Die Nettelbeckstraße in der Nordstadt soll nach dem Willen der Grünen unbenannt werden. © Oliver Volmerich
Kolonial-Verbrechen

Straße in der Dortmunder Nordstadt soll umstrittenen Namen loswerden

Rund 130 Menschen in der Nordstadt müssen wohl bald ihre Ausweise ändern lassen. Ihre Straße soll einen neuen Namen bekommen. Denn der aktuelle Namensgeber hat eine umstrittene Vergangenheit.

Die Nettelbeckstraße ist eine typische Nordstadt-Wohnstraße. Große Mietshäuser aus der Zeit der Jahrhundertwende und der Nachkriegszeit, die durchweg gepflegt wirken. Die meisten gehören der Wohnungsgesellschaft Dogewo. Wandbilder – ein Leuchtturm und ein Segelschiff – deuten die Nähe zum Hafen an.

Sie haben aber auch Bezug zum Namensgeber der Straße, um dessen Vergangenheit sich immer wieder Diskussion entspannen. Denn Joachim Christian Nettelbeck, der von 1738 bis 1824 lebte, war nicht nur ein Verteidiger seiner Heimatstadt Kolberg gegen Napoleon, sondern als Obersteuermann niederländischer Sklavenschiffe am Menschenhandel zwischen Westafrika und Amerika beteiligt. Er gilt als früher Propagandist des Kolonialismus.

Erinnerung an Kolonialismus

Das ist Anlass für die Grünen, in der nächsten Sitzung der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord die Umbenennung der Nettelbeckstraße zu fordern. „Wir nehmen den Faden der zunehmenden Diskussion um die Verbrechen der kolonialen Vergangenheit, die ja auch in Dortmund stattfindet, wieder auf“, erklärt die neue Bezirksbürgermeisterin Hanna Rosenbaum (Grüne).

Der Bewohnerschaft der Nordstadt, von der mehr als die Hälfte eine Zuwanderungsgeschichte habe, sei es nicht zumutbar, „dass sie mit einer unkommentierten Würdigung einer fragwürdigen Person der deutschen Geschichte konfrontiert wird“, heißt es in der Mitteilung der Grünen. Das gelte vor allem für die zunehmende Zahl an Nordstadt-Bewohnern mit afrikanischen Wurzeln.

Alter Vorschlag des Stadtarchivs

Interessant ist: Der Vorstoß ist alles andere als neu. Schon 2014 hatte das Stadtarchiv, also die Verwaltung selbst, die Umbenennung der Nettelbeckstraße vorgeschlagen. Vorausgegangen waren ein Bürgerantrag des früheren Grünen-Ratsherrn Richard Kelber und eine daraufhin vom Ausschuss für Bürgerdienste in Auftrag gegebenen Untersuchung von Straßennamen mit – aus heutiger Sicht – zweifelhaften Namensgebern.

Sechs Straßen mit politisch belasteten Namensgebern hatte das Stadtarchiv daraufhin ausfindig gemacht und eine Umbenennung empfohlen. Der Bürgerdienste-Ausschuss hatte die Vorschläge des Stadtarchivs an die Bezirksvertretungen weitergeleitet, die für Straßenbenennungen zuständig sind. In einigen Stadtbezirken waren danach tatsächlich mehrere Straßen – etwa die Carl-Duisberg-Straße und die Castellestraße – umbenannt worden.

Für die Innenstadt-Nord hatten die Stadtarchivare die Umbenennung der Speestraße – benannt nach dem im Ersten Weltkrieg gefallenen Marine-Admiral Maximilian von Spee – und der Nettelbeckstraße vorgeschlagen.

In der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord wurde im November 2014 im Beisein von Stadtarchiv-Direktor Dr. Stefan Mühlhofer über die Umbenennungsvorschläge heiß diskutiert. „Nach kontroverser Diskussion ist sich die Bezirksvertretung Innenstadt-Nord darüber einig, die Beschlussfassung über die vorgenannten Straßen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben“, heißt es im Sitzungsprotokoll.

Nettelbeckstraße war kein Thema mehr

Fast ein Jahr später wurde das Thema dann in der Bezirksvertretung wieder aktuell. Die Grünen nahmen den Vorschlag von Mühlhofer auf, die Speestraße schlicht einem anderen Spross der Adelsfamilie zu widmen. Eine Änderung des Straßenschilds und damit der Adressen der Anwohner blieben erspart. In der Bezirksvertretungs-Sitzung am 30. September 2015 fand sich aber selbst dafür bei nur vier Ja- und 8 Nein-Stimmen keine Mehrheit.

Der Vorschlag zur Umbenennung der Nettelbeckstraße wurde von den Nordstadt-Politikern erst gar nicht wieder aufgegriffen – auch von den Grünen nicht. Erst jetzt – fünf Jahre später – wird er wieder aktuell. Die Grünen verschweigen in ihrer Mitteilung zum jetzt vorgelegten Antrag die Vorgeschichte auch nicht – ohne allerdings eine Erklärung für die damalige Zurückhaltung zu liefern.

Rund 130 Anwohner müssten Ausweise ändern lassen

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Vorstoß angesichts der neuen Mehrheitsverhältnisse in der Bezirksvertretung eine Mehrheit findet, ist groß. Von der Umbenennung wären, so teilte es Stadtdirektor Jörg Stüdemann schon 2014 mit, rund 130 Anwohner betroffen. Sie müssten dann unter anderem ihre Personalausweise ändern lassen.

Für die Findung eines neuen Straßennamens wollen die Grünen aber ausdrücklich auch die Nordstadt-Bewohner einbeziehen. Sie schlagen ein Beteiligungsverfahren zur Namensauswahl vor.

Und sie wollen die Erinnerung an die unrühmliche Vergangenheit von Joachim Christian Nettelbeck auch nicht ganz tilgen. „Wir wollen mit der Umbenennung nicht die Spuren unserer kolonialen Vergangenheit tilgen. Deshalb möchten wir zusätzlich zum Verfahren zur Findung eines geeigneten Straßennamens mit einem Schild an den alten Straßennamen erinnern und auf den Grund der Umbenennung hinweisen“, erklärt Grünen-Fraktionssprecher Marko Unterauer. „Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber sehr wohl einen ehrlichen Umgang mit den Schattenseiten unserer Geschichte dokumentieren.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Oliver Volmerich, Jahrgang 1966, Ur-Dortmunder, Bergmannssohn, Diplom-Journalist, Buchautor und seit 1994 Redakteur in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten. Hier kümmert er sich vor allem um Kommunalpolitik, Stadtplanung, Stadtgeschichte und vieles andere, was die Stadt bewegt.
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Oliver Volmerich

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