Fast täglich steht Schuhmachermeisterin Walburga Rostalski an der Ausputzmaschine. © Irina Höfken
Traditions-Geschäft

Erst Krebs, jetzt Corona: Dortmunder Schuhmacherin kämpft um ihr Geschäft

Ihr halbes Leben hat Walburga Rostalski in ihr Schuhmachergeschäft gesteckt. Jetzt bedroht nicht nur Corona ihren Laden, sondern auch der Krebs ihr Leben. Ans Aufgeben denkt sie trotzdem nicht.

In dem kleinen Laden scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: Die Gerüche von Kleber und Leder wabern durch den Raum. Das Geschäft ist bis in die hinterste Ecke vollgestellt mit alten Nähmaschinen, Schuhpressen, Ledersohlen, Garnen und vielem mehr.

Hinter der Ladentheke steht Schuhmachermeisterin Walburga Rostalski. Seit rund 30 Jahren führt sie ihr Geschäft am Westheck 31 in Brackel: Schon ihr halbes Leben lang stemmt die 59-Jährige, zu deren Kunden auch schon Kubas Präsident Raul Castro gehörte, den Ein-Frau-Betrieb nahe der Brackeler Einkaufsstraße mit ganzem Herzen.

Dafür nimmt sie bis jetzt jede Hürde. Doch jetzt ist ihr Traditionsbetrieb in Gefahr.

Schuhmachermeisterin Walburga Rostalski hofft, bald wieder mehr Kunden in ihrem Laden begrüßen zu können.
Schuhmachermeisterin Walburga Rostalski hofft, bald wieder mehr Kunden in ihrem Laden begrüßen zu können. © Irina Höfken © Irina Höfken

Finanziell wird‘s knapp: 75 Prozent weniger Aufträge

„Im Oktober und November machen wir Schuhmacher normalerweise den größten Umsatz. Die Menschen steigen von ihren Sommer- auf die Winterschuhe um. Die einen werden fürs nächste Jahr wieder flott gemacht und bei den anderen wird‘s höchste Zeit für eine neue Besohlung, wenn jetzt die Feuchtigkeit durch die Sohle kriecht“, erklärt die Meisterin.

So sieht die Schuhpresse in Aktion aus.
So sieht die Schuhpresse in Aktion aus. © Irina Höfken © Irina Höfken

Normalerweise – denn obwohl der Laden wie auch beim letzten Corona-Lockdown im Frühjahr geöffnet ist, bleibt die Kundschaft aus. Bis zu 75 Prozent weniger Aufträge als im vergangenen Jahr habe sie zu beklagen. Finanziell wird‘s langsam knapp.

Auf Wunsch mache sie die Aufträge – zu denen neben Schuharbeiten auch Handtaschen-Reißverschlüsse oder Lederreparaturen gehören – auch schon für den nächsten Tag fertig. Zeit dafür habe sie ja jetzt. Sie lacht, trotz Krise. Nichts wünsche sie sich mehr als viele Kunden, und das, obwohl sie selbst zur Hochrisikogruppe gehört.

Trotz Krebs: Schließung ist unvorstellbar

Seit drei Jahren leidet Walburga Rostalski an Knochenmarkkrebs. Davon lässt sie sich aber nicht unterkriegen. Unterstützung bekommt sie von ihrer Lebensgefährtin und ihrer Schwester.

Trotz der Krankheit hat sie halbtags ihren Laden geöffnet. Selbst wenn sie im Krankenhaus ihre Chemo bekommt, wird sie von ihrer Schwester vertreten und die Kunden können kommen. Am nächsten Tag steht sie dann selbst wieder an der Ladentheke und nimmt die Aufträge entgegen.

Petra Bertram (r.) ist seit 25 Jahren Stammkundin und bleibt Schuhmacherin Walburga Rostalski (l.) auch in Corona-Zeiten treu.
Petra Bertram (r.) ist seit 25 Jahren Stammkundin und bleibt Schuhmacherin Walburga Rostalski (l.) auch in Corona-Zeiten treu. © Irina Höfken © Irina Höfken

Die Sorge um den Laden ist größer als die um sich selbst – Corona mache ihr keine Angst: „Die Kunden sollen bloß wieder kommen. Es macht mich nicht gesünder, wenn ich nicht weiß, wie es hier weitergeht.“ Ihr Geschäft möchte sie wegen der Corona-Krise nicht aufgeben müssen.

Dass das Handwerk des Schuhmachers ein aussterbendes sei, wisse sie, sagt Rostalski. Umso wichtiger sei es für sie, die Brackeler nicht im Stich zu lassen. Der Trend zum guten Schuh sei da – auch für junge Leute, sagt sie. Ihren Laden dicht zu machen, ist keine Option. Dann arbeite sie lieber noch mehr nebenbei im Laden einer Kollegin in Unna, um die Finanzen aufzubessern.

„Ich bin mit meinem Laden verwachsen“

„Ich bin mit Leib und Seele Schuhmacherin. Wenn ich so lange lebe, werde ich auch mit 75 noch hier stehen und Schuhe besohlen“, sagt sie. Nicht nur mit ihrem Beruf, auch mit ihrem traditionellen Laden sei sie verwachsen. Und das ist auch in jedem Zentimeter ihres Geschäfts zu spüren.

Über die Autorin
Volontärin
Ist am Niederrhein geboren und aufgewachsen. Hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert und lebt seitdem in ihrer Wahlheimat Bochum. Liebt das Ruhrgebiet und all seine spannenden Menschen und Geschichten.
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Irina Höfken

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