Von Versicherung vermittelte Handwerker pfuschen und hinterlassen in Dorsten Chaos

mlzHandwerkerservice

Bei Schäden an Gebäuden bieten immer mehr Versicherer betroffenen Eigentümern ausgesuchte Handwerksbetriebe an. Was als besonderer Service gedacht ist, kann auch im Chaos enden.

Hardt

, 21.02.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Rolf (77) und Helma (75) Adameit wohnen seit 14 Jahren auf der Hardt zur Miete. Das Ehepaar schätzt die gute Nachbarschaft und fühlt sich wohl in seiner offenen Maisonettewohnung am Marderweg. „Wir haben zudem das Glück, einen sehr engagierten Vermieter zu haben“, sagt Rolf Adameit. „Der kümmert sich wirklich um alles.“

Vermieter Klaus Boekstegen war auch sofort zur Stelle, als die Adameits im August des vergangenen Jahres einen Wasserschaden im Badezimmer meldeten. Er wandte sich an seine Versicherung und bekam von dieser auch gleich Handwerker empfohlen, die kurzfristig verfügbar waren.

Boekstegen willigte ein - auch weil die Adameits für zwei Wochen in den Urlaub fuhren und das Gros der Arbeiten laut Vereinbarung in dieser Zeit erledigt werden sollte. So wollte er seinen Mietern - er sehbehindert, sie im Rollstuhl - den Stress beim Umbau des einzigen Badezimmers in der Wohnung ersparen.

Handwerker flexen im Wohnzimmer und hinterlassen Dreck

Daraus wurde nichts, denn die von der Provinzial vermittelten Handwerker verdreckten nicht nur die Wohnung, indem sie laut Boekstegen im Wohnzimmer flexten und die Tür des fensterlosen Badezimmers auch bei Abrissarbeiten nicht schlossen. Der von der Versicherung empfohlene „Fliesenleger“ - ein Garten- und Hausmeisterservice, der Fliesenlegen auf seiner Website unter den angebotenen Leistungen gar nicht aufführt - pfuschte außerdem gehörig.

Ein Innungsmeister bestätigte den Adameits, dass das Gefälle in ihrem Bad nicht stimme. Nach dem Entfernen der ersten Platte wurde außerdem festgestellt, dass der Boden darunter nass ist. Die Handwerker hatten das Bad nicht abgedichtet.

Toilettennutzung nur nach Termin

Also alles wieder raus und von vorne. Über Wochen mussten die Adameits quasi Termine zur Toilettennutzung mit den Handwerkern in ihrer Wohnung abstimmen. „Wir haben hier 14 Tage im Unrat gesessen, die Beeinträchtigung war fatal“, sagt Rolf Adameit.

Das Problem sei, sagt Helma Adameit, „dass die Versicherung solche Leute beauftragt und diese Leute die Aufträge dann auch noch annehmen. Und hinterher nimmt sich die Versicherung nichts an, das finde ich unverschämt.“

Vermieter bis heute im Clinch mit der Versicherung

Klaus Boekstegen liegt bis heute im Clinch mit der Provinzial. Nachdem die Handwerker die Wohnung verdreckt hinterlassen hatten, nahm er sich eine Putzfrau zur Unterstützung, besorgte sich einen Industriesauger und machte aus „dem Saustall“, wie er sagt, eine bewohnbare Wohnung, bevor seine Mieter aus dem Urlaub zurückkehrten.

„Die Versicherung habe ich gebeten, mir dafür 20 Stunden á 15 Euro zu erstatten, nach mehrmaliger Nachfrage in der Zentrale in Münster hat man mir 60 Euro für die Endreinigung angeboten. Das finde ich unverschämt“, sagt Boekstegen. „Wenn ich dann höre ‚immer da, immer nah‘, bringt mich das erst recht auf die Palme.“

Kunde hat das letzte Wort bei der Wahl des Handwerkers

„Unsere Vertriebspartner empfehlen Handwerksbetriebe, mit denen bereits in der Vergangenheit gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet wurde“, sagt ein Provinzial-Sprecher aus Anfrage. „Die Auftragserteilung erfolgt jedoch ausschließlich über den Kunden.“ Der Handwerkerservice stelle lediglich ein Angebot dar und sei „in keiner Weise mit unseren Verträgen verknüpft“. Für Mängel würden die Handwerker selbst haften.

Den vorliegenden Fall wolle man aber noch mal prüfen, so der Sprecher. „Es tut uns leid, wenn von unserer Seite da etwas nicht richtig gelaufen ist.“

Handwerkerservices seien dazu da, damit beispielsweise nach großen Naturereignissen wie Stürmen oder Überschwemmungen auf Netzwerke zurückgegriffen werden kann, um Betroffenen die Wartzeit auf Handwerker zu verkürzen, sagt eine Sprecherin des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Das funktioniert in der Regel auch reibungslos.“

Wohngebäudeversicherer gaben 2018 mehr Geld aus, als sie einnahmen

Nach aktuellen Zahlen des GDV haben Wohngebäudeversicherer im Jahr 2018 mehr Geld für Schadensregulierungen ausgegeben, als sie über Beiträge eingenommen haben. Das lag vor allem an Orkantief Friederike. Allein für die Regulierung der Sturmschäden haben die Versicherer laut GDV bundesweit rund 900 Millionen Euro ausgeschüttet. Hinzu kommt ein harter Wettbewerb unter den rund 130 Wohngebäudeversicherern in Deutschland.

Daraus könne man jedoch nicht ableiten, dass Versicherer nur Betriebe vermitteln, mit denen sie feste Preisabsprachen haben, um so Kosten zu sparen, sagt Elke Weidenbach, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale NRW. „Versicherer versuchen das oft damit auszugleichen, dass sie die Bedingungen ändern und zum Beispiel die Beiträge erhöhen.“

Verbraucherzentrale rät, nicht einfach auf das Angebot einzugehen

Die Verbraucherzentrale rät generell nicht davon ab, Hausmeisterservices von Versicherungen in Anspruch zu nehmen, weil sie eine Möglichkeit darstellen, zügig an Handwerker zu kommen. „Man sollte aber nicht einfach so auf das Angebot eingehen, sondern kritisch hinterfragen, was da angeboten wird. Wenn ein Gartenbauer Fliesen verlegen soll, sollte man erst recht misstrauisch werden.“

Sollte keine Not im Verzug sein, könne man sich selbst Handwerker suchen. Die Checkliste der Verbraucherzentrale hilft bei der Suche nach geeigneten Betrieben im Internet.

Die Adameits können nach wochenlanger Beeinträchtigung ihr Badezimmer inzwischen wieder normal nutzen. Vermieter Boekstegen beklagt neben den nicht erstatteten Reinigungskosten unter anderem auch eine einseitige Kostenstreichung durch die Provinzial und will unter Umständen klagen.

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