Dorstener Familie testet das Jüdische Museum Westfalen

mlzMuseums-Check

Familienfreundlich und interaktiv will die neue Dauerausstellung des Jüdischen Museums sein. Ist sie das auch wirklich? Familie Meyer-Fredrich macht den Test und wir begleiten sie.

Dorsten

, 15.02.2019, 11:03 Uhr / Lesedauer: 5 min

Wir treffen uns unter den goldenen Großbuchstaben an der Klinkerfassade, die verkünden, dass sich hinter diesen Mauern das Jüdische Museum Westfalen befindet: Liv, 9 Jahre, Schülerin an der Kardinal-von-Galen-Grundschule in Altendorf-Ulfkotte; Svea, 12, besucht das Gymnasium Petrinum; auch Mutter Heide (44) geht zur Schule - sie unterrichtet an der Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen. Und dann ist da noch Vater Jörn, 43 Jahre alt, Wirtschaftsingenieur. Alle zusammen sind sie die Familie Meyer-Fredrich aus dem Stadtsfeld, die sofort zusagte, als wir fragten: „Habt Ihr Lust auf einen Museums-Check?“

Einladung an die ganze Familie

Am 16. Dezember 2018 wurde die neue Dauerausstellung nach dreijähriger intensiver Umbauphase offiziell und feierlich eröffnet. Die alte Präsentation war in die Jahre gekommen und wurde inhaltlich, konzeptionell, technisch und pädagogisch zeitgemäß aufgearbeitet. Sie solle einladender, interaktiver, fröhlicher werden und der ganzen Familie Lust auf eine Entdeckungsreise durch 1000 Jahre jüdische Geschichte geben, hatte Museumsleiter Dr. Norbert Reichling im Vorfeld der Eröffnung in einem Pressegespräch erklärt. Ob das auch bei den Besuchern so ankommt, wollen wir nun mit Familie Meyer-Fredrich abchecken.

„Ich bin schon mal kurz nach der Museumseröffnung als Oberstufenschülerin mit der damaligen Leiterin Schwester Johanna Eichmann hier gewesen“, erinnert sich Heide, „aber das ist lange her.“ 1992 wurde das Jüdische Museum in dem heute rot gestrichenen Altbau aus der Jahrhundertwende-Zeit eröffnet. Erst 2001 kam der Ziegel-Neubau dazu, der neben der ca. 300 Quadratmeter großen Dauerausstellungsfläche außerdem Veranstaltungssaal, Foyer und Bibliothek beherbergt.

L‘ Chaim - Auf das Leben!

Für die anderen Familienmitglieder ist der Besuch eine Premiere: „Wir waren noch niemals hier“, sagen sie und stiefeln neugierig an der Rezeption vorbei die Treppen zum 1. Obergeschoss hinauf, in dem die Entdeckungsreise beginnt.

„L‘ Chaim - Auf das Leben“ - Der Ausstellungstitel prangt unübersehbar auf der Stirnwand des Treppenhauses und macht Hoffnung, dass hinter der Eingangstür nicht tote Museumsmaterie einstaubt, sondern lebendiges Judentum in seiner Vielfalt entdeckt werden will.

Das Video erzählt Liv alles rund ums Pessachfest.

Das Video erzählt Liv alles rund ums Pessachfest. © Anke Klapsing-Reich

Der blaue Spiraltisch als zentraler Blickfang im Zentrum des größten Ausstellungsraumes sieht jedenfalls schon mal sehr lebendig aus. Svea und Liv stürmen direkt zu den eingelassenen Bildschirmflächen, die auf Fingerdruck zu „sprechen“ beginnen. Im Video nimmt ein Reporter in der jüdischen Gemeinde Oldenburg gerade an einer Kühlschrank-Inventur teil. Schließlich wird am nächsten Tag Pessach gefeiert und da muss alles „Gesäuerte“ raus aus dem Haus.

Speisevorschriften gibt´s im Judentum jede Menge. Sie sehen auch die Trennung von fleischigen und milchigen Speisen vor. So darf beim Großreinemachen auch das Käschern des Geschirrs und Bestecks nicht fehlen, erst dann ist es koscher, sprich tauglich, gemäß der Speisegesetze. In Oldenburg wird das Geschirr sogar in dem fließenden Wasser der eigenen Mikwe, dem rituellen Tauchbad, gereinigt. „Ist doch toll so eine heilige Geschirrspülmaschine“, meint der Reporter im Film.

Rund ums Pessachfest

Und was ist das für ein Gemüse? Liv greift zu dem Ei, der Apfelsine und den Kräutern auf dem Tisch, symbolische Speisen für das Pessachfest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert. Das dazugehörige kleine Video wurde bei der Feier des Sederabends aufgenommen und erklärt alles rund um Pessach und warum man welche Speisen isst.

Svea hat den Knopf fürs Schofar-Horn entdeckt. Sie wirkt etwas erschrocken, als der laute Weckruf des Widderhorns durch den Raum erschallt. Aber schließlich wird beim Neujahrsfest, Rosch Haschana, damit jede Menge Lärm gemacht. Ein Horn-Exemplar zum Anfassen liegt auch dabei - bitte nicht selber Hineintröten.

Ausprobieren ist erwünscht: Das Kreisel-Drehen macht nicht nur den jungen Museumsbesuchern Spaß.

Ausprobieren ist erwünscht: Das Kreisel-Drehen macht nicht nur den jungen Museumsbesuchern Spaß. © Anke Klapsing-Reich

Koschere Gummibärchen, Cornflakes und andere Lebensmittel, die den Koscher-Stempel tragen, beschauen sich die Checker nur kurz. „Ehrlich gesagt, könnte der Essensbereich nach meinem Geschmack ruhig kleiner sein“, urteilt Heide Meyer-Fredrich und gesellt sich zu ihrer Familie, die alle mit großem Spaß am Kreisel drehen. Mit flinken Fingern bringen Liv und Svea die bunten Holzsteine in Schwung. Sie tragen hebräische Buchstaben: „An Chanukka spielen die Kinder mit einem Kreisel, der Dreidel oder Trendel genannt wird“, verrät ihnen die Information auf dem Tisch.

Die Hörstationen erzählen viele Geschichten, und „singen“ tun sie auch.

Die Hörstationen erzählen viele Geschichten, und „singen“ tun sie auch. © Anke Klapsing-Reich

„Die Hörstationen sind toll“. Liv und Svea lauschen an den Hörknubbeln der jiddischen Musik, den synagogalen Orgelklängen und den O-Tönen zu Feiern und Festen, wie dem des Jungen, der von seiner Bar Mitzwa-Feier (religiöse Mündigkeit) berichtet.

Was macht denn ein Bergmannshelm in einem Jüdischen Museum? „Ja, es gab auch Juden, die unter Tage gearbeitet haben“, erklären die Eltern ihren Töchtern. Heide hat sich in die Wandvitrinen vertieft, die unter der blauen Neonschrift „Von hier“ kleine Geschichten aus der Region erzählen: von der jüdischen Schützenkönigin, dem jüdischen Bergmann, dem jüdischen Vorsitzenden von Schalke 04, der jüdischen Freundin von Rosa Luxemburg aus Witten ...

Interessiert liest Heide Meyer-Fredrich die kleinen Geschichten, die in den Vitrinen an der Wand „Von hier“ erzählt werden.

Interessiert liest Heide Meyer-Fredrich die kleinen Geschichten, die in den Vitrinen an der Wand „Von hier“ erzählt werden. © Anke Klapsing-Reich

Es sind die persönlichen Geschichten, die Meyer-Fredrich besonders bewegen. Von denen gibt es im Bereich „Jüdische Lebenswege in Westfalen“ besonders viele. Liv und Svea sitzen bereits am Monitor, an dem sie aus 16 Personen diejenigen auswählen können, die sie näher kennenlernen möchten. Die großen Porträts hängen an den Wänden. Svea entscheidet sich für Marga Spiegel und erfährt in einem Filmausschnitt, wie eine münsterländische Bauernfamilie die Spiegels versteckte und somit vor der Deportation in den sicheren Tod rettete.

Liv und Svea hören sich im Bereich „Lebenswege aus Westfalen“ die Überlebensgeschichte von Marga Spiegel an.

Liv und Svea hören sich im Bereich „Lebenswege aus Westfalen“ die Überlebensgeschichte von Marga Spiegel an. © Anke Klapsing-Reich

„Boah, ist das laut“ - schnell ziehen sich die Kinder die Kopfhörer ein stückweit von der Ohrmuschel, als der Ton losballert. „Diese Fehleinstellung wird schnellstmöglich korrigiert. Wir haben das schon reklamiert“, erklärt Ausstellungsmacherin Cordula Lissner, die wir zufällig an diesem Nachmittag im Museum treffen und darauf ansprechen.

Ausgrenzung, Deportation, Judenvernichtung - ein trauriges Kapitel, mit dem sich auch das Museum auseinandersetzt. Die Briefe, die jüdische Eltern an ihre Kinder schrieben, die sie mit sogenannten Kindertransporten aus Deutschland fortgeschickt hatten, gehen unter die Haut. „Wenn ich mich da als Mutter hineinversetze, was man alles unternimmt, die Kinder zu retten und nicht weiß, ob man sie jemals wiedersieht - das ist emotional sehr bewegend“, sagt Heide und versucht mit einfühlenden Worte die Frage ihrer neunjährigen Tochter zu beantworten: „Mama, was sind denn Kindertransporte?“

Liv liest ihrer Mutter die Geschichte von Anneliese und deren Teddy vor.

Liv liest ihrer Mutter die Geschichte von Anneliese und deren Teddy vor. © Anke Klapsing-Reich

Svea und Liv haben schnell herausgefunden, dass das runde Logo mit dem Teddybären auf Stationen hinweist, die für Kinder besonders interessant sein sollen. Es ist auch neben der Vitrine angebracht, in der der alte Teddy mit der Fliege um den Hals höchstpersönlich thront. Liv liest ihren Eltern flüssig den kurzen Text unter der Vitrine vor, den Erwachsene nur aus gehockter Position erfassen können. Er handelt von Anneliese Nussbaum aus Minden, die elf Jahre alt war, als sie mit einem Kindertransport nach England gebracht wurde und ihren Teddy zu Hause lassen musste. „Er saß viele Jahre in einem Puppenmuseum. Jetzt erinnert er hier in Dorsten an Annelieses Geschichte“, referiert Liv.

Interaktiv ist beliebt

„Ich finde die Stationen, wo man was machen kann am besten“, sagt Svea und greift in der „Schreib-Ecke“ zu dem Bogen mit dem hebräischen Alphabet. Dort kann man nach Anleitung seinen Namen in hebräischen Buchstaben schreiben. Natürlich in umgekehrter Schreibrichtung: von rechts von links. Leider gibt es in dieser Sprache keine Vokale. Wo bekommt man also das a und e her, das man für SVEA braucht? Da helfen auch die bunten Magnetbuchstaben an der Tafel nicht wirklich weiter. „Dann erfinde ich eben meine eigenen Buchstaben“, beschließt Svea und macht sich ans Werk.

Wie Liv die Welt verbessern würde, hat sie auf ihren Zettel geschrieben: „Jeden Menschen so lassen, wie er ist.“

Wie Liv die Welt verbessern würde, hat sie auf ihren Zettel geschrieben: „Jeden Menschen so lassen, wie er ist.“ © Anke Klapsing-Reich

Jörn Meyer-Fredrich beobachtet, wie seine Kinder an der interaktiven Wand „Die Welt verbessern“ Zettel ausfüllen. Livs Vorschlag auf die Frage „Wie verbessere ich die Welt?“ schaukelt schon am Nagel: „Jeden Menschen so lassen wie er ist.“

Video
Museums-Check im Jüdischen Museum Westfalen

„Mir gefällt sehr gut, dass in der Ausstellung immer wieder Brücken geschlagen werden von der Vergangenheit in die Gegenwart und Aspekte von früher ins Heute weitergeführt werden. Diesen positiven Ausblick nehme ich aus dem Museum mit“, sagt er.

“Hier ist wirklich für jeden etwas dabei.“ Ehefrau Heide lobt die Ausstellung auch aus Lehrersicht: „Ich finde sie sehr gelungen aufbereitet, weil sich junge Menschen über den biografischen Zugang sehr gut hineinversetzen und empathisch sein können. Wäre sie rein geschichtlich, wären meine Schüler hier in fünf Minuten durch.“

Schulnote 2 +

“Uns hat es hier gut gefallen.“ Am Ende des Museumschecks strecken alle Vier den Daumen hoch. Svea vergibt Schulnote 2 +. Ihr Papa keine: „Ich war auf der Waldorfschule, da gab es keine Noten“, sagt er grinsend. Auch Liv möchte wiederkommen, gerne mit ihrer Großmutter. Dann könnte Oma vielleicht auch einmal eine Kippa auf den Kopf setzen, wie sie es gerade getan hat. Die jüdischen Kopfbedeckungen zum Anprobieren gibt es in ganz vielen Ausführungen, sogar mit einem Fußballmotiv drauf.

Kippa-Anprobe - das lässt Liv sich nicht nehmen.

Kippa-Anprobe - das lässt Liv sich nicht nehmen. © Anke Klapsing-Reich

Mit einem Eintrag ins ausliegende Gästebuch verabschieden sich die Museums-Checker, die sicherlich bald wiederkommen: „Vielen lieben Dank für eine emotionale & interessante Zeitreise mit einem positiven Blick in die Zukunft!“

Jüdisches Museum Westfalen, Julius-Ambrunn-Straße 1, 46282 Dorsten (5 Minuten vom Bahnhof und Busbahnhof Dorsten); Tel. (02362) 45279; info@jmw-dorsten.de. Öffnungszeiten: Di bis Fr 10 bis 12.30 Uhr und 14 bis 17 Uhr, Sa, So und Feiertage: 14 bis 17 Uhr, Mo geschlossen. Eintrittspreis: 6 Euro, 3 Euro für Vereinsmitglieder und ermäßigt. Es werden regelmäßig offene Führungen angeboten. Auch gibt es ein spezielles Programm für Kinder und Jugendliche. http://www.jmw-dorsten.de/
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