Neapolitanische Figuren mit dem Jesuskind in einer Krippenausstellung - unser Symbolbild steht für die Wulfener Weihnachtsgeschichte. © picture alliance / dpa
Heimatkalender 1980

Wundersame Weihnachtsgeschichte wurde Wulfen gewidmet

Wulfen hat eine eigene Weihnachtsgeschichte. Die 2011 verstorbene Dorstener Autorin Gerda Illerhues-Heselmann hat sie für die Nachwelt aufgeschrieben. Im Heimatkalender von 1980.

Heiligabend 1948. Es ist eine bitterkalte Winterweihnachtsnacht in Wulfen. Am Großen Ring steht ein spärlich beleuchtetes, schrottreifes Auto. Der Fahrer bemüht sich verzweifelt, es wieder in Gang zu setzen. Seine hochschwangere Frau auf dem Beifahrersitz zittert. Die Geburt ihres Kindes steht unmittelbar bevor. Ob die beiden noch rechtzeitig eine Herberge finden?

Interessenten, die die Originalgeschichte nachlesen möchten, können den Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck und der Stadt Dorsten aus dem Jahr 1980 über Willy Schrudde, dem Vorsitzenden des Heimatbundes, per E-Mail anfordern: w-schrudde@t-online.de

Während die Wulfener ahnungslos in ihren warmen Stuben Weihnachten feiern, spielt sich in ihrer Dorfmitte das Drama um das junge Paar in höchster Not ab. Bis sich ein rettender Engel der beiden erbarmt.

Autorin Gerda Illerhues-Heselmann schrieb die Geschichte

So hat die 2011 verstorbene Dorstener Autorin Gerda Illerhues-Heselmann nach wahren Begebenheiten im Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck und der Stadt Dorsten 1980 diese bemerkenswerte Geschichte nieder geschrieben. „Sie hat sich in ähnlicher Form zugetragen“, schickt die Autorin voraus, bevor sie ihre Erzählung beginnt und vielleicht das eine oder andere Detail ausschmückt, um die Dramatik zu steigern. Hedwig Rentmeister aus Erle hat uns auf diese besondere Erzählung aufmerksam gemacht.

Gerda Illerhues-Heselmann, Dorstener Autorin, verstarb 2011. Einige Geschichten von ihr sind überliefert, darunter die Wulfener Weihnachtsgeschichte.
Gerda Illerhues-Heselmann, Dorstener Autorin, verstarb 2011. Einige Geschichten von ihr sind überliefert, darunter die Wulfener Weihnachtsgeschichte. © privat © privat

„Ich kenne den Bericht nicht“, wundert sich Reinhold Grewer von der Geschichtsgruppe des Heimatvereins Wulfen. Dabei hätte sie mit all ihren Ingredienzen sicher das Zeug zur Legendenbildung im Dorf. „Diese Erzählung ist uns verlorengegangen“, bedauert er. Er freut sich aber, dass sie im Heimatkalender nachgelesen werden kann.

Liesel Münz arbeitete im Hotel Humbert

Auch Hotelchef Bernd Humbert kann sich keinen Reim auf diese Weihnachtsgeschichte machen. Dabei ist der „rettende Engel“, den Gerda Illerhues-Heselmann als „ältere, rundliche Frau mit gutmütigem Gesicht und schlohweißem Haar“ beschreibt, aller Wahrscheinlichkeit nach eine ehemalige und jetzt verstorbene Hilfe in der Küche seines Hauses gewesen. An die Frau erinnert sich Humbert vage, weil er seinerzeit noch ein Kind war: „Das muss die Liesel Münz gewesen sein“, sagt er.

Sie sei superfleißig gewesen, habe überall mit angepackt. An diese bemerkenswerte Frau erinnert sich auch die heute 95-jährige Wulfenerin Henriette Schwark genau. 1948, im Jahr der Wulfener Weihnachtsgeschichte, war Henriette Schwark 23. Als langjährige Postbotin von Wulfen kennt sie Hinz und Kunz.

Liesel hatte eine zupackende Art

„Liesel Münz, die eigentlich Hüttmann hieß, war überall im Dorf bekannt“, sagt die 95-Jährige. „Die Liesel“ habe kaum geruht, sondern in verschiedenen Häusern und Herbergen tüchtig mitgeholfen. Im Hotel Humbert genauso wie im Hotel Schürmann. Ihre zupackende Art und ihre Zugewandtheit kommt dem jungen italienischen Ehepaar in der Winterweihnachtsnacht 1948 in Wulfen zupass – Liesel alias Martha tritt als rettender Engel für Graziella und Marco (ebenfalls alias Namen) in Erscheinung.

Henriette Schwark (vorne Mitte) sorgt dafür, dass Geschichte nicht verlorengeht. Hier bei einem Informationsnachmittag über die Bombardierung von Dorsten und Wulfen für St.-Ursula-Schüler zusammen mit Hermann Grewer (li.) und Heinz Kleine-Voßbeck.
Henriette Schwark (vorne Mitte) sorgt dafür, dass Geschichte nicht verlorengeht. Hier bei einem Informationsnachmittag über die Bombardierung von Dorsten und Wulfen für St.-Ursula-Schüler zusammen mit Hermann Grewer (li.) und Heinz Kleine-Voßbeck. © Foto: Anke Klapsing-Reich © Foto: Anke Klapsing-Reich

Denn das junge Paar findet zunächst keine Hilfe im 3.000-Seelen-Dorf Wulfen (Bevölkerungsstatistik des Heimatvereins Wulfen aus dem Jahr 1953). Überall, wo der Mann anklopft, wird er zurückgewiesen. Niemand erbarmt sich des jungen Paares in Not.

Argwöhnisch beäugen die Wulfener den Fremden, der da mitten in der Nacht an der Tür steht und um Hilfe bittet. Zumal er nicht richtig Deutsch kann. Denn die Hilfesuchenden sind Italiener, die von Haltern aus über Wulfen nach Essen zu Angehörigen fahren wollen.

Das Kämmerchen im Einzimmerhaus

Nicht so Liesel Münz, die Spülfrau aus dem Hotel Humbert. Als das Paar dort um Herberge bittet, sagt die Helferin, sie habe zu Hause noch ein Kämmerchen. Eine Abstellkammer, in der aber ein Bett stehe. Ob das Paar dort übernachten wolle? Mutmaßlich hatte Liesel Münz ihr Einzimmerhäuschen an der Potmere.

Dankbar kehren die fremden Gäste in ihrer Stube ein. Mitten in der Nacht setzen bei der jungen Frau die Wehen ein – sie gebiert einen gesunden Jungen. Liesel Münz, so die Autorin Gerda Illerhues-Heselmann, half bei der Geburt mit Sachverstand. Angeblich habe sie selbst drei Kinder gehabt.

Elektrokerzen im Dorf Wulfen 1948?

Die Geschichte liest sich schön, ist aber sicher nicht in allen Details wahr. Dass in Wulfen 1948 viele Elektrokerzen an den Tannenbäumen steckten, dürfte eher der Dichtung geschuldet sein. Es gab zwar schon Elektroweihnachtskerzen in den USA, aber in Wulfen? Kaum anzunehmen.

Es stimmt wohl auch nicht, dass Liesel Münz Mutter war – „meines Wissens war sie nie verheiratet und hatte auch keine Kinder“, so Henriette Schwark. Weil alle Protagonisten der Geschichte unter einem Pseudonym eingeführt werden und nicht allesamt aus Dorsten kommen, können die Spuren der Akteure nicht weiter verfolgt werden.

Die Geschichte hat eine einfache Botschaft

Sicher ist: Am Ende ihres Lebens ist Liesel Münz, die sparsame, aber sehr tüchtige Frau, in einen Bungalow nach Wulfen-Barkenberg gezogen. Dort starb sie nach einem arbeitsreichen Leben, erinnert sich Bernd Humbert. Sie selbst hat keine Erinnerungen an die Wulfener Weihnachtsnacht hinterlassen.

Trotz alledem: Die Wulfener Weihnachtsgeschichte hat Charme. Und erinnert in weiten Teilen an die biblische. Die Herbergssuche, die Vertreibung, die Geburt eines Kindes an einem abwegigen Ort. „Martha“, unsere Spülfrau aus Wulfen, ist sich sicher: Ihr ist das Jesuskind in jener Nacht in Wulfen höchstpersönlich begegnet, denn der Stern von Bethlehem stand über Wulfen.

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Seit 20 Jahren als Lokalredakteurin in Dorsten tätig. Immer ein offenes Ohr für die Menschen in dieser Stadt, die nicht meine Geburtsstadt ist. Das ist Essen. Ehefrau, dreifache Mutter, zweifache Oma. Konfliktfähig und meinungsfreudig. Wichtige Kriterien für meine Arbeit als Lokalreporterin. Das kommt nicht immer gut an. Muss es auch nicht. Die Leser und ihre Anliegen sind mir wichtig.
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Claudia Engel

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