Jonathan Schmalöer hat ein Konzept für den Erhalt des Hochhauses an der Kielstraße entwickelt. © Oliver Volmerich
Konzept für Umgestaltung

Architekt will „Horror-Hochhaus“ in der Nordstadt vor Abriss bewahren

Für viele ist das „Horror-Hochhaus“ in der Nordstadt ein Schandfleck - doch ein junger Architekt aus Dortmund wirbt dafür, es trotzdem nicht abzureißen. Er hat ambitionierte Ideen.

Jonathan Schmalöer (29) kennt das Hochhaus an der Kielstraße seit seiner Kindheit. „Und gefühlt stand das immer schon leer“, stellt er fest. Vor mittlerweile 19 Jahren verließen die letzten Bewohner das Gebäude. Da war Jonathan Schmalöer zehn Jahre alt.

Der Koloss war zu einem Spekulationsobjekt geworden. Das 18-geschossige Hochhaus, das 1969 bezogen worden war, wurde 1994 privatisiert. Es gab Dutzende Einzeleigentümer, von denen sich viele mit dem Kauf der Wohnungen aber offensichtlich verhoben hatten.

Seit fast 20 Jahren steht das Hochhaus an der Kielstraße leer, wurde so zum „Horrorhaus“. Jetzt soll es abgerissen werden. © Dieter Menne (A) © Dieter Menne (A)

Irgendwann konnten die Nebenkosten nicht mehr gezahlt werden. Die Fahrstühle standen still, immer mehr Wohnungen leer. Bis das Haus 2002 von der Stadt ganz geräumt wurde. Das Gebäude verkam zusehends, wurde als „Horrorhaus“ bekannt.

Über viele Jahre hat die Stadt Dortmund versucht, alle 102 Wohnungen aufzukaufen. Was auch tatsächlich gelang. Im Frühjahr 2019 wurde das Haus entrümpelt. In diesem Frühjahr sollen die Abrissbagger anrollen.

Zusätzlich zu den 700.000 Euro, die schon für den Kauf der Wohnungen ausgegeben wurden, wurden die Kosten für den Abriss zuletzt auf 4,5 Millionen Euro beziffert. Das Schicksal des Hochhauses scheint damit besiegelt.

Zum Unverständnis von Jonathan Schmalöer, dessen Vater Richard Schmalöer einer der bekanntesten Architekten in Dortmund ist. Denn der gebürtige Hörder, der inzwischen ein Architekturstudium in Aachen absolviert hat, macht sich für den Erhalt des Hochhauses stark und hat in seiner Masterarbeit an der RWTH Aachen auch ein Konzept dafür entwickelt.

Wiedernutzung des Horror-Hochhauses wäre nachhaltiger

„Transformation eines 1960er Jahre-Ensembles oder wie man einen verwaisten Wohnturm, der zerstört werden soll, wieder nutzbar machen kann“, ist der Titel der Arbeit. „Es geht um Nachhaltigkeit“, erklärt der junge Architekt. „In Zeiten des Klimawandels sollten wir den Fokus auf die Wiedernutzung von Gebäuden legen, um CO2 zu sparen.“

Ausführlich hat sich Jonathan Schmalöer mit dem städtebaulichen Konzept auseinandergesetzt, das Grundlage für den Bau des Hochhauses und seines Zwillings auf der anderen Seite der Heilige-Garten-Straße war. Der wird in den Händen der städtischen Wohnungsgesellschaft Dogewo weiterhin als Wohnhaus genutzt.

Horror-Hochhaus war Paradebeispiel für den Städtebau der 1960er Jahre

Die Neubauten nördlich der Bahnlinie waren Ergebnis einer umfassenden städtebaulichen Neuordnung in den 1960er Jahren. In dem Sanierungsgebiet an der Bornstraße wurden damals radikal alte Gebäude abgerissen und Neubauten konzipiert. Es war eine moderne Planung mit Gebäuden, die in Grün eingebettet wurden, erklärt Jonathan Schmalöer

„Es ist ein Paradebeispiel für den Städtebau der 1960er Jahre“, stellt er fest. Auch wenn nach seinem Geschmack viele Ansätze damals nur halbherzig umgesetzt wurden. „Alles ist sehr monofunktional. Die Plätze wurden nie richtig belebt“, sagt Schmalöer.

Neues Gebäude-Ensemble mit „Nordstadt-Galerie“

Das will er mit seinem Konzept ändern. Schmalöer setzt in seiner Masterarbeit auf den Erhalt des Hochhauses an der Kielstraße, eingebettet in die schon bestehenden Nachbarhäuser und ergänzende Neubauten, die das Grundstück fassen und zu einem großstädtischen Ensemble machen.

Jonathan Schmalöer ergänzt das Wohn-Hochhaus an der Kielstraße mit Neubauten. © Volmerich, Oliver © Volmerich, Oliver

Neben die bestehenden Nachbarhäuser hat er Kopfgebäude gesetzt. Dazu kommen zwei Riegelbauten mit öffentlichen Nutzungen. Eine „Nordstadt-Galerie“ könnte sich Schmalöer etwa für den Neubau südlich des Hochhauses an der Heilige-Garten-Straße vorstellen. „Die Neubauten geben dem Turm einen Rahmen“, erklärt der Architekt.

Anerkennung bei Architekten-Wettbewerb

Die Wohnungsgrundrisse im Hochhaus selbst hat er nicht verändert. „Die sind eigentlich nach wie vor gut“, stellt Schmalöer fest. Die geschlossenen Innenhöfe sollen Rückzugsorte für die Anwohner sein.

Das Modell zeigt das Ensemble aus alten und neuen Gebäuden, das Jonathan Schmalöer rund um das Hochhaus an der Kielstraße geplant hat. © Schmalöer © Schmalöer

Bei den Prüfern an der RWTH kam das Konzept gut an. Und nicht nur dort. Im Rahmen des „Euregional Prize for Architecture 2020“ bekam seine Arbeit eine Anerkennung.

Für Stadt Dortmund steht der Abriss fest

Die Hoffnung, dass das Konzept umgesetzt wird und das Hochhaus erhalten bleibt, ist trotzdem äußerst gering. Denn der Rat der Stadt hat den Abriss bereits im Juni 2020 beschlossen. Die schon geflossenen Zuschüsse des Landes für den Kauf der Wohnungen seien an den Abriss und das Vorhaben gebunden, anstelle des Hochhauses eine Kita und einen kleinen Park zu schaffen, hieß es zur Begründung.

Das Hochhaus stehen zu lassen und zu modernisieren, sei keine Option, erklärte Planungsdezernent Ludger Wilde immer wieder. Auch für die Abrisskosten hofft die Stadt auf eine 80-prozentige Förderung durch das Land.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Oliver Volmerich, Jahrgang 1966, Ur-Dortmunder, Bergmannssohn, Diplom-Journalist, Buchautor und seit 1994 Redakteur in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten. Hier kümmert er sich vor allem um Kommunalpolitik, Stadtplanung, Stadtgeschichte und vieles andere, was die Stadt bewegt.
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Oliver Volmerich

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