Viel befahrene Bundesstraßen zwischen Hattingen und Dorsten waren einst auf Kohle gebaut

mlzAbschied vom Bergbau

Der „Gahlensche Kohlenweg“ aus dem 18. Jahrhundert trieb seinen Erfinder Johann Müser in den wirtschaftlichen Ruin. Dennoch reicht seine Bedeutung bis in unsere Gegenwart hinein.

Dorsten

, 17.01.2019, 13:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer heutzutage als Autofahrer auf viel genutzten Bundesstraßen wie der B 224 (Bochumer Straße) in Dorsten und der B 226 von Buer über Crange nach Bochum unterwegs ist, wird kaum erahnen, welch wichtige historische Wege er da befährt.

Denn früher transportierten hier – ohne Asphalt, nur mit Rundholz befestigt – auf dem sogenannten „Gahlenschen Kohlenweg“ Pferdefuhrwerke und Maultiere die Steinkohle von den Obertage-Zechen an der Ruhr bis hoch zur Lippe. Kohle, die dann am Kohlhaus auf der damals noch zu Gahlen gehörenden Hardt auf Boote und Schiffe Richtung Rhein verladen wurde.

Von der Ruhr bis an die Lippe

Dieser zwischen 1766 und 1769 angelegte Weg gilt als die erste durchgehende Straßenverbindung von der Ruhr (bei Bochum-Stiepel/Hattingen) bis zur Lippe. Pünktlich zum Ende des Steinkohlenbergbaus in Deutschland hat kürzlich die VHS-Arbeitsgruppe „Geschichte des Bergbaus im Hattinger Raum“ein fundiertes und akribisch recherchiertes 120-Seiten-Buch zum „Gahlenschen Kohlenweg“ herausgeben, das inzwischen bereits beim Geschichtswettbewerb des „Forums Geschichtskultur an Ruhr und Emscher“ einen zweiten Preis einheimsen konnte.

Die Bochumer Straße (heute B 224) heute. Sie nimmt die Routenführung des früheren Kohlenwegs auf.

Die Bochumer Straße (heute B 224) heute. Sie nimmt die Routenführung des früheren Kohlenwegs auf. © Michael Klein

Der Weg, der auch durch den Dorstener Süden (Altendorf-Ulfkotte) und rund um die damaligen Stadtmauern Dorstens Richtung Gahlen führte, wurde als privat initiiertes öffentliches Transportunternehmen konzipiert, um die Kohle Richtung Norden zu schaffen. Zwei Gründe führen die Verfasser des Buches an: Die Ruhr war damals im Gegensatz zur Lippe noch nicht schiffbar „und man wollte die zahlreichen im 18. Jahrhundert existierenden Zollschranken minimieren“.

Transport-Unternehmen wurde 1765 gegründet

Vor allem der Holzmangel in den Regionen des Niederrheins hatte damals die Nachfrage nach dem Energielieferanten Kohle angefacht. Der Transport der seinerzeit noch fast ausschließlich in den Ruhrbergen gewonnenen Steinkohle wurde deshalb ein drängendes Problem, schreiben die Buchautoren, „von dessen Lösung das Wohl und Wehe der Zechen und so auch der Bergleute“ abhing.

Mit Johann Wilhelm Müser aus Blankenstein war es ein Schullehrer und Organist, der 1765 das große Kohlentransportunternehmen aufzog.

Ruhr war nicht schiffbar

Er fand mit dem Zielort auf der Hardt beste Voraussetzungen vor. Denn die Lippe war vor allem zwischen Dorsten und Wesel schon in früher Zeit mit Kähnen und flachen Schiffen befahren worden. Dazu lud der Fluss mit seinem schwachen Gefälle viel mehr ein als die schnell fließende Ruhr. Die „Königlich-Märkische Bergkasse“ lieh dem Investor Müser 19.000 Taler, dieser Vorschuss sollte mit dem auf jährlich mit 300 Talern angesetzten Überschuss aus dem erwarteten Kohlenverkauf getilgt werden.

Der Gahlensche Kohlenweg verlief vor gut 250 Jahren auf dieser Trasse zwischen der Ruhr und der Lippe bei Dorsten.

Der Gahlensche Kohlenweg verlief vor gut 250 Jahren auf dieser Trasse zwischen der Ruhr und der Lippe bei Dorsten. © Privat

Der Kohlentransport auf dem rund 40 Kilometer langen Weg ging aber nur schwierig vonstatten: einen Tag hin, am nächsten Tag zurück. Im südlichen bergigen Teil wurden Esel eingesetzt, auf der flachen Strecke wurde die Kohle auf Pferdewagen umgeladen. Der Fuhrweg wurde in Form eines Knüppeldamms angelegt, also mit Bohlen befestigt – anders war der sumpfige Emscherbruch nicht zu durchqueren. Nördlich von Buer durfte nur die landesherrliche Straßen des zu Köln gehörenden Vestes Recklinghausen benutzt werden, die zentral auf Dorsten zulief – sie durfte nicht umgangen werden, weil dort die Nutzer einen landesherrlichen Zoll sowie ein Wegegeld zu entrichten hatten. Für beladene Wagen wurden drei bis sechs Stüber fällig, die unbeladenen Fuhrwerke auf der Rückfahrt kosteten nur die Hälfte.

Um die Stadtmauer herum

Laut Recherchen der Buchautoren wurde an der „Schols Papiermühle“ in Dorsten an einer steinernen Brücke der Mühlenbach (Scholes Bach, heute: Schölzbach) überquert, dann ging es über das Recklinghäuser Tor am südlichen Festungswall um die Stadtmauern herum, damit die Fuhrwerke mit ihren großen Rädern nicht die Gehwege innerhalb der Altstadt zerstörten.

Kohlenhaus wurde Lager und Büro

Eine „Viertelmeile“ von Dorsten entfernt erreichte der Weg am heutigen Standort des Ruderer-Vereinsheimes und der Hardter Tennisanlage einen kleinen Lippehafen, an dem 1767 ein „Kohlenhaus“ (später in Kohlhaus umbenannt) stand. Das Betriebsgebäude diente als Büro- und Wohnhaus für die zuständigen preußischen Beamten, die den Geschäftsbetrieb übernahmen, als Waage für die mit Kohle-Säcken und -Fässern beladenen Fuhrwerke und als Lagerhaus für die zu verschiffende Kohle.

Transportunternehmer Johann Wilhelm Müser scheiterte jedoch um 1771 an Kapitalmangel, an den hohen Wegegeldern, den Reparaturkosten und an der zu geringen Transportleistung der Fuhrwerke. Zwar wurde der Kohlenweg durch diverse private Betreiber erst einmal weitergeführt.

Zur staatlichen Chaussee ausgebaut

Aber als die Ruhr 1780 schiffbar gemacht wurde, verlor der Gahlensche Kohlenweg seine Monopolstellung, die Entwicklung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert tat ihr Übriges – und so wurde der Kohlenweg auf Antrag der Stadt Dorsten zwischen 1848 und 1853 mit Stein- und Kiesbelag zur teilweise acht Meter breiten „staatlichen Chaussee“ und „zur modernen Durchgangsstraße“ ausgebaut, auf der nun ein umfassender Personen- und Transportverkehr möglich wurde.

Das Kohlhaus an der Lippe diente fortan landwirtschaftlichen Zwecken, es wurde unter Denkmalschutz gestellt, 1972 aber dennoch abgerissen. Viele Teilstrecken des Gahlenschen Kohlenweges sind übrigens auch heute noch im heutigen Straßennetz erhalten: in Bochum die „Kohlenstraße“ und die „Gahlensche Straße“, in Herne-Eickel die „Dorstener Straße“, in Dorsten die „Bochumer Straße“, um nur einige zu nennen.

Am früheren Standort des Kohlhauses auf der Hardt steht heute die Kohlenstele des Künstlers Herrmann J. Kassel, das anlässlich des Kulturhauptstadtjahres „Ruhr.2010“ an der Kunstroute aufgestellt wurde.

Am früheren Standort des Kohlhauses auf der Hardt steht heute die Kohlenstele des Künstlers Herrmann J. Kassel, das anlässlich des Kulturhauptstadtjahres „Ruhr.2010“ an der Kunstroute aufgestellt wurde. © Klein

Im Kulturhauptstadtjahr „Ruhr.2010“ erlebte der Gahlensche Kohlenweg eine künstlerische Renaissance. Mehrere Kunstvereine aus Anrainerstädten machten die Trasse zur „Straße der Kunst“ und setzten entlang der Strecke mehrere kreative Wegmarken. Auf Initiative des Kunstvereins „Virtuell-Visuell“ waren oder sind das in Dorsten der „Ruhr-Kulturgarten“ (Hof Dalhaus, Achterfeldstraße 61), die inzwischen abgebaute Spiegel-Installation „Open Space“ (Stadtgrenze Gelsenkirchen/Dorsten), die Kohlenstele des Künstlers Herrmann J. Kassel am alten Standort des historischen Kohlhauses (heute: Ruderverein) und der ein Jahr lang im Kubus am Recklinghäuser Tor hängende monumentale schwarze Kohlebrocken.

Kunstwerk mit Esel und Kohlensack

Auch die Skulptur des einen Kohlensack tragenden Esels auf dem Pflanzrondell an der Ecke Gahlener Straße/Hafenstraße, erschaffen von dem Dorstener Steinbildhauer Rainer Kuehn, ist Teil des Dorstener Verlaufs der Kunstroute „Gahlenscher Kohlenweg“.

„AG Geschichte des Bergbaus im Hattinger Raum“ (Hg.), „Der Gahlensche Kohlenweg“, Reihe „Auf alten Kohlenwegen, Band 3“, 118 Seiten, 114 Bilder, 18,80 Euro, ISBN 978-3-89733-469-4, projektverlag
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