Zwei Töchter auf der Flucht aus Afghanistan verloren

Schwierige Familienzusammenführung

Unvorstellbares Grauen hat Familie Ahmadzai auf ihrer Flucht aus Afghanistan erlebt. Viele Einzelschicksale sind Eltern und fünf Kindern nahe gegangen. Dabei ist ihnen selbst eine Tragödie widerfahren. Zwei Töchter blieben auf der Strecke.

Dorsten

, 30.04.2016, 08:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie haben entkräftete Menschen sterben sehen. Sie haben tote Kinder, Frauen und Greise auf ihrem lebensgefährlichen Weg nach Europa hinter sich gelassen: Familie Ahmadzais Geschichte ihrer Flucht aus Afghanistan enthält grauenhafte Details. Die Familie, die in Dorsten angekommen ist, hat dabei selbst eine Tragödie erlebt.

Ihre beiden älteren Töchter Shabnam (14) und Mehria (12) sind auf der Strecke geblieben. Sie verschwanden nach einer Schießerei an der türkisch-iranischen Grenze spurlos. Vater Khaled und Mutter Florence, die Söhne Muhammad, Abi und Tawid trauerten monatelang um die Töchter und Schwestern. Dann die erlösende Nachricht über Facebook: Shabnam und Meheria leben!

"Eine andere afghanische Familie aus der Heimatregion der Eltern, Lugar, hat die beiden unter die Fittiche genommen und kümmert sich um sie in Istanbul", übersetzt Dolmetscher Dr. Amin Bari Zuri Vater Khaleds Schilderungen. Doch einer glücklichen Familienzusammenführung stünden zahlreiche Hindernisse im Weg.

Angst vor der Rückkehr

"Die betreuende Familie scheut die Registrierung in der Türkei, weil sie Angst hat, dass sie nach Afghanistan zurückgeschickt wird. Die Familie Ahmadzai hat große Sorge, dass die beiden minderjährigen Mädchen allein in einem Flüchtlingscamp in der Türkei landen", so Amin Bari Zuri weiter. Die Mutter der beiden Mädchen, Florence Ahmadzai, bricht in Tränen aus. "Sie kann seit Wochen nicht ruhig schlafen, sie kann nicht essen und sie sorgt sich sehr um ihre beiden Töchter", sagt Rebecca Möcklinghoff (Foto, rechts). Rebecca Möcklinghoff hat als ehrenamtliche Integrationslotsin die afghanische Familie "adoptiert" und weiß um die seelischen Nöte der Eltern.

Sie habe sich deshalb an Bürgermeister Tobias Stockhoff gewandt und ihn um Intervention gebeten, damit die beiden Mädchen wohlbehalten nach Dorsten gelangen können. Doch der Weg von Istanbul nach Dorsten ist mit juristischen Hürden übersät. Stockhoff schreibt ihr in einem Brief: "Eine Familienzusammenführung ist überhaupt erst möglich bei anerkannten Asylbewerbern oder Flüchtlingen. Familie Ahmadzais Anhörung nach der Registrierung steht noch aus."

Eine Option gibt es

Gleichwohl schildert Stockhoff eine Option, wie Eltern und Töchter zusammengeführt werden könnten: "Die einzige kurzfristige Möglichkeit sehen wir, dass die Familie oder ein Elternteil aus Deutschland zu den Töchtern reist. Dabei würden wir jede uns mögliche Unterstützung anbieten."

Das aber sei für die Ahmadzais nicht ohne Risiko, befürchtet deren Integrationslotsin Rebecca Möcklinghoff: "Der ungeklärte Aufenthaltsstatus in Deutschland könnte ein Problem sein." Rebecca Möcklinghoff hat deshalb erst einmal einen Anwalt für Ausländerrecht eingeschaltet, der die Interessen der Familie vertritt. Ein bisschen Hoffnung eröffnet aus Sicht von Möcklinghoff der Paragraph 22 des Aufenthaltsgesetzes, wonach dringende humanitäre Gründe ins Feld geführt werden können, um die Familie zu vereinen.

Ans Auswärtige Amt geschrieben

Die Stadtverwaltung Dorsten hat deshalb ans Auswärtige Amt geschrieben und unter Verweis auf diesen Paragraphen um eine Prüfung des Falls gebeten. Sollte sich ein Elternteil dazu durchringen, auszureisen, um die Mädchen abzuholen, hat die Stadt Dorsten auch hier ihre Hilfe angeboten: "Wir haben ein Informationsgespräch über die rechtlichen Konsequenzen, die das Asylverfahren beenden würden, angeboten." Die Ahmadzais machen diese Feinheiten eher ratlos. Sie haben in Afghanistan alles verloren, eine gesicherte Existenz, die durch die Taliban bedroht gewesen sei. Die Flucht hätten sie angetreten, um die Kinder vor ihnen zu schützen: "Taliban sind schreckliche Menschen", meint der Dolmetscher.

Einem Ausländer kann nach Paragraph 22 Aufenthaltsgesetz für die Aufnahme aus dem Ausland aus völkerrechtlichen oder dringenden humanitären Gründen eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden. Eine Aufenthaltserlaubnis ist zu erteilen, wenn Bundesinnenministerium oder die von ihm bestimmte Stelle zur Wahrung politischer Interessen der Bundesrepublik Deutschland die Aufnahme erklärt hat.

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