Tempo-30-Ärger in Östrich: Zu schnelle Autofahrer werden geduldet

mlzTempo 30

Zwei Schilder auf der Nierleistraße weisen auf Tempo 30 hin, doch viele Autofahrer halten sich nicht daran. Für die Anwohner ist das ärgerlich, für die Stadt Dorsten offenbar normal.

Östrich

, 21.01.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zwei Schilder diesseits und jenseits der kleinen Siedlung an der Nierleistraße weisen unmissverständlich darauf hin: Hier gilt Tempo 30. Doch viele Autofahrer halten sich nicht daran. Das haben die Anwohner sogar Schwarz auf Weiß, doch ändern wird sich vermutlich nichts.

Bürgerantrag für den Hauüt- und Finanzausschuss

„Unglaublich“ findet der Sprecher der Nachbarschaft das. 65 Anwohner und Mitglieder von zwei benachbarten Reitställen haben die Forderung unterschrieben, dass auf der Nierleistraße öfter die Geschwindigkeit kontrolliert werden muss. Und dass „verkehrsberuhigende Maßnahmen“ hilfreich seien, um die Autos auf der schmalen Straße ohne Gehwege zu bremsen.

Ob es so kommt, entscheidet der Haupt- und Finanzausschuss am Mittwoch (22. Januar). Die Stadtverwaltung hat sich schon festgelegt und empfiehlt, den Bürgerantrag der Östricher abzulehnen. Die haben, obwohl es ihnen zugesichert worden war, nach eigenen Angaben bislang keine Einladung zur Sitzung bekommen.

Die Argumentation der Stadtverwaltung lässt sich so zusammenfassen: Die Nierleistraße ist kein Unfallschwerpunkt (sagt die Polizei), außerdem befindet sich die kleine Siedlung - etwa 200 Meter von der Königsberger Allee entfernt - „im Außenbereich“. Es gibt keine Schulen, Kindergärten oder Seniorenheime in der Nähe, die „ein besonderes und erhöhtes Aufkommen schwacher Verkehrsteilnehmer erzeugen“. Das hat Stadtsprecher Ludger Böhne den Anwohnern bereits im August 2018 geschrieben.

Messergebnisse unterschiedlich interpretiert

Zuvor war eine Messtafel an einem Laternenpfahl aufgehängt worden, um Erkenntnisse zu erhalten, wie schnell die Autofahrer tatsächlich unterwegs sind. Im Dezember 2019 gab es eine weitere Verkehrsmessung. Stadt und Anwohner interpretieren die Ergebnisse allerdings unterschiedlich.

Im Rathaus findet man es offenbar völlig normal, dass im Frühjahr 2018 etwa jedes vierte Fahrzeug schneller als 40 km/h fuhr. „Die festgestellte Höchstgeschwindigkeit lag bei 65 km/h und somit deutlich unterhalb von Höchstgeschwindigkeiten, die wir in anderen Tempo-30-Zonen festgestellt haben“, schrieb der Stadtsprecher damals.

Im Dezember 2019 wurden deutlich weniger Autos gemessen, das Verkehrsaufkommen hat sich aus Sicht der Stadt also verringert. Und: 85 Prozent aller Verkehrsteilnehmer fuhren immerhin nicht schneller als 45 km/h.

Tempo-30-Ärger in Östrich: Zu schnelle Autofahrer werden geduldet

Zwei Fahrzeuge passen auf der Nierleistraße kaum aneinander vorbei. © Stefan Diebäcker

Für die Anwohner hingegen ist Tempo 30 „die maximal verantwortbare Geschwindigkeit“. Es seien schon Pferde durchgegangen, betonte ihr Sprecher im Oktober letzten Jahres in einem Brief, und Schulkinder liefen an der Straße entlang zur nächsten Bushaltestelle. „Da hilft es in keinster Weise, in Tabellen nachzusehen, was für andere Tempo-30-Zonen noch akzeptabel ist. Wie kann es sein, dass die massive Überschreitung der zulässigen Geschwindigkeit als völlig in Ordnung betrachtet wird, falsches Parken im ruhenden Verkehr aber konsequent geahndet wird?“

Straßenausbau auf eigene Kosten?

Als geradezu unverschämt empfinden die Anwohner der Nierleistraße den Vorschlag der Stadt, auf eigene Kosten eine Messtafel anzuschaffen, um die Autofahrer dauerhaft an die korrekte Geschwindigkeit zu erinnern, oder den Ausbau der Nierleistraße auf eigene Kosten vorzunehmen. „Dann würde ja noch schneller gefahren“, sagt der Sprecher, „dies wäre der Schlusspunkt der vollständigen Irrationalität.“

Übrigens: Der Sprecher der Nachbarschaft bat darum, dass sein Name im Artikel nicht genannt wird. Die Stadtverwaltung hatte ihm schriftlich zugesichert, dass Name und Anschrift in dem Bürgerantrag aus Gründen des Datenschutzes unkenntlich gemacht werden. Das ist allerdings nicht geschehen.

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