Norbert Stein ist an der Alexanderstraße aufgewachsen. Mit seinen Eltern hat er in dem Haus rechts im Hintergrund gewohnt, das in den vergangenen Jahren zusehends verfallen ist. © Kevin Kindel
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Prächtige Altbauten werden abgerissen: „Das tut mir in der Seele weh“

Jahrelang hat das Klinikum an der Alexanderstraße markante Gebäude verfallen lassen, bald werden sie abgerissen. Einige Dortmunder ärgert das sehr - vor allem Norbert Stein, der dort aufgewachsen ist.

Norbert Stein (74) steht auf einem Bürgersteig an der Alexanderstraße im Klinikviertel und blickt mit einer Mischung aus Rührung und Verärgerung auf die andere Straßenseite. Als Kind hat er hier gewohnt, in dem Haus, dem man noch ansieht, wie schön es mal war, bis es jahrelang verfiel.

Im einen Moment glänzen die Augen des Rentners, als er begeistert davon erzählt, wie das Leben hier einmal war. Damals, in den 50ern, als er mit Freunden Birnen vom Baum stibitzt hat und im Fernseher eines Nachbarn die Fußball-WM 1954 sehen durfte. Als die Jungs mit Dosen auf der Straße gepöhlt haben oder als sie Brieftaschen an eine Schnur gebunden auf die Straße gelegt haben, um sie Passanten vor der ausgestreckten Hand wegzuziehen.

Dieses Foto zeigt Norbert Stein als Kind in den 50er-Jahren an der Alexanderstraße.
Dieses Foto zeigt Norbert Stein als Kind in den 50er-Jahren an der Alexanderstraße. © Stein © Stein

Doch kurz danach senkt sich der Blick. Die Mundwinkel gehen nach unten, wenn Stein anspricht, wie das Haus inzwischen aussieht. Den Zustand findet er schon lange erschreckend. Mehrere nebeneinander liegende Gebäude werden demnächst abgerissen, um Platz für einen Neubau zu schaffen. Eine Schule für Gesundheitsberufe, ein Kindergarten, eine Praxis und Apartments für Eltern chronisch kranker Kinder entstehen dort.

Norbert Stein ist im Jahr 1946 geboren, damals lag eines der Häuser in der Reihe noch in Kriegstrümmern. Das Gebäude, in dem er mit seinen Eltern ein einziges Zimmer hatte – die Toilette teilte man sich mit anderen Familien – steht seit 1903. „Prostata durften Sie da nicht haben“, scherzt der Dortmunder. Woran er sich besonders gerne erinnere: „Wir haben immer sehr viel gefeiert.“

Bäumchen auf dem Balkon und Obdachloser unterm Vordach

„Unten drin war am Anfang eine Malerwerkstatt“, sagt Stein: „Und jetzt wächst auf dem Balkon ein Bäumchen und da unten wohnt einer draußen.“ Der Ex-Bewohner deutet in Richtung des Schlaflagers eines Obdachlosen unter einem Vordach seiner alten Heimat. Seit wann es den so heruntergekommenen Eindruck macht, kann Stein nicht sagen: „Das ist schon einige Jahre her.“

Norbert Stein blickt auf den Entwurf dessen, was hier entstehen soll. „Architektonisch ist das doch nichts“, meint der 74-Jährige. Er bezeichnet das geplante Projekt mit geraden Linien und rechteckigen Formen als „Phoenix-See-Baustil“. Es gefällt ihm genauso wenig wie die Pläne fürs Stifts-Forum in Hörde – viele Jahre lang hat er in der dortigen Brauerei gearbeitet: „Das tut mir in der Seele weh“, sagt Stein über die Pläne.

Und damit ist er nicht allein, wie aus Zuschriften mehrerer Dortmunder hervorgeht, die unsere Redaktion erreicht haben. Die Verfasser ärgern sich sehr darüber, dass die ursprünglich mal so schönen Gebäude nicht gepflegt wurden. Klinikum und Stadt Dortmund hatten erklärt, dass Barrierefreiheit mit den jetzigen Gebäuden nicht zu realisieren sei und es Probleme mit Deckenhöhen und Dachgestaltung gebe – daher sei ein Neubau nötig.

„Gerade weil die Städtischen Kliniken einen großen Teil der Innenstadt einnehmen, sollte auch eine gewisse Fürsorgepflicht für erhaltenswerte Gebäude vermutet werden“, meint etwa Roswitha Maria Beck. Eines der Häuser habe einen ganz besonderen Wert, weil dort ein jüdischer Arzt gewohnt habe, der vor den Nazis fliehen musste.

„Das grenzt an Kulturbarbarei“

Beck meint: „Dortmund verkommt immer mehr zu einer geschichts- und gesichtslosen Stadt.“ Björn Wrocklage pflichtet bei: „Das ehemalige Wohnhaus von Dr. Stefan Engel abreißen zu wollen, grenzt an Kulturbarbarei.“

Karl Kowalke meint, die Architektur der Zukunftspläne für das Areal sei „so leer wie ein Karton“. Und: „Dieses historische Haus, 100 Jahre alt, hat die Bombenangriffe auf die Stadt Dortmund überstanden“, betont Ingrid Schmidt-Böhm: „Nun soll es für einen Neubau geopfert werden? Es ist nicht zu glauben!“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
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Kevin Kindel

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