Ein Dortmunder Fußballer hat eine verrückte Karriere hinter sich. © Stephan Schuetze
Amateurfußball

Dortmunder Fußballer unterbricht für ein Kreisligaspiel seinen Kreta-Urlaub

Ein Dortmunder Amateurfußballer blickt auf seine verrückte Vergangenheit und ein ganz besonderes Aufstiegsspiel zurück - bei dem auch Wickedes Anil Konya eine Rolle gespielt hat.

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Diese Überschrift passt zum Status quo eines besonderen Fußballers, der sich nach zwei Kreuzbandrissen zurückgekämpft hat und mittlerweile Wohlfühloase mit Ehrgeiz kombiniert. Der Kapitän kann sich über mangelnde körperliche Zuwendung nicht beklagen. „Wenn ich nach Hause komme, drücken Mama und Papa mich. Wenn ich dann ein paar Meter zum Sportplatz gegangen bin, nehmen mich andere liebe Menschen in den Arm, meine zweite Familie.“ Und dann gibt es noch die völlig verrückte Aufstiegsgeschichte mit seiner Verlobten, einem Kreta-Urlaub und drei Toren…

Was hier fast nach einer Schnulze klingt, ist in der Tabelle erfolgreicher Fußball in Dorstfeld. Dustin Nehms (29) echtes Zuhause liegt also unmittelbar in der Nähe des Sportplatzes der Eintracht. Und dieser Klub steht ein Jahr nach dem Aufstieg in die Kreisliga A wieder weit oben. Nur der bislang ständig siegreiche VfL Hörde hat mehr Punkte als die Dorstfelder 16 aus sieben Spielen. „Wir hatten, seitdem ich da bin, immer einen Überflieger dabei, aber wir spielen auch in dieser Saison, um das für uns maximal mögliche herauszuholen“, schiebt Nehm ein, ehe er sich Zeit für die Wohlgefühle nimmt.

Ja, die Verletzungen waren hart. Nehm erinnert sich, nach dem zweiten Kreuzbandriss war er der Verzweiflung nahe: „Ich will ich nicht mehr quälen“, sagte er 2019, gerade aus der Narkose erwacht. Aber das Fußballerherz („ohne kann ich nicht leben“) schlug dann doch wieder und versorgte den Körper und Geist Nehms mit neuer Motivation.

Freunde waren der Grund für Dustin Nehms Wechsel

Ja, und ohne Fußball konnte er noch nie. Der Junge des Dortmunder Westens spielte während seiner Juniorenzeit für mehrere Klubs („Ich kriege das zeitlich gar nicht mehr hintereinander“), ehe er seine „erste wunderschöne Seniorenzeit“ erlebte. „Beim Dorstfelder SC spielte ich mit Supertypen.“ Der Offensivspieler nimmt schon einmal den sich am Ende der Geschichte schließenden Rahmen vorweg: „Viele der Jungs, richtig gute Freunde, waren später der Grund, zur Eintracht zu wechseln.“

Später sollte es wichtiger sein, mit alten Freunden zu kicken. Vor gut sieben Jahren war der junge Nehm offen für neue Freundschaften. „Ich ging zum VfL Kemminghausen, sogar auf Asche, was aus der Bezirksliga ein Rückschritt war. Aber das Projekt um Giovanni Schiattarella, den ich sehr schätze, und viele andere interessante Leute, reizte mich.“ Und aus dem vermeintlichen Rückschritt wurde ein Fortschritt. „Wir gingen in die Landesliga durch. Das war eine Wahnsinnszeit. Wir hatten eine Super-Mannschaft, hielten zusammen. Und wir erhielten Unterstützung von einem einzigartigen Publikum.“ Nur passierte Nehm sein erstes Unglück. Das Kreuzband riss 2014. Damals aber kam Nehm mit voller Wucht schnell zurück und erlebte alle VfL-Triumphe. „Wir hatten eine sehr gute medizinische Betreuung. Nach viereinhalb Monaten stand ich wieder auf dem Platz.“

2017 nach einer beruflichen Veränderung und einer kurzen Zeit in Düsseldorf zog es den Ur-Dortmunder zurück nach Hause, ganz nach Hause. Eben vor die Haustür, wo Daniel Otto, Michael Kotlewski oder Andreas Berning kickten, eingangs erwähnte Jungs vom DSC.

Dorstfeld steigt nicht auf – trotz 130 Toren auf dem Konto

„Ja, ich war wieder da und hatte meine Wohlfühloase vor der Haustür“, erklärt Nehm und schwärmt: „Natürlich war es toll, all die alten Kollegen wiederzusehen. Genauso wichtig: Ich treffe wunderbare Menschen, die helfen, die für uns da sind.“ Was noch fehlte, war der Erfolg. Das erste Ausrufezeichen von Türkspor Dortmunds rasanter Entwicklung und der zweite Rang der starken Hellweg-Mannschaft aus Lütgendortmund verhinderten, dass die Eintracht trotz 130 geschossener Tore nicht aufstieg. Nehm nähert sich seinem Higlight, das er sich bis ziemlich zum Ende aufheben wollte. Davor stand eine weitere Spielzeit, in der sich die Angreifer Michael Kotlewski (31 Tore) und er (29) nicht lumpen ließen. Insgesamt wurden es 115 Tore. Die Angriffsmaschinerie mit den alten Dorstfeldern hatte es in die Relegation geschafft.

„Was dann passierte, vergesse ich nie.“ Es war ein Mittwoch, Nehm weilte mit seiner Herzensdame, die heute seine Verlobte ist, auf Kreta. Und die Eintracht startete ein Wahnsinns-Unternehmen. An diesem 5. Juni 2019 organisierte sein Verein mittags den Transport vom Hotel zum Flughafen. Gelandet in Düsseldorf, brachten Eintracht-Freunde ihn zum Sportplatz am Grävingholz, wo um 19 Uhr das Relegationsspiel gegen den SV Körne anstand. Nehm schaffte es pünktlich.

Der Dorstfelder SC feierte 2017 seinen Aufstieg. © Stephan Schuetze © Stephan Schuetze

Und 23 Minuten nach dem Anpfiff ahnten alle, dass sich die Rückholaktion lohnen sollte. Der Urlauber brachte Dorstfeld in Front. Das Spiel mit dem Endststand 4:3 war an sich schon wegen ständig wechselnder Führungen ziemlich verrückt. Eine besondere Note erhielt es dadurch, dass der Kreta-Urlauber offenbar so ausgeruht war und in der hektischen Verlängerung die Ruhe behielt und zum 3:2 und 4:3 traf. Damit nicht genug: Nach einer ganz kurzen Feiereinheit saß der Dreifach-Schütze wieder im Auto. Mit dem Nachtflug ging es zurück nach Kreta. „Und morgens saß ich am Frühstückstisch, an dem ich ein Tag zuvor noch B-Ligist war und jetzt ein Aufsteiger.“

Dustin Nehm reißt sich das Kreuzband erneut

Die nächste Pointe sollte folgen: „Ich ließ mir gerade ein Ei zubereiten, da winkte Wickedes Anil Konya durchs Fenster. Mit seinem Bruder Emre, einem Super-Typen, hatte ich ja in Kemminghausen zusammengespielt. Hast du es geschafft, rief er. Das war Zufall, dass Anil in unserem Hotel war. Wir haben uns dann gemeinsam gefreut.“

Um die Geschichte zu Ende zu erzählen: Nehm folgte dem Ruf eines Arbeitskollegen, der Sportlicher Leiter beim TuS Niederaden ist. Das Team wollte in die A-Liga aufsteigen und Nehm fühlte sich seinem Kollegen verpflichtet. Hier passierte es aber, dass ein gegnerischer Torwart ihm ins Knie getreten habe, der zweite Kreuzbandriss. Es folgten die erwähnten großen Schmerzen, das Knie musste vor dem Transport gerichtet werden, und die Zweifel, ob sein geliebter Fußball so noch Sinn für ihn ergebe. „Eine kleine Anekdote habe ich noch“, schaltet Nehm um, denn diese Geschichte soll eine positive sein: „Ich ging zur Reha am Rombergpark. Und wen traf ich da? Jörg Tendahl, der mein Physio in Kemminghausen war und mein Knie kannte.“

Gemeinsam schufteten Tendahl und er am Comeback. Das sollte nun wieder in Dorstfeld erfolgen, da Nehm Wort hielt und sofort nach dem Gefallen für Niederaden zurückkehrte. Anfangs hatte er noch Oberschenkelbeschwerden. „Für die Kreuzband-Op wurde da eine Sehne entfernt. Seit einiger Zeit aber geht es mir wieder gut. Und Corona beendete zunächst meine Hoffnungen auf weitere Erfolge mit Dorstfeld.“ Da Nehm so schön erzählt, kommt dann aber doch ein echtes Happy End: „Natürlich wäre es schön, wenn ich mit der Eintracht oben bleibe. Und dann nehmen wir, wie es kommt. Auf alle Fälle bin ich zu Hause, wo ich jetzt auch bleiben möchte.“

Der Begriff Eintracht begleitet ihn aber auch privat dahin, wo er ein paar Schritte entfernt wohnt: „2021 werde ich heiraten.“ Ob die Glückliche dann wieder duldet, dass ihr frischgebackener Ehemann die Flitterwochen für ein Fußballspiel unterbricht, erzählt er uns dann im nächsten Jahr.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Dortmunder Jung! Seit 1995 im Dortmunder Sport als Berichterstatter im Einsatz. Wo Bälle rollen oder fliegen, fühlt er sich wohl und entwickelt ein Mitteilungsbedürfnis. Wichtig ist ihm, dass Menschen diese Sportarten betreiben. Und die sind oft spannender als der Spielverlauf.
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Alexander Nähle

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