen und ihnen bis zum Ende ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu ermöglichen. In dem damaligen Caritas-Geschäftsführer Uwe Gorski, der leider viel zu früh verstorben ist, habe ich einen guten Partner in der Sache gefunden. Die Zusammenarbeit mit der Caritas im Bereich Soziale Dienste war mir immer sehr wichtig. Ein stationäres Hospiz, so wie es die Malteser in anderen Städten führen, wäre in Dorsten schwer zu finanzieren gewesen. Deswegen haben wir 1999 den Ambulanten Hospizdienst mit Sterbe- und Trauerbegleitung ins Leben gerufen. Dass wir neun Jahre später in Zusammenarbeit mit dem St.-Elisabeth-Krankenhaus die palliative Spes-Viva-Station starten konnten, war natürlich ein besonderes Glück.

Ausbildung, Ambulanter Hospizdienst, Trauerbegleitung, Rollstuhlfahrertreff, Wohlfühltage für pflegende Angehörige - Sie haben so viele Dinge auf den Weg gebracht. Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Das ist schwer zu sagen. Mir war es immer wichtig, Behinderte zu integrieren. Und die Rumänien-Hilfsaktion in Baia Mare, die ich vor 29 Jahren aufgebaut habe, hat mich auch als Mensch sehr geprägt. Ich bin froh, dass mein Sohn Adrian jetzt den Auslandsdienst Rumänienhilfe übernimmt.

Sie haben in vielen Gremien mitgewirkt, sind mehrmals ausgezeichnet worden, zum Beispiel 1998 mit dem Heinrich-Brüggemann-Preis, 1999 mit dem Landesorden NRW, 2013 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz. Und natürlich der Dorstener Ehrennadel. Gibt es etwas, auf das Sie besonders stolz sind?

Als ich vonseiten der Diözese in den Zentralrat des deutschen Caritasverbandes - das höchste Gremium des Verbandes - gewählt wurde, da habe ich schon gedacht: „Oh, das ist eine Aufgabe, die musst Du Dir nicht leicht machen.“ Frauen waren damals dort unterrepräsentiert. Da brauchte man schon Mut, um an Stellen Einfluss zu nehmen, die meist Männern vorbehalten waren. Und als ich 1992 in den Diözesanvorstand als Helfervertreter kam, da war ich mir auch sehr bewusst, dass ich nun als Sprachrohr und Vermittlerin aller ehrenamtlicher Helfer, die mit ihren Sorgen und Nöten zu mir kommen, gefordert bin.

So viel Zeit und Arbeit im Ehrenamt. Was haben denn Ihr Ehemann und Ihre drei Kinder dazu gesagt, dass sie so oft auf Sie verzichten mussten?

Eins ist klar: Wenn die Familie nicht dahinter steht, kann man so eine Arbeit nicht machen. Meine Familie hat mich immer ermuntert. Die Arbeit erfordert Disziplin und Zuverlässigkeit. Häufig wurde ich ja auch zu Hause angerufen und um Hilfe gebeten. Das bleibt nicht draußen.

Beim diesjährigen Neujahrsempfang der Malteser am 27. Januar haben Sie sich ja bereits als Stadtbeauftragte verabschiedet und viele Lobreden, in denen Sie und Ihre langjährige ehrenamtliche Arbeit gewürdigt wurden, angehört. Fällt Ihnen der Abschied eigentlich schwer?

Nein. Ich hinterlasse etwas, worauf ich stolz bin. Ich habe die Aufgabe der Stadtbeauftragten seit 1989 - also 30 Jahre lang - gern gemacht. Ich habe alles ordnungsgemäß abgeschlossen und weiß, dass es Leute gibt, die diese Aufgaben gut weiterführen werden. Das Amt der Stadtbeauftragten übernimmt kommissarisch bis Ende 2019 Andrea Schreiber, die schon lange Jahre bei den Maltesern aktiv ist. Ihre Stellvertreterin ist Anja Westphal, die Cäcilie Lepenies nachfolgt.

Und an Nachwuchs mangelt es den Maltesern in Dorsten ja auch nicht.

Nein. Wir haben jetzt eine wunderbare Jugendgruppe und 15 Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren. Das hatte ich mir immer gewünscht.

Vom Amt der Stadtbeauftragten treten Sie zurück, aber Malteserin bleiben Sie doch weiterhin, nicht wahr?

Natürlich. Das habe ich so verinnerlicht, das gehört zu mir. Wo und wann ich kann, werde ich auch weiter helfen. Auch die Verbindung mit Rumänien werde ich halten. Mein Sohn und ich haben schon einen Termin im kommenden März ausgemacht: Da bringen wir beide einen alten Malteser-Bulli als Geschenk zu unseren Freunden in Baia Mare.

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