Frauenmord in der Dorstener Fußgängerzone vor zehn Jahren wirkt bis heute nach

mlzSerie: Verbrechen in Dorsten

Vor zehn Jahren ermordete ein Mann seine Frau in Dorsten. Fatma wurde nur 27 Jahre alt. Ihr Mann schnitt ihr die Kehle durch. Jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch die Hand ihres Mannes.

Dorsten

, 13.12.2018, 16:45 Uhr / Lesedauer: 6 min

Bundesfrauenministerin Franziska Giffey stellte am 20. November erschütterndes Zahlenmaterial vor. Überall in unserem Land werden Frauen täglich Opfer häuslicher Gewalt (138.000 angezeigte Fälle).

Jeden dritten Tag verliert eine Frau ihr Leben, weil ihr Ehemann, ihr Partner oder ihr Lebensgefährte sie umbringt.

147 Frauen starben 2017.

Serie: Verbrechen in Dorsten

In unregelmäßigen Abständen berichten wir hier über Verbrechen in Dorsten. Spektakuläre Gewalttaten, die über die Grenzen der Stadt Dorsten hinaus für Gesprächsstoff gesorgt haben. Wir beleuchten die Hintergründe und sprechen mit Beteiligten, die zur Aufklärung der Straftat beigetragen haben.

„Dass quasi montags, donnerstags und sonntags eine Frau von ihrem Partner umgebracht wird, ist in einem modernen Land wie Deutschland eine unvorstellbare Größenordnung“, hat die Ministerin bei der Vorstellung der Statistik des Bundeskriminalamtes gesagt.

Und auch, dass alte Rollenmuster und schwere Krisen das Unvorstellbare in Männern unabhängig vom sozialen Status hervorrufen können: blanke Mordlust.

Vor den Augen zahlreicher Menschen bestialisch ermordet

Das zeigt das Beispiel von Fatma. Fatma wurde am 16. Dezember 2008 von ihrem Ehemann in der Fußgängerzone Essener Straße in Dorsten vor den Augen ihres achtjährigen Sohnes und zahlreicher Passanten bestialisch ermordet.

„Eine sinnlose, für uns alle unfassbare Tat“, sagt die Leiterin des Dorstener Frauenhauses, Barbara Klaus-Krämer. Diese Tat wirke bis heute nach, sagt sie auch.

„Wir sorgen uns sehr um unsere Bewohnerinnen, dass sie so wie Fatma vor den Nachstellungen ihrer Männer nicht geschützt werden können und unternehmen alles, um das zu verhindern.“

Fatma, die 27-jährige junge Frau aus Bochum, flüchtet 2008 mit ihren zwei Kindern vor ihrem gewalttätigen Ehemann ins Frauenhaus Dorsten. Sie will ein neues Leben beginnen.

Ihren Ehemann nennt die 27-Jährige „Psycho“. „Er hat sie schon am dritten Tag nach der Hochzeit verprügelt“, sagt die Schwester des Mordopfers in der Schwurgerichtsverhandlung am Landgericht Essen gegen Schwager Mehmet aus. „Ich habe bei den Kindern blaue Flecken gesehen“, sagt sie auch.

Fatma entflieht der häuslichen Hölle

Für Fatma ist irgendwann Schluss mit der häuslichen Hölle. Sie verlässt ihren Mann. Den Mann, der seine Frau als seinen Besitz ansieht. Den Mann, der meint, wie ein König über Frau und Kinder herrschen zu dürfen.

Fatma ist selbstbewusst. Sie will sich das nicht mehr gefallen lassen. Im Frauenhaus Dorsten blüht sie auf.

„Nein, ich habe keine Angst vor meinem Mann“, sagt sie dem Team im Dorstener Frauenhaus. In Dorsten fühlt sie sich sicher vor Mehmet. Ein fataler Irrtum. Denn Mehmet hat auf hinterhältige Weise den geheim gehaltenen Aufenthaltsort seiner Frau herausgefunden.

Er hat ein neues Handy mir Ortungssystem in einem Tornister seiner Kinder versteckt. Als Fatma den Tornister aus der Wohnung ihres Mannes holt, weiß sie davon nichts. „Deshalb sagen wir unseren Frauen heute als Erstes, sie sollen die Handy-Apps abschalten, die eine Ortung möglich machen“, sagt Barbara Klaus-Krämer.

Es ist der 16. Dezember, 16 Uhr. Fatma verlässt mit ihrem achtjährigen Sohn ein Friseurgeschäft in der Essener Straße in Dorsten. Sie will noch einkaufen gehen, in der Plus-Filiale, als ihr Mann plötzlich vor ihr steht.

Er zieht ein Messer, sticht seiner Frau damit in den Rücken. Sie wird dadurch, so die Rechtsmedizin, bewegungslos. Dann schneidet er ihr vor den Augen fassungsloser Passanten die Kehle durch. Fatma verblutet. Sie stirbt einen grauenhaften Tod durch die Hand eines Mannes, den sie einmal geliebt hat.

Es war ein Mord aus Rachsucht und Kontrollverlust

Der Täter wird wenig später von der Polizei gefasst. Ihm wird der Prozess gemacht. Geistig umnachtet ist der 29-Jährige nicht: „Es war ein Mord aus niederen Beweggründen“, stellt das Gericht fest.

Der Gutachter bescheinigt dem Mörder eine narzisstische Persönlichkeit. Das sind Menschen, die ihr Ego über alle anderen stellen. Die selbstverliebt und rücksichtslos sind. Und eiskalt sind, wenn sie ihre persönlichen Belange bedroht sehen.

Der Richter sagt zu Mehmet, dass er „weit über ein konservatives Rollenverständnis hinaus Respekt von seiner Frau verlangte. Er nahm für sich in Anspruch, alles zu entscheiden. Seine Frau war sein Eigentum.“

Viele Dorstener gedachten damals des Mordopfers.

Viele Dorstener gedachten damals des Mordopfers. © Anke Klapsing-Reich

Möglichen Gewaltursachen spürt der psychologische Psychotherapeut Thomas Schregel aus Dorsten auf unsere Anfrage nach. Er sagt: „Wenn man davon ausgeht, dass Menschen handeln, um schlechte Gefühle zu beenden bzw. zu vermeiden und gute Gefühle mit ihrem Handeln zu erreichen, setzt auf aggressives Verhalten oder Gewaltanwendung das gute Gefühl von Dominanz, Macht, Kontrolle ein.“

„Das gute Gefühl der Dominanz“ verlässt den angeklagten Mehmet auch während des Mordprozesses, der ihm gemacht wird, nicht. Er grinst hämisch, als er sein Urteil hört: lebenslänglich. Der gewaltsame Tod seiner Frau durch seine Hand erfüllt ihn mit Genugtuung.

Stark sein, beherrrschen wollen - das ist Gewalt

Das Wort Gewalt leitet sich laut Erklärung von „Planet Wissen“ vom Althochdeutschen „Waltan“ ab und bedeute so viel wie „stark sein“ oder „beherrschen“.

Gewalt verfolge verschiedene Ziele, heißt es darin auch. Menschen wenden Gewalt an, um einer Person Schaden zuzufügen oder das Opfer dem eigenen Willen zu unterwerfen.

Mehr als 80 Prozent der statistisch erfassten Opfer häuslicher Gewalt sind Frauen. „Frauen werden zu Opfern durch ihre empfundene Abhängigkeit, sei es finanziell oder die Angst vor dem Alleinsein, andererseits auch durch Einnehmen einer „Märtyrerrolle“.

Sie meinen, wenn sie tapfer alles ertragen, werde der Mann sich ihnen zuliebe ändern. Das ist ein fataler Irrtum“, sagt der Dorstener Psychologe Thomas Schregel.

Frauenberatungsstelle vor dem Frauenhaus

Immer mehr Frauen versuchen sich aus der Gewaltspirale zu lösen. Das zeigen die maximalen Belegungszahlen des Dorstener Frauenhauses, aber auch die Zahl der Ratsuchenden, die weit vor der Schutzsuche im Frauenhaus die kostenlosen Angebote der Frauenberatungsstelle Marl annehmen.

Sie ist auch für Dorsten zuständig. Vorsitzende Petra Kläsener vom Verein „Frauen helfen Frauen“, der Träger der Beratungsstelle ist, sagt: „Wir hatten 800 Einzelberatungen im vergangenen Jahr. Das ist gegenüber dem Vorjahr eine steigende Tendenz.“

Häufig seien die Frauen Opfer physischer und psychischer Gewalt oder in Trennungs-, Scheidungs- oder schwierige Beziehungssituationen verstrickt. „38 Jahre nach der Gründung unserer Beratungsstelle hat sich nicht viel geändert. Nur, dass die Zahl der Ratsuchenden zugenommen hat, weil partnerschaftliche Konflikte oder Gewalt in der Beziehung keine Tabuthemen mehr sind“, so Kläsener.

Gewaltschutzgesetz verschafft Opfern Atempause

Größere Offenheit der Frauen stellen auch Frauenhausmitarbeiterinnen und Opferschutzbeauftragte bei der Polizei fest. Seit Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes, wonach Täter der gemeinsamen Wohnung für bestimmte Fristen verwiesen werden können, damit Täter und Opfer sich neu besinnen können, machen Gewaltopfer von dieser Möglichkeit Gebrauch: „Sie zeigen das zunehmend bei uns an“, sagt Polizeisprecherin Ramona Hörst auf unsere Anfrage.

Opferschutzbeauftragte der Polizei, Rechtsanwälte, Freundinnen und Bekannte reden Gewaltopfern gut zu, damit sie sich aus den von Gewalt geprägten Beziehungsstrukturen lösen können. „Es gibt für die Organisationen und Behörden einen runden Tisch „Häusliche Gewalt“, der eng zusammenarbeitet“, sagt Petra Kläsener. Das komme den Frauen zugute.

Finanzierung ist immer wieder ein Thema

Trotzdem hakt es noch an verschiedenen Stellen, wie das Team des Frauenhauses Dorsten verdeutlicht. Denn längst nicht jede Frau, die im Frauenhaus Schutz sucht, kann darauf bauen, dass ihr Aufenthalt dort finanziert wird.

„Wir brauchen eine einzelfallunabhängige Finanzierung von Frauenhäusern“, fordert Barbara Klaus-Krämer, Leiterin der Einrichtung.

Gegenwärtig zahlen für sozialleistungsberechtigte Frauen und Kinder Jobcenter und Sozialamt die Tagessätze ans Frauenhaus. Frauen mit ungesichertem Aufenthaltsstatus, Auszubildende, Schülerinnen oder EU-Ausländerinnen werden in tagessatzfinanzierten Frauenhäusern nicht aufgenommen. „Das bringt uns in Bedrängnis“, so Klaus-Krämer.

Das Land trägt beim Dorstener Frauenhaus 60 Prozent der Personalkosten. 40 Prozent der Ausgaben müssen aus Eigenmitteln bestritten werden. Das können Bußgelder sein, die das Gericht gegen gewalttätige Angeklagte verhängt oder Spenden.

Frauenhaus genießt in Dorsten hohe Akzeptanz

Spenden fließen in Dorsten. Denn das Dorstener Frauenhaus genießt in der Bevölkerung hohes Ansehen. Es leistet seit 35 Jahren wertvolle Arbeit, indem es Frauen Wege aus Gewaltsituationen zeigt. Das zeigt sich an der guten Unterstützung.

„Unsere älteste und schönste Vorstellung ist eine Gesellschaft, die ohne Frauenhäuser auskommt. Bis dahin muss Gewalt gegen Frauen und Kinder öffentlich geächtet und gesellschaftlich entschieden verfolgt werden“, heißt es in der diesjährigen Jubiläumsschrift zum 35. Geburtstag des Frauenhauses.

Frauenhäuser sind also weiterhin notwendig. Dass Gewalt endet, fordert Selbsteinsicht der Täter und dass sie Hilfe annehmen, um ein gewaltfreies Leben zu führen.

„Männer und Frauen können lernen, ihre Impulse zu kontrollieren und nicht aus dem Gefühl heraus zu handeln. Antiaggressionstrainings verschiedener Anbieter sind ein guter Weg“, sagt Psychologe Thomas Schregel.

Deeskalationshaft

  • Stalker können in Deutschland unter Voraussetzung des § 112a Strafprozessordnung (Haftgrund Wiederholungsgefahr) in Untersuchungshaft genommen werden (sogenannte Deeskalationshaft).
  • Dies gilt allerdings nur unter zwei Voraussetzungen: Erstens muss der dringende Verdacht bestehen, dass der Täter sein Opfer (beziehungsweise einen Angehörigen des Opfers oder eine andere dem Opfer nahestehende Person) zumindest in Lebensgefahr oder in die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung gebracht hat.
  • Zweitens müssen bestimmte Tatsachen die Gefahr begründen, dass der Täter vor einer rechtskräftigen Aburteilung weitere erhebliche Straftaten gleicher Art begehen oder die Straftat fortsetzen wird.

Auch in der Erziehung könnten die Weichen für einen gewaltlosen Umgang gestellt werden: „Eltern können zwar nicht die genetischen Unterschiede zwischen Mann und Frau abtrainieren, sie können aber Vorbilder für angemessenen Umgang miteinander sein. Sie können bei ihren Kindern auch die Kontrolle von Impulsen fördern und die Eigenständigkeit von Individuen betonen, seien es Jungen oder Mädchen“, so Thomas Schregel.

Gesellschaftliche Ächtung der Gewalttäter

Wahrscheinlicher ist aber, dass Gewalt einigen wenigen immer noch als Mittel der Wahl erscheint. Gesellschaftliche Ächtung der Täter ist das eine, eine verlässliche, tragfähige Finanzierung der Frauenhäuser und der Frauenberatungsstelle durch Bund und Land das andere, um Frauen vor solchen Peinigern zu schützen.

„Gleich zu Anfang müssen wir wegen der engen finanziellen Situation über die Kostenübernahme reden, das bei all den Sorgen und Nöten, die die Frauen ohnehin schon belasten“, kritisiert das Frauenhaus-Team.

Kostendeckende, pauschale, verlässliche Finanzierung

Es fordert „eine kostendeckende, pauschale und dauerhafte Finanzierung auf der Basis einer bundesgesetzlichen Regelung“. „Autonome Frauenhäuser halten das für sinnvoll, damit sich alle Ebenen in der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen engagieren und darin eingebunden sind“, heißt es in einer Stellungnahme der Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser von Oktober 2018.

Der Tatort in der Essener Straße. Hier wurde Fatma vor zehn Jahren von ihrem Mann ermordet.

Der Tatort in der Essener Straße. Hier wurde Fatma vor zehn Jahren von ihrem Mann ermordet. © Rüdiger Eggert

Fatma konnte trotz aller Bemühungen nicht vor den Nachstellungen ihres Ehemannes beschützt werden. Warum er nicht in Deeskalationshaft genommen wurde, obwohl das gesetzlich möglich ist, und er alle Merkmale erfüllte, die dieses letzte aller Mittel ermöglicht, um Stalker außer Gefecht zu setzen, bleibt ein ungelöstes Rätsel.

Auf grausige Weise Ankündigung in die Tat umgesetzt

Seine Androhung: „Ich hacke Dir den Kopf ab und bringe ihn der Polizei“ setzte Mehmet vor zehn Jahren entschlossen und auf grausige Weise vor den Augen zahlreicher Menschen in Dorsten um.

Einer Frau wurde ihr Leben genommen. Zwei Kinder haben ihre Mutter verloren. Durch die Hand ihres Vaters. Durch einen Mann, der um jeden Preis verhindern wollte, dass Fatma so leben konnte, wie sie es wollte. Selbstbestimmt, furchtlos, gewaltfrei.

Infostand zum Todestag von Fatma
  • Das Team des Dorstener Frauenhauses wird zum Todestag von Fatma am 14. Dezember (Freitag Vormittag) an einem Infostand vor dem Dorsten-Treff in der Lippestraße 41 über seine Arbeit sprechen. Es wird insbesondere darüber informieren, wie man sich vor unerwünschter Handyortung schützen kann. Dazu werden Flyer verteilt.
  • Vielen Frauen im Frauenhaus ist nicht bewusst, dass ihr Aufenthaltsort von Angehörigen ihres Mannes oder von ihrem Mann selbst mithilfe des eigenen Smartphones aufgespürt werden kann. So wie es bei Fatma der Fall gewesen ist.
  • Im Dorstener Frauenhaus sind überwiegend Frauen aus anderen Städten untergebracht, um ihren Aufenthaltsort vor Männern geheimzuhalten. Auch die Adresse des Frauenhauses ist geheim. Frauen in Notlagen wenden sich ans Frauenhaus-Telefon, (02362) 41 0 55.
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