Ingrid Böckenberg auf der Isolierstation: Ohne Schutzausrüstung geht gar nichts. © KKRN GmbH
Coronavirus

„Wie ein Albtraum“ – so erlebt das Krankenhauspersonal die zweite Welle

Auf der Isolierstation im Dorstener Krankenhaus kümmern sich Mediziner um Corona-Patienten. Die Stationsleiterin erzählt von der angespannten Lage und dem neuen Alltag mit Covid-19-Patienten.

Jeden Tag kommt mindestens ein neuer Covid-19-Patient auf die Station A1 im St. Elisabeth-Krankenhaus in Dorsten. Die zweite Welle, meint Stationsleiterin Ingrid Böckenberg, sei härter als die erste im März.

Eine „große Covid-Station“ mit 22 Betten

Seit 31 Jahren arbeitet Ingrid Böckenberg als examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sie hat erlebt, wie 2008 der Isolierstation – auf der Tuberkulose-Fälle oder am Norovirus Erkrankte behandelt wurden – eine Palliativstation hinzugefügt wurde. Schon im März wurden die ersten Betten auf der pneumologischen Station zu 17 Betten für Covid-19-Patienten umgewandelt. Seit Dezember ist nun die gesamte A1 eine „große Covid-Station“ mit 22 Betten.

Erschwerte Bedingungen und mehr Schutz: FFP3-Masken

Einen herausfordernden Job hatte Ingrid Böckenberg immer schon, aber seit der zweiten Welle gehen sie und ihre Kolleginnen „fast auf dem Zahnfleisch“. Eigentlich sei sie mit zwei weiteren examinierten Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und zwei Auszubildenden im Einsatz. Aber immer häufiger seien auch Kolleginnen infiziert und in Quarantäne.

„Am Morgen erfuhr ich, dass wir nur zu zweit mit einer Auszubildenden arbeiten werden“, erzählt die 49-Jährige im Telefongespräch nach ihrer Schicht. „So schnell bekommt man auch keinen Ersatz.“

Es hieß also: Augen zu und durch – unter erschwerten Bedingungen. „Seit zwei Wochen tragen wir hier FFP3-Masken, damit wir besser geschützt sind“, berichtet die Stationsleiterin.

Wer auf der Covid-Station arbeitet, trägt die Maske mindestens siebeneinhalb Stunden am Stück – mit kleinen Pausen, um Luft zu holen. „Danach ist man platt“, gesteht Böckenberg. Hinzu komme, dass die Masken an Qualität eingebüßt hätten. „Teilweise fühlen sich die Masken unangenehm an und es fällt schwer, dadurch zu atmen. Auch die Schutzkittel sind leider nicht mehr so atmungsaktiv wie früher.“

Das St. Elisabeth-Krankenhaus in Dorsten verhängt ab 11. Dezember ein Besuchsverbot.
Das St. Elisabeth-Krankenhaus in Dorsten verhängt ab 11. Dezember ein Besuchsverbot. © Claudia Engel © Claudia Engel

Im Gegensatz zur ersten Welle überleben immer mehr Patienten das Virus nicht

An ihren ersten Covid-Patienten kann sich die Rekenerin noch genau erinnern. „Der Mann war Mitte zwanzig, seine Frau schwanger und sie meinte, dass sie ihn gar nicht wiedererkenne. Die Patienten hier haben Kopf-, Glieder- und Kreuzschmerzen, das Fieber raubt ihnen die Kraft und sie müssen oft an den Sauerstoff, weil die Blutgaswerte so schlecht sind.“

Der Mann wurde entlassen, wie viele Patienten der ersten Welle. Jetzt sei es anders: Mehr Patienten überleben den Kampf nicht. „Es ist wirklich schwer, das mit anzusehen. Vorher waren die Menschen noch fit, dann können sie auf einmal nicht mal mehr den Arm heben, sie bekommen das nicht mehr koordiniert.“

Unter allen notwendigen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen dürfen Angehörige sich von sterbenden Patienten verabschieden. Manchmal gehe es aber so schnell, dass die Angehörigen nicht mehr rechtzeitig in die Klinik kämen.

„Die zweite Welle ist wie ein Albtraum“

Eine 50-Stunden-Woche ist keine Seltenheit bei Ingrid Böckenberg. „Wir hatten immer mal schwere Tage zwischendurch, aber die zweite Welle ist wie ein Albtraum.“ In dieser angespannten Zeit erfuhren die Mitarbeiter des KKRN, dass sie vom Pflegebonus nicht profitieren werden, weil sie zu wenige Covid-Patienten behandelt hätten. „Darüber sind wir alle sehr enttäuscht. Auch wenn die erste Welle weniger stark war, erleben wir eine hohe emotionale Belastung und sind doch tagtäglich den Gefahren des Virus ausgesetzt“, gibt die Krankenschwester zu bedenken.

Bevor sich auch Mitarbeiter mit Corona ansteckten, habe sie keine Angst vor dem Virus gehabt. „Jetzt habe ich alle Kontakte rigoros abgebrochen.“

Trotz Belastung: Ingrid Böckenberg würde den Beruf immer wieder ergreifen

Um die Sorgen und psychische Belastung nicht Überhand nehmen zu lassen, versucht die 49-Jährige in ihrer Freizeit das zu tun, was ihr guttut. „Zu Hause schmeiße ich jetzt oft die Sauna an. Im Frühjahr hatten wir ja Glück, dass das Wetter so gut war. Da konnte man spazieren gehen, das war herrlich.“ Bei der Übergabe sprechen ihre Kolleginnen nun ausführlicher miteinander, tauschen sich aus. „Vor Corona hatten wir von der Palliativstation immer die Supervision, das war sehr schön. Das bräuchten wir jetzt eigentlich auch, aber es ist wegen der Hygienebestimmungen nicht erlaubt“, erklärt die 49-Jährige.

Obwohl ihr Arbeitsalltag momentan sehr anstrengend sei, würde sie immer wieder diesen Beruf ergreifen. „Es macht total Spaß, wenn man Menschen helfen kann.“

Dass die Anerkennung seitens der Öffentlichkeit im Gegensatz zur ersten Welle in „Gleichgültigkeit“ umgeschlagen sei, führt Ingrid Böckenberg auf die Gewohnheit zurück. Und: „Es gibt auch andere Berufsgruppen, denen es schlecht geht. Für die wurde damals nicht geklatscht. Eine Bekannte von mir ist zum Beispiel Verkäuferin. Sie macht auch viele Überstunden.“

Über die Autorin
Volontärin
Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
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