Die Ehrenamtlichen Schrauber arbeiten im Repair Café zusammen. © Sylva Witzig
Repair Café

„Die muss man erst zerstören, um sie zu reparieren“

So sieht gelebte Nachhaltigkeit aus: Im Repair Café in Wambel reparieren Ehrenamtler kostenlos Elektrogeräte, sie sonst im Müll landen würden. Manche Geräte bereiten dabei besondere Schwierigkeiten.

„Ein Grundig Receiver, wer will einen Grundig Receiver?“, ruft Pfarrer Jens Geisler aus. Mehrere Köpfe recken sich in die Höhe, begutachten das Gerät aus der Ferne. Was auf den ersten Blick wirkt wie eine Versteigerung, ist in Wirklichkeit eine ehrenamtliche Aktion. 15 engagierte Helfer reparieren hier Geräte, die sonst im Müll gelandet wären.

Einer von ihnen ist Peter – alle sprechen sich hier mit Vornamen an. Sein heutiger Fall: Ein altes Tonbandgerät, geschätzt 50 Jahre alt, das den Dienst verweigert. Die Besitzerin des Gerätes kam aus Lichtendorf nach Wambel, um das Repair Café einmal auszuprobieren. Das Tonbandgerät stand jahrelang auf dem Dachboden, Tonbänder sind auch noch vorhanden – doch an den Inhalt erinnert sich die Besitzerin nicht mehr. Damals hat das Markengerät etwa 2500 D-Mark gekostet. Eigentlich zu schade zum wegwerfen.

Altes Fett und poröse Gummis

Peter löst die vier Schräubchen, um das Gehäuse zu öffnen, wirft einen ersten Blick hinein. „Häufig ist das Fett in solchen Geräten einfach alt, die müssen nur geölt werden. Hier sehe ich aber direkt: der Antriebsriemen ist durch.“ Auch das komme häufiger vor, die Gummis werden über die Jahre porös. Doch auch mit einem neuen Riemen läuft das Gerät noch nicht wieder tadellos.

Alte Schätze wie dieses Tonbandgerät werden wieder fit gemacht.
Alte Schätze wie dieses Tonbandgerät werden wieder fit gemacht. © Sylva Witzig © Sylva Witzig

Währenddessen werden Kaffeemaschinen, Staubsauger und eine Bohrmaschine auf den anderen Tischen behandelt. Die Kollegen gehen immer wieder von Tisch zu Tisch, holen sich Ratschläge und leihen sich Werkzeuge aus. Die bringt nämlich jeder selbst mit. Vier bis fünf kleine Probleme können die Ehrenamtlichen in den drei Stunden lösen, manchmal sitzen sie aber auch lange an einem großen Problem – so wie dem Tonbandgerät, dessen Grund für die Dienstverweigerung noch ungeklärt ist.

Verklebte Handys: Erstmal zerstören, um sie reparieren zu können

„Am wenigsten Spaß machen mir Handys. Die sind heutzutage häufig zugeklebt, die muss man erst einmal zerstören, um sie reparieren zu können.“, erzählt der gelernte Radio- und Fernsehtechniker Peter. Mit seinem Engagement im Repair Café will er dazu beitragen, dass weniger Müll produziert wird. Die Wertschätzung für Geräte sei gesunken, vieles werde einfach entsorgt, statt wieder repariert. Daran seien aber zum Teil auch die Firmen Schuld, die die Reparaturen verkomplizieren oder Bauteile einbauen, die nach kurzer Zeit hinüber sind. „Apple hat beispielsweise eine Seriennummer und einen Chip am Display. Ersatzteile gibt es gar nicht zu kaufen. Wenn man ein Originalteil aus einem anderen Handy entnimmt, muss man erst einmal das neue Teil bei Apple registrieren lassen, sonst kommt eine Fehlermeldung und das Gerät funktioniert nicht.“

In Zusammenarbeit mit den Besitzern versuchen die Ehrenamtlichen die Geräte wieder ans laufen zu bringen.
In Zusammenarbeit mit den Besitzern versuchen die Ehrenamtlichen die Geräte wieder ans laufen zu bringen. © Sylva Witzig © Sylva Witzig

Erste Veranstaltung seit September

Rund 80 Prozent der Geräte, erzählt Initiatior Thomas Brandt vom Seniorenbüro Brackel, können jedoch im Repair Café gerettet werden. Gleichzeitig lernen die Besitzer etwas dazu und können möglicherweise beim nächsten Mal selbst Hand anlegen. Das Repair Cafe in Wambel gibt es bereits seit 2015, weitere Repair Cafés finden in Hörde, Dorstfeld, Nette und der Nordstadt statt. Das Projekt wurde 2010 in den Niederlanden ins Leben gerufen – inzwischen gibt es laut der Homepage 2148 registrierte Repair Cafés.

„Das Projekt ist von Anfang an ein voller Erfolg“, sagt Brandt. Seit September ist die Veranstaltung pandemiebedingt ausgefallen, am 23. Juli ging es open Air wieder los. Dafür wurden zehn Arbeitsplätze an Bierbänken mit Plexiglasscheiben ausgestattet. 20 Reparaturanfragen gab es.

Am häufigsten werden Kaffeemaschinen, Staubsauger und Nähmaschinen mitgebracht – grundsätzlich schauen sich die Ehrenamtlichen alles an, was ohne Hilfe mitgebracht werden kann (Fahrräder eingeschlossen).

Repair Café to go in der Pandemie-Pause

Während der pandemiebedingten Pause wurde ein „Repair Cafe to go“ eingerichtet. Dabei holten die Reparateure die defekten Geräte ab. Etwa 40 Menschen nahmen das Angebot in Anspruch. Nun können die Geräte wieder an den Terminen zum Jakobus Gemeindehaus in Wambel gebracht werden.

Das erste Repair Cafe des Jahres fand an der frischen Luft statt.
Das erste Repair Café des Jahres fand an der frischen Luft statt. © Sylva Witzig © Sylva Witzig

Schon am Montag, dem ersten Tag, an dem Anmeldungen für den ersten Termin nach der Corona-Pause möglich waren, waren alle Plätze belegt. Die Reparaturen sind kostenlos, lediglich ein kleines gelbes Spenden-Sparschwein wartet am Ausgang. Die Spenden-Einnahmen fließen für gewöhnlich in Ersatzteile, dieses Mal werden sie jedoch an die Flutopfer in Hagen gespendet.

Überkochende Milch ruiniert den Thermomix

Bohrmaschinengeräusche verraten: Die abgesoffene Bohrmaschine ist über den Berg, sie läuft wieder. Dafür bekommt der Reparateur anerkennende Worte von den Kollegen. Peter tüftelt indes weiter an dem alten Tonbandgerät und berichtet währenddessen von schwierigen Fällen – beispielsweise einem Thermomix, bei dem die Milch übergekocht war. Die Milch lief ins Getriebe, das Teil war nicht mehr zu retten.

Anders sieht es nun bei dem Tonbandgerät aus: „Der Hauptschalter hatte einen weg.“ Das Abspielgerät tut wieder seinen Dienst, spielt klassische Musik ab. Die Besitzerin kann nun mit einem guten Gefühl nach Hause gehen – und Peter wird am 13. August das nächste Gerät reparieren.

Die nächsten Termine an der Eichendorffstraße 31 (jeweils von 16 -19 Uhr)

  • 13. August
  • 10. September
  • 22. Oktober
  • 3. Dezember
  • Reparaturanfragen nehmen mit Beginn des jeweiligen Wochenstarts Pfarrer Jens Giesler (409233) und das Seniorenbüro Brackel (5029640). Wer Lust hat, ehrenamtlich mitzuarbeiten, kann sich ebenfalls beim Seniorenbüro melden.
Über die Autorin
Volontärin
Geboren in Hamm, dann ausgezogen in die weite Welt: Nach ausgiebigen Europa-Reisen bin ich in meine Heimat zurückgekehrt und berichte nun über alles, was die Menschen in der Gegend gerade bewegt.
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Sylva Witzig

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