Den Firmennamen trägt nicht nur die Werkself in Leverkusen auf ihrem Trikot. © picture alliance/dpa
Fußball in Dortmund

Die Dortmunder „Werkself“ – hier wird Fußball für den Arbeitgeber gespielt

Nicht nur in Leverkusen - auch in Dortmund gibt es die „Werkself“. Aber verdienen die Kicker eigentlich für das Spielen zusätzlich Geld? Und wie wichtig sind dem Vorstand die Erfolge der Mannschaft?

Spötter nannten schon öfter im Dortmunder Amateurfußball Mannschaften, die von einem Großsponsoren abhängig sind, Betriebssportgemeinschaft (BSG). Eine echte BSG wagte tatsächlich 2012 den Sprung aus der Firmenfußball-Liga unter das Dach des Deutschen Fußball-Bundes.

Der FC BSG DSW 21/DEW21 hat aber gar nichts gemein mit hochgezüchteten Konzernklubs wie Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg oder PSV Eindhoven oder auch reichen Amateurvereinen, oft betitelt als Plastikvereine. An der Manteuffelstraße ist fast gar nichts aus Plastik, eher aus hellem Holz.

In diesem Ambiente begrüßt Platzwart, Vereinswirt, Spieler und vieles mehr, Thomas Frischmuth, diese Gäste. Die Fußballer der DSW21 und DEW21 haben es sich in ihrem Heim gemütlich gemacht. „Wir fühlen uns hier richtig wohl“, sagt der BSG-Verantwortliche, der schon viele Spieler kommen und gehen sehen hat. Und wer hier nach dem Spiel etwas feiert, muss auch nicht mit einem Eintrag in die Personalakte rechnen. Klaus Reketat, langjähriger Betriebsratsvorsitzender, Rentner und immer noch Organisator der BSG, schließt auch aus, dass schlechte Leistungen beim Mitarbeitergespräch zum Thema werden könnten. „Nein, das soll doch Spaß machen.

Im Gegenteil: Wer hier mitmacht, sammelt vielleicht sogar den einen oder anderen Pluspunkt“, erklärt er augenzwinkernd. Denn ein gewisses Interesse habe der Arbeitgeber durchaus an dieser Gemeinschaft: „In Vorstellungsgesprächen haben sie den möglichen Neuen schon öfter erklärt, dass sie es gerne sähen, wenn sich unsere Leute sportlich betätigen“, erklärt Reketat. Golf, Kegeln, Schach, Skat, Tennis und Tischtennis bieten DSW und DEW an. Wer sich anschließt, kommt auch schneller im Kollegenkreis an.

Der Trainingsplatz liegt praktisch vor dem Betrieb

Dass es am Montag nach den Spielen zum Dienstbeginn mal einen Spruch gibt, kann natürlich schon passieren. Thomas Frischmuth fängt bereits morgens um 6 Uhr an. Er ist im Auftrag eines weiteren Dortmunder Großunternehmens , der EDG, unterwegs. Seit die BSG zum offiziellen Verein wurde, dürfen auch Kollegen anderer Betriebe mitkicken. Frischmuth ist mittlerweile wegen Corona weniger gefordert. Bereitwillig aber erzählt er, was hier los sein kann, wenn die Dortmunder „Werkself“ spielt. Und dann präsentiert er auch das Zeugnis des bislang größten Erfolges: ein Foto vom Aufstieg in die B-Liga 2015. „Da sind manche Gesichter drauf, die vorher und nachher in gewöhnlichen Klubs gespielt haben“, sagt er. Der Großteil der Spieler ist noch immer sehr jung. „18 bis 28, wobei die meisten der 19 näher sind“, präzisiert er.

Thomas Frischmuth mit dem Foto der Aufstiegsmannschaft aus dem jahr 2015. © Nähle © Nähle

Mittlerweile wieder in der C-Liga angekommen, wollen sie hier, im Norden von Körne, mal wieder höher kicken. „Aber ganz ohne Geld“, versichert Reketat. Er, der mittlerweile über 70 Jahre alte Kämpfer für die Sache der Arbeitnehmer, sieht es hier ganz sportlich. „Vor 35 Jahren hatte unser Unternehmen, die Idee einer Betriebssportgemeinschaft gefördert. Sie wollten, dass wir Sport treiben. Und es fanden sich immer Kollegen, die auch das Gesellige lieber hier als im Verein erleben wollten.“ Der Platz ist ja quasi vor dem Betrieb.

„Aber etwas ist dann doch hier wie anderswo. Wenn die Erfolge stimmen, macht es mehr Spaß“, sagt Reketat. Die ehemalige Freizeitliga, heute IDFD DO Stadtliga, hat gerade noch sechs Teams. „Die schönen Zeiten dieser Liga sind vorbei. Wer wenigstens ein paar Ambitionen hat, muss sich eben dem DFB anschließen. Ein paar Mal im Jahr gegen immer die gleichen Gegner zu spielen, ist einfach zu langweilig“, pflichtet Frischmuth dem Chef-Organisator bei. Da es auch immer wieder Talente gibt, die Trainer Ufuk Tanyolu begrüßt, dürfen sie sich auch mal wieder Hoffnungen machen, den Triumph von 2015 zu wiederholen.

BSG will Spieler wegen des Zusammenhalts für sich begeistern

„Momentan sind wir Dritter. Da geht noch was. Dann wollen wir uns aber auch länger höher halten. Mit unserem engagierten Trainer glauben wir auch, dass wir Spieler wegen des Zusammenhalts für unseren eingetragenen Verein begeistern können“, sagen die beiden Gesichter der BSG. Mit Fußball verdienen die DSW/DEG-Kicker auch kein Geld. Wer hier spielt, sollte vom Geld aus dem Amateursport gar nicht abhängig sein. Das würde den Zweck einer dem Ausgleich dienenden BSG auch deutlich widersprechen. Wunderdinge können sie hier mit den nicht ganz so üppigen Zuwendungen des Konzerns also nicht schaffen. Dafür gibt es andere Attraktionen. „Es ist doch wirklich alles schön gepflegt.“

Reketat und Frischmuth sind mit ihrer eher an den traditionellen Fußball erinnernden Art so gar nicht das, was jemand von Fußballern, die das Logo eines Großkonzerns auf dem Trainingsanzug tragen, erwartet. Und es war auch noch keiner aus der Vorstandsetage hier, der den Durchmarsch in höhere glanzvolle Ligen unbedingt erwartet. An Logen und Nadelstreifenanzüge denkt nun wirklich überhaupt keiner. Sie lassen sie machen, so lange sie sich bewegen. Und das tun sie in dieser kleinen heilen Welt, diesem Refugium, um das herum die Ellenbogengesellschaft zu toben scheint.

Von der Arbeit direkt auf den Trainingsplatz

Frischmuth blickt aus dem hellen Vereinsheim: „Ja, normalerweise sieht der Platz anders aus. Wir walzen ihn, ich mähe ihn regelmäßig.“ Hier liegt noch Naturrasen, der wegen der Corona-Pause ungenutzt ist. Momentan wirkt er nicht ganz so eben. Daher auch die Erklärung von Thomas Frischmuth. Er erzählt das so glaubwürdig, dass jeder, der den Platz im Spielbetrieb noch nicht gesehen hat, sich diesen bestens in Wembley-Zustand vorstellen kann. Die Körner Klubs TuS und SV profitierten von der Gastfreundschaft der BSG, als sie ihre Plätze in Kunstrasen umbauen ließen. Umgekehrt dürfen die Betriebskicker auch auf den Sportplatz des TuS am Zippen. „Wir haben eine gute Nachbarschaft“, sagen beide.

Die aktuelle Mannschaft der BSG. © Verein © Verein

Aber in der Regel sind hier die zu Hause, die sich nach der Schicht schnell eben umziehen und dann loslegen – und das sind immerhin genug Männer, um auch eine 2. Mannschaft zu unterhalten. Über deren Bilanz hüllen sie besser den Mantel des Schweigens. Anstelle eines Mantels öffnet Frischmuth demonstrativ seine Arme und heißt in seiner Vorstellung schon kommende Gäste willkommen. „Und nach Corona kommen sie alle wieder gerne hierhin. Hier fühlen sich auch unsere Gäste wohl. Die BVB-Traditionsmannschaft war auch schon hier und hat nett gefeiert.“

Sollten die Borussen das Europapokal-Lied „Borussia Dortmund international“ hier an der Manteuffelstraße Lieder in geselliger Runde anstimmen, dann allerdings sollten sich die BSG-Kicker genau überlegen, ob sie mitsingen. „Erste Runde Krankenschein“, heißt es da. Später folgt: „Dann kommt die Kündigung, sch…egal!“ Sollte der Vorstand doch mal Lust auf ein Feierabendbierchen im schmucken Vereinsheim haben, könnten diese Zeilen dann vielleicht schon in der Personalakte landen.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Dortmunder Jung! Seit 1995 im Dortmunder Sport als Berichterstatter im Einsatz. Wo Bälle rollen oder fliegen, fühlt er sich wohl und entwickelt ein Mitteilungsbedürfnis. Wichtig ist ihm, dass Menschen diese Sportarten betreiben. Und die sind oft spannender als der Spielverlauf.
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Alexander Nähle

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