Die Gruppentreffen der Suchtkranken in Wulfen sind Corona-bedingt entfallen - manchem fehlt der Rückhalt. © picture alliance / Felix Kästle/
Coronavirus

„Volle Pulle“ zurück in die Sucht: Lockdown macht Alkoholkranke fertig

Die Coronakrise treibt viele Menschen an den Rand ihrer Möglichkeiten. Alkoholkranke leiden sehr. Denn im Lockdown trocken zu bleiben, ist eine harte Bewährungsprobe.

Jan Kolloczek ist trockener Alkoholiker. „Ich bin 17“, sagt er. Mit 17 bezeichnet der Barkenberger die Anzahl der Jahre, die er abstinent lebt, also ohne Alkohol. Das gelingt aber längst nicht allen Suchtkranken, wie er aus seiner ehrenamtlichen Tätigkeit beim Blauen Kreuz in Wulfen weiß. „Einige sind in der Lockdownzeit leider rückfällig geworden“, sagt er.

Sind aktiv für das Blaue Kreuz Wulfen im Einsatz: Berthold John, Christa John und Jan Kolloczek.
Sind aktiv für das Blaue Kreuz Wulfen im Einsatz: Berthold John, Christa John und Jan Kolloczek. © Claudia Engel © Claudia Engel

Weil keine Treffen der Selbsthilfegruppen stattfinden können und größere Gruppentreffen mit mehreren Teilnehmern in geschlossenen Räumen im Lockdown aufs Eis gelegt werden müssen, machen trocken gewordene Alkoholiker das, was ihnen und ihren leidgeprüften Angehörigen besonders schadet: „Sie greifen zur Flasche und trinken wieder“, so Kolloczek.

Den Rückfall vermeiden und trocken Spaß haben

Ihnen zur Seite zu stehen und sie zu unterstützen, damit sie nicht rückfällig werden, hat sich das Blaue Kreuz auf die Fahnen geschrieben. Ab sofort gibt es beim Blauen Kreuz, zunächst noch auf Landesebene, eine virtuelle Suchtselbsthilfe. „Wir wollen das für Wulfen auch auf die Beine stellen“, kündigen Jan Kolloczek und sein Mitstreiter Bertold John an. Auch John ist ein ehemaliger Alkoholiker. Seit 20 Jahren ist John trocken und weiß deshalb, dass das Trockenbleiben harte Arbeit ist und ohne Unterstützung schwer fällt. „Ohne Selbsthilfegruppe hätte ich das nichts geschafft“, sagt John.

„Die Zeit nach der Alkoholentwöhnung und stationären Therapie sollte kein Mensch allein bewältigen. Wenn ein Betroffener oder eine Betroffene von sich aus einen Schlussstrich ziehen möchten, dann kann er sich gerne an uns wenden. Wir stehen als Gesprächspartner bereit“, so John und Kolloczek. Wichtig seien aber Vorsatz und Wunsch, das Trinken von Alkohol zu lassen. „Das ist eine ganz wichtige Voraussetzung für die weitere Zusammenarbeit.“ Die Suchtberatung des Caritasverbandes in Dorsten arbeitet eng mit den Selbsthilfegruppen zusammen. Denn professionelle Begleitung der Alkoholkranken können nur sie leisten. Die Selbsthilfegruppe springt unterstützend mit ein.

Mog (www.mog-bke.de), so heißt die Online-Gruppe des Blauen Kreuzes, Landesverband NRW. Über Mog können sich trockene Alkoholiker oder solche, die es werden möchten, austauschen. „Das ist ein Stück weit anonymer als bei einem reellen Gruppentreffen und kommt einigen vielleicht sogar entgegen“, meinen John und Kolloczek. Vertrauensschutz wird groß geschrieben. „Inhalte der Gespräche werden nicht weitergegeben.“

Arbeitsplatzverlust, Krankheit, Tod

John und Kolloczek treffen sich in der Lockdown-Zeit weiterhin – dann aus den ersten Kontakten in der Selbsthilfegruppe ist eine echte Freundschaft erwachsen. „Wir haben ohne Alkohol schon viele tolle, fröhliche Begegnungen gehabt“, sagt Kolloczek. Aber auch traurige Abstürze von Wegbegleitern miterleben müssen, bei denen der Rückfall zu Trennung, Arbeitsplatzverlust oder sogar zum Tod der Betroffenen geführt haben.

Darüber werden Angehörige von Alkoholikern häufig vernachlässigt. Denn sie leiden heftig – aber anders als der Suchtkranke. Christa John beschreibt das so: „Eine Familie ist wie ein Mobile. Eine Flasche zieht nach unten, Partner und Kinder gehen nach oben.“ Das Lügen für den Alkoholkranken, die innere Zerrissenheit, die Scham und der Wunsch, diesen instabilen, an einer Flasche hängenden Verhältnissen zu entrinnen, quälen das Umfeld. Die Angehörigengruppe ist deshalb für die Familien da. Kontakt über die E-Mail eines weiteren Vorstandsmitglieds ist möglich: a.wueller@bke-wendepunkt.de

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Seit 20 Jahren als Lokalredakteurin in Dorsten tätig. Immer ein offenes Ohr für die Menschen in dieser Stadt, die nicht meine Geburtsstadt ist. Das ist Essen. Ehefrau, dreifache Mutter, zweifache Oma. Konfliktfähig und meinungsfreudig. Wichtige Kriterien für meine Arbeit als Lokalreporterin. Das kommt nicht immer gut an. Muss es auch nicht. Die Leser und ihre Anliegen sind mir wichtig.
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Claudia Engel

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