Der Dorstener Ingo Lilienthal tritt für die „Die PARTEI" als Direktkandidat zur Bundestagswahl an. © Michael Klein
Bundestagswahl 2021

Wie kleine Parteien und Kandidaten aus Dorsten um Erststimmen kämpfen

Nicht nur die politischen Schwergewichte, auch ganz kleine Parteien wollen in den Bundestag. Und ihre Dorstener Kandidaten kämpfen um Erststimmen - wenn auch ohne große Hoffnungen.

Ingo Lilienthal trägt beim Fototermin die dunkelgraue Polyester-Kleidung samt hellblauem Hemd und roter Krawatte, mit denen sich die Mitglieder seiner Partei zu offiziellen Anlässen zeigen. Die grauen Anzüge sind eine Parodie auf austauschbare und leere Versprechungen machende Politiker, die in Parlamenten sitzen.

„Die PARTEI“ will anders sein. Politik auch mit den bunten Mitteln der Satire betreiben. Durchaus mit Erfolg. Ihr Vorsitzender Martin Sonneborn sitzt im EU-Parlament, auch auf lokaler Ebene mischt die Partei mit. In Dorsten hat sie seit der letzten Kommunalwahl zwei Ratssitze inne, bildet eine gemeinsamen Fraktion mit der „Linken“.

Der Dorstener Ingo Lilienthal ist 44 Jahre alt, Informatiker bei einem international tätigen Software-Unternehmen. Für die „PARTEI“ hat er sich bei der Bundestagswahl im Wahlkreis 125 (zu dem neben Dorsten auch Gladbeck und Bottrop gehören) als Direktkandidat aufstellen lassen. Warum? „Ich stecke im Wahlkampf lieber Arbeit für mich selbst rein als für jemand anderen“, sagt er. „Außerdem bekomme ich sogar zwei Monate unbezahlten Wahlvorbereitungsurlaub und mein Gladbecker Konkurrent hatte eigentlich sowieso keine Lust auf die Sache.“

Stimmzettel zur Bundestagswahl im Wahlkreis 125 © privat © privat

Die „PARTEI“-Kandidaten sind nicht die einzigen, die für frischen Wind im Bundestag sorgen wollen. Rund 40 Parteien, die am Ende zumeist lediglich unter „Sonstige“ firmieren werden, treten im Zweitstimmen-Kampf um die Parlamentssitze an – von der „Gartenpartei“ über die „Liebe“ bis zur „Tierschutzallianz“.

„Bei Diskussion ignoriert“

Was offizielle Termine angeht, verlief der Wahlkampf für Ingo Lilienthal bislang eher ruhig. Info-Stände von der „PARTEI“ gibt es nicht. „Ich bin für uns ziemlich allein unterwegs.“ Die anderen Partei-Mitglieder seien beruflich und familiär stark eingebunden. Ingo Lillienthal ist zwar zu einer Wahl-Veranstaltung des Jugendgremiums in Bottrop eingeladen worden, „zu einer der Podiumsdiskussionen mit den anderen Kandidaten aber nicht“. Deswegen hat er beim Diskussion-Abend der Kolpingsfamilie Kirchhellen versucht, aus dem Publikum heraus Fragen zu stellen. „Da bin ich aber vom Moderator ignoriert worden.“

Präsentieren konnte er sich aber beim „Kandidatencheck“ des WDR, der Kurzinterviews aller Direktkandidaten vorstellt. Und auf der Internet-Seite „www.abgeordnetenwatch.de“, die auch die persönlichen Seiten der Kandidaten in deren sozialen Netzwerken offenbart.

Insgesamt buhlen im hiesigen Wahlkreis 125 diesmal elf Direktkandidaten um die Erststimmen der Wählerschaft. Neben den sechs bereits im Bundestag vertretenen Parteien stehen fünf Kleinparteien auf den Stimmzetteln – deren Kandidaten sich aber natürlich überhaupt keine Hoffnungen machen können, den Wahlkreis zu gewinnen. Für die DKP (2017: 0,5 Prozent der Erststimmen) tritt der Bottroper Ratsherr und Kreisvorsitzende Jörg Wingold an, für die MLPD (2017: 0,2 Prozent) die Bottroperin Bärbel Kersken.

Norbert Manniegel tritt für die Partei „Die Basis“ an. © Privat © Privat

Und dazu zwei weitere Dorstener. Sie werfen für Parteien ihren Hut in den Ring, die sich erstmalig zur Wahl stellen. Der 55-jährige Diplom-Ingenieur Norbert Manniegel tritt für die „Die Basisdemokratische Partei Deutschland (die Basis)“ an. Diese hat sich im Juli 2020 aus Protest gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen gegründet.

„Gesellschaft gespalten“

Im Kandidatencheck des WDR sagt Norbert Manniegel, dass sich in der Corona-Zeit gezeigt habe, dass die „Gesellschaft gespalten sei“. Schuld daran habe „die Politik, die die Menschen in Angst hält“. Bürger müssten mehr Entscheidungsmöglichkeiten haben. Gegen Privilegien für Geimpfte spricht er sich aus. Der Dorstener bezeichnet als sein Hauptthema die „Familie“.

Ebenfalls aus Dorsten kommt Klausjochen Berger, der für die „Liberal-Konservativen Reformer (LKR)“ antritt. Die Partei wurde im Jahr 2015 gegründet, als der ehemalige AfD-Bundessprecher, Bernd Lucke, die AfD verließ und zunächst die Partei „ALFA“ ins Leben rief, die er dann in „Liberal-Konservative Reformer“ (LKR) umbenannte.

Klausjochen Berger aus Dorsten ist Kandidat für die Liberal-Konservativen Reformer. © Screenshot WDR-Kandidatencheck © Screenshot WDR-Kandidatencheck

Der 50-jährige Lehrer an der Sekundarschule Dorsten bezeichnet die Corona-Phase als eine Zeit der „Panikmache“. Die Bevölkerung und ihre Sorgen seien komplett ignoriert worden. Wichtiges Thema für ihn ist die Rente: Das jetzige Rentenniveau sei indiskutabel und respektlos, eine weitere Erhöhung des Rentenalters lehnt er ab.

In der öffentlichen Wahrnehmung finden „Basis“ und „LKR“ in Dorsten kaum statt, Wahlplakate: Fehlanzeige. Die „PARTEI“ aber ist in Sachen Plakate sehr präsent. „150 bis 200“ seien es laut Ingo Lilienthal momentan, „wir Dorstener haben sogar eigene in Auftrag gegeben.“

Auf der Rutsche

Unter anderem die beiden Motive, die ihn auf einer Rutsche zeigen. „Schneller abwärts“, steht auf dem einen Bild, „härter aufgeschlagen“ auf dem anderen. Vielfältig interpretierbar, laut Ingo Lilienthal vor allem aber eine Parodie darauf, wie – oder besser: wie nicht – andere Parteien auf die Gefahren des Klimawandels reagieren. „Wenn nichts passiert, passiert genau das, was auf dem Plakat steht“, sagt er.

Neben mehr Klimaschutz stehen bei ihm eine „Reichtums-Obergrenze“, das bedingungslose Grundeinkommen und die Besteuerung von Energie auf der Agenda. Und die Fünf-Prozent-Hürde müsse heruntergesetzt werden. „Dann würden sich die Bürger vertretener fühlen.“

Der Wahlausgang? „Wenn sich der Trend verfestigt, kommen wir auf zweieinhalb bis drei Prozent bei den Zweistimmen“. hofft er. Und er selbst? „Ich würde mich freuen, wenn ich ein Prozent schaffe.“

Über den Autor
Redaktion Dorsten
Geboren 1961 in Dorsten. Hier auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach erfolgreich abgebrochenem Studium in Münster und Marburg und lang-jährigem Aufenthalt in der Wahlheimat Bochum nach Dorsten zurückgekehrt. Jazz-Fan mit großem Interesse an kulturellen Themen und an der Stadtentwicklung Dorstens.
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Michael Klein

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