Meistens waren es Jugendmannschaften, die Christian P. anvertraut wurden. Oft bereuten die Vereine es wenig später (Symbolbild). © picture alliance / Thomas Eisenhuth
Fußball

Die Schamlosigkeit kennt keine Grenzen – wie Christian P. Jugendliche betrogen haben soll

Ein offenbar erfundenes Trainingslager kostet einen Amateurfußballverein wegen Christian P. viel Geld. Das Lügenkonstrukt umfasst sein gesamtes Leben. Ein Verein deckte es auf. Teil 1 von 4.

Immer wieder spürt man die Fassungslosigkeit. Fassungslosigkeit, auf ihn reingefallen zu sein. Gleichzeitig macht sich eine gewisse Ohnmacht breit. Schließlich hatte doch stets alles so gut angefangen, berichten die Vereinsverantwortlichen nicht frei von Scham.

Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind auf Christian P. hereingefallen. Christian P. heißt eigentlich anders, wir haben seinen Namen verändert. Über Jahre hinweg brachte er Vereine in zwei Regionen Deutschlands um Geld – vorzugsweise waren Jugendmannschaften das Ziel seiner heimtückischen Absichten. Das Muster blieb dabei stets das Gleiche.

Im Sommer 2019 wurde ein Teil des Verbreitungsgebiets dieser Zeitung zum Ziel P.s. Seine kriminelle Energie bekamen einige Amateursportvereine – fast immer sind es Fußball-Klubs – mit voller Wucht zu spüren. Um mindestens einen mittleren vierstelligen Betrag soll er Jugendliche, Eltern und Vereine in den vergangenen Jahren gebracht haben. Es ist eine vorsichtige Schätzung, vermutlich liegt der Betrag deutlich höher.

Gelogen hat P. dabei beinahe durchgehend. Er ist in dieser Hinsicht schamlos. Nur bei seinem eigenen Alter sagte er meistens die Wahrheit.

In einer Mittelstadt in Nordrhein-Westfalen schlug P. 2019 auf. Er bewarb sich mit einer immer gleichen Nachricht bei mindestens sechs Fußball- und zwei Handballvereinen der Stadt. Vereine, die andere Sportarten betreiben, wie Basket- oder Volleyballer hörten zumindest bis zum Frühsommer 2020 nichts von P. Zudem suchte er mittels einer Smartphone-App nach möglichen Trainertätigkeiten.

Christian P. „wollte höher hinaus“

Im Herbst 2019 ging der erste Verein P. in die Falle. Hier übernahm P. eine Fußball-Jugendmannschaft. Dabei war er keinesfalls frei von Ambitionen. „Er hatte Ahnung gehabt, das hat man gemerkt. Er wollte höher hinaus“, berichtet P.s Co-Trainer während dieser Station. Er und P. kannten sich vorher nicht.

Tatsächlich war P. sportlich nicht gänzlich erfolglos. Zudem brachte er sich ehrenamtlich bei besonderen Veranstaltungen ein, half auch schon mal hinter dem Grill aus. Doch das Lügenkonstrukt begann zu bröckeln. Nur kurze Zeit im Verein, bot P. seinen Jugendfußballern eine Art Trainingslager bei einem Fußball-Bundesligisten an. Solche Angebote gibt es natürlich in den verschiedensten Ausführungen. Nur das von P. versprochene existierte offenbar überhaupt nicht.

Trotzdem sammelte er dafür Geld von seinen eigentlichen Schützlingen ein. Als der Schwindel auffiel, kontaktierte auch sein ehemaliger Co-Trainer P. „Wo wir das herausgefunden haben, habe ich ihn persönlich angerufen und angeschrieben“, berichtet dieser. P. habe sich in Erklärungen geflüchtet, eine Agentur oder Börse hätte die Sache verschlampt.

„Wir wünschen ihm alles Gute, wollen ihn aber nie wieder sehen.“

Die Trennung folgte im Januar 2020. Der Verein beglich nach eigenen Angaben den finanziellen Schaden, der den Eltern der Jugendlichen entstanden war. Bis zum Ende der Zusammenarbeit hatte es P. nicht geschafft, die versprochene Trainer-B-Lizenz vorzulegen. Erst habe er eine E-Mail mit dem Nachweis versendet, die nie angekommen sei. Dann soll er sie in ein Büro gelegt haben, aus dem der Nachweis plötzlich verschwunden sei.

„Wir wünschen ihm alles Gute, wollen ihn aber nie wieder sehen“, sagt ein Vorstandmitglied. Selbst der Geburtsort, mit dem P. sich bei diesem Verein vorgestellt hat, war frei erfunden. Der Name tauche weder in den Geburtslisten noch im Einwohnermeldeverzeichnis auf, teilt die entsprechende Stadt auf Anfrage mit.

Es folgte eine zweite Bewerbungswelle im Frühjahr 2020. Obwohl Jugendtrainer stets schwierig zu finden sind, hatten einige Vereine schon das Interesse an P. verloren. „Sehr penetrant“ habe P. schon einige Zeit immer mal wieder nachgefragt, sagt der Geschäftsführer eines Vereins. Der Vorsitzende eines anderen, kleinen Vereins berichtete über drei Anfragen binnen 14 Tagen.

Das alles passierte innerhalb einer Stadt. Die Kommunikation der Vereine untereinander funktionierte zu diesem Zeitpunkt noch nicht gut genug, um P. zu entlarven. Anfang Juni stellte der nächste Fußballverein P. vor. Zum gleichen Zeitpunkt führte er Gespräche bezüglich eines möglichen Engagements im Jugendbereich eines wenige Kilometer entfernten Handballvereins.

Arbeit bei der Stadt frei erfunden

Nun wurde es endgültig eng für P. Er belog den Vorsitzenden der Handballer ohne jeden Skrupel. P. verkündete, dass er im Rathaus beschäftigt sei und es aufgrund entsprechend geregelter Arbeitszeiten immer pünktlich zum Training der C-Jugend schaffen würde, deren Trainerteam er verstärken sollte. Die dem Rathaus angeschlossene Pressestelle entgegnete auf Anfrage dieser Redaktion, P. sei nicht bei der Stadt beschäftigt „und war es unseres Wissens auch nicht“.

Auch bei seinem Familienstand verließ kaum ein wahres Wort die Lippen von Christian P. Er sei verheiratet und habe zwei Söhne, 14 und 18 Jahre alt. Offenbar sind alle drei Familienmitglieder aber frei erfunden. Dieser Redaktion liegen Fotos vor, die eindeutig gegen den Familienstand und Kinder sprechen. Nur einige Tage nach dem Gespräch mit dem Handballverein ging bei einem großen Immobilienmakler der Stadt eine Anfrage für eine Wohnung ein. In diese wollte P. einziehen – gemeinsam mit einer weiteren Person.

Zudem erklärte P., er habe in der Vergangenheit jahrelang bei einem großen Handballverein in Norddeutschland, der aktuell in der 3. Liga spielt, Jugendmannschaften trainiert. Erst vor etwa einem Jahr sei er in die Stadt gekommen. Bei einem Verein in dieser Größenordnung und jahrelanger Tätigkeit sollte sich per Internetsuche normalerweise zumindest ein einziger Beleg für P.s Engagement dort finden lassen. Doch trotz scheinbar gut gepflegter Website bleibt die Suche vollkommen erfolglos. Eine Anfrage ließ der Verein unbeantwortet.

Christian P. wechselt sogar den Vornamen

Während des Gesprächs mit dem Vorsitzenden der Handballer wechselte P. sogar zwei Mal seinen Vornamen. Dennoch sagte der Verein ihm zunächst eine Zusammenarbeit zu – zu positiv verlief das Gespräch auf menschlicher und fachlicher Basis. Die Widersprüche und Lügen deckte der Klub selbstständig per Recherche auf, ehe P. zum ersten Mal mit den Jugendlichen des Vereins in Kontakt trat. Den Verzicht auf die noch nicht begonnene Zusammenarbeit teilte ihm der Vorsitzende per Kurz-Nachricht mit – und P. drohte mit rechtlichen Schritten. Dem Training blieb er fern.

Der Handballverein informierte umgehend zumindest Teile der Vereinslandschaft der Stadt. Auch ein konkurrierender Handballverein hatte P. bereits zugesagt, sah nun aber von einer Beschäftigung ab. Seither scheint Christian P. in jener Stadt verbrannt.

Hier kommen Sie zu allen weiteren Teilen:

Teil 2: Nur ein Bruchteil der Vorfälle geschahen in NRW: Ex-Vereine beschuldigen Christian P.

Der zweite Teil behandelt P.s Betrugsfälle bei gleich mehreren Sportvereinen in Norddeutschland. Dort nahm sein Lügengebilde ein riesiges Ausmaß an. Um tausende Euro brachte er Vereine.

Teil 3: Die Masche Christian P.: Wie sich ein Lügner mit persönlichen Problemen in Vereine schleicht

Trotz massiver Betrugsvorwürfe fand Christian P. in zwei Regionen Deutschlands stets Vereine, die ihn beschäftigten – aber warum? Massive private Probleme könnten eine Rolle spielen.

Teil 4: Verbände erklären, wie sich Vereine vor Betrügern schützen können

Der Fall Christian P. zeigt, wie leicht sich das Ehrenamt für böswillige Zwecke missbrauchen lässt. Wie Vereine sich schützen können, erklären die betroffenen Landesverbände.

Über den Autor
freier Mitarbeiter
Amateursportler bewegen vielleicht weniger Menschen als die Profis, dafür aber umso intensiver. Sie schreiben die besseren Geschichten - vor allem im Ruhrgebiet. Diese zu erkennen und aufzuschreiben, darum arbeite ich seit 2017 für Lensing Media. Darüber hinaus Handballtrainer im Jugendbereich. Gebürtig aus Lünen.
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Timo Janisch

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