Mit diesem Plakat an ihrer Tür wurde Rita L. empfangen, nachdem sie fünf Monate lang ihre Wohnung nicht betreten hatte. © Andreas Schröter
Coronavirus

„Ärzte sahen kaum Überlebenschancen“: Frau kämpft monatelang gegen Corona

Auf einer Busreise nach Passau infizierten sich 31 der 35 Teilnehmer mit Corona, 2 starben. Eine Dortmunderin erwischte es ebenfalls äußerst hart. Ihre Wohnung sah sie fünf Monate lang nicht.

Im Oktober 2020 hatte eine Busreise des katholischen Pastoralverbundes Dortmund Nord-West nach Passau für Schlagzeilen gesorgt, bei der sich 31 der 35 Teilnehmer mit Corona infiziert hatten.

Ein älteres Ehepaar mit Vorerkrankungen starb. Diejenige, die es nach ihnen am härtesten traf, ist Rita L. (66) aus Brechten. Weil sie Anfeindungen von Querdenkern fürchtet, möchte sie sich weder fotografieren lassen, noch ihren kompletten Namen veröffentlicht sehen.

Rita L. lag drei Monate im Klinikzentrum Nord, davon sechs Wochen im künstlichen Koma. Vorerkrankungen habe sie nicht gehabt. Es sei nach wie vor nicht klar, warum es ausgerechnet sie so schwer erwischt habe. Betroffen waren viele, die deutlich älter sind als sie, die aber keine so schweren Symptome entwickelt haben.

Von der Krankenhauszeit gar nicht viel mitbekommen

Sie selbst habe ja von der Krankenhauszeit gar nicht viel mitbekommen, sagt sie, „aber können Sie sich vorstellen, welche Ängste und Nöte meine Angehörigen bei den immer negativen Meldungen aus dem Krankenhaus durchgemacht haben?“

Die Brechtenerin, die Ende Oktober mit hohem Fieber ins Krankenhaus gekommen war, hatte während der Zeit im Koma Organversagen, und bei ihr musste ein Luftröhrenschnitt vorgenommen werden. Die Ärzte hatten ihr zeitweise nur geringe Überlebenschancen eingeräumt.

Ende Dezember und zu ihrem Geburtstag am 9. Januar habe sie ganz langsam wieder zurück ins Leben gefunden. Ein bunter Blumenstrauß zum Geburtstag habe in ihr ein großes Glücksgefühl ausgelöst. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie weder selbst essen, noch sich pflegen. Erst Ende Januar war sie so weit, dass sie für weitere zweier Monate in eine Reha-Klinik nach Bad Wünnenberg verlegt werden konnte.

„Natürlich hatte ich Ängste und Depressionen“, schreibt sie im Pfarrbrief der St. Antonius-Gemeinde Brechten, wo sie über ihre Krankengeschichte berichtet, „wie sollte ich wieder laufen lernen, wenn ich meinen eigenen Muskeln nicht mehr vertrauen konnte?“

Rita L. singt im Regenbogenchor ihrer Gemeinde. Dazu passt dieser Stein, den sie selbst bemalt hat und der nun ihrer Vorgarten schmückt
Rita L. singt im Regenbogenchor ihrer Gemeinde. Dazu passt dieser Stein, den sie selbst bemalt hat und der nun ihren Vorgarten schmückt. © Andreas Schröter © Andreas Schröter

Als sie bei den ersten warmen Sonnenstrahlen im März mit Hilfe eines Rollators und zwei Physiotherapeuten wieder ein paar Schritte vor die Tür gehen konnte, sei sie der glücklichste Mensch der Welt gewesen.

Unglaublich viel Hilfe und Zuspruch erhalten

Der 25. März war der Tag, an dem sie – fast genau fünf Monate nach der Einlieferung ins Krankenhaus – endlich wieder in ihrem Haus in Brechten ankam. Alles blühte, sie erhielt und erhält unglaublich viel Zuspruch und Hilfe aus beiden Brechtener Gemeinden – also auch der von evangelischen – sowie von den Nachbarn, und der Gefrierschrank war mit fertigen Gerichten gefüllt. Rita L.s Schwester kümmert sich seither liebevoll um sie.

Sie wolle daher die Gelegenheit nutzen, um einmal allen Beteiligten ein dickes „Danke“ zu sagen – auch den Ärzten, Pflegern und anderen Mitarbeitern im Klinikzentrum Nord. Auch Pfarrer Hubert Werning, der Initiator der Reise, habe sich regelmäßig nach ihr erkundigt.

Natürlich werde sie oft gefragt, warum sie in Corona-Zeiten überhaupt eine Busreise habe antreten können. Sie habe damals einfach mal rausgemusst. Ihr Vater und ihre Mutter seien krank gewesen, ihr Mann kurze Zeit vorher an Krebs gestorben. Sie habe sich selbst wiederfinden müssen.

Die Inzidenz habe im Oktober in Passau bei 17 gelegen, in Dortmund bei 19. Nein, ein schlechtes Gewissen, die Reise angetreten zu haben, habe sie eigentlich auch heute noch nicht.

Sobald es geht, möchte Rita L. ihre Arbeit im Pfarrgemeinderat fortsetzen – genauso wie ihre Hobbys Keyboard spielen und malen. Das alles geht momentan allerdings noch nicht. Hände und Füße seien nach wie vor wie gelähmt.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Ich fahre täglich durch den Dortmunder Nordosten und besuche Menschen, die etwas Interessantes zu erzählen haben. Ich bin seit 1991 bei den RN. Vorher habe ich Publizistik, Germanistik und Politik studiert. Ich bin verheiratet und habe drei Töchter.
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Andreas Schröter