In Dortmund haben rund 100 Menschen für eine Änderung des Transsexuellengesetzes demonstriert. © dpa
Fußball

Homosexualität im Fußball: Bei einem Dortmunder Verein ist das Thema wunderbar normal

Solidaritätsbekundungen für homosexuelle Fußballer schwappen aktuell durch die Fußballszene. Bei einem Dortmunder Team besitzt das Thema den Status, den es verdient - es ist Normalität.

Lawinen im herkömmlichen Sinne, die destruktiven also, sind nun wirklich nicht begrüßenswert. Doch jene im übertragenen Sinne können ein ums andere Mal Gutes bewirken – so eine hofft die „11-Freunde“-Redaktion vor Kurzem in Gang gesetzt zu haben. Mit einem Tweet respektive einem Magazin-Cover, das mit außergewöhnlicher Ausdrucksstärke besticht.

„IHR KÖNNT AUF UNS ZÄHLEN!“ – wohlgemerkt in jenen dicken, großen Lettern – steht auf Plakaten, die von Fußballprofis in der Hand gehalten werden. Eine Botschaft, so simpel wie klar, an homosexuelle Fußballprofis. „Über 800 Spielerinnen und Spieler der deutschen Profiligen“ stärkten jenen den Rücken, twitterte „11-Freunde“-Chefredakteur Philipp Köster kürzlich in die Welt.

Warum dies nötig ist, erklären die Fußballerinnen und Fußballer in einer Erklärung höchstselbst: „Auch im Jahr 2021 gibt es keinen einzigen offenen homosexuellen Fußballer in den deutschen Profiligen der Männer. Die Angst, nach einem Coming-out angefeindet und ausgegrenzt zu werden, ist offenbar immer noch so groß, dass schwule Fußballer glauben, ihre Sexualität verstecken zu müssen.“

SV Berghofen ist Maßstab: „Das ist doch völlig normal“

Für sie soll die von „11 Freunde“ erwirkte Aktion ein Zeichen sein – und Ermutigung, die eigene Liebe offen zu zeigen, wenn sie es denn mögen. Union Berlins Angreifer und Ex-Nationalspieler Max Kruse lässt sich mit den Worten zitieren: „Wenn sich einer meiner Kollegen outen würde, würde ich ihn vor den Idioten draußen schützen.“ Vor den „Idioten“, die homophob sind oder sich homophob äußern.

In den Augen von Jörg Renneke, 1. Stellvertreter des Hauptvorstands vom SV Berghofen, ist dies „eine gute Aktion“. Er habe davon in der Zeitung gelesen – und könne der Botschaft nur zustimmen. Innerhalb seines Vereins wird mit Homosexualität so normal umgegangen, wie es selbstverständlich sein sollte. Spielerinnen der Zweitliga-Mannschaft Berghofens bekennen sich ganz offen zur ihrer Homosexualität.

Und Renneke erzählt: „Für uns ist das überhaupt kein Thema, es ist doch völlig normal. Wir stehen dem natürlich sehr positiv gegenüber.“ Warum dies im Bereich der Frauen scheinbar unkomplizierter ist als bei den Männern, dafür hat er hingegen keine Erklärung, sagt stattdessen: „Ich würde die ganze Thematik nicht nur auf den Fußball beziehen – in anderen Sportarten ist doch ein ähnliches Bild zu beobachten.“

Seine Frau, erzählt Renneke dann, habe dereinst Handball bei der Borussia gespielt. „Dort gab es auch ein paar Spielerinnen, die ihre Homosexualität nicht versteckt haben. Im Männer-Bereich sind wir noch nicht so weit. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass der Sport, über den wir reden, eine so lange Tradition hat.“ Und die dortigen Strukturen in all den Jahren reichlich verkrustet sind.

Berghofens Torhüterin: „Toll, dass viele Stimme erheben“

Juliane Bauch, Torhüterin in Berghofen, zielt mit ihrem Erklärungsansatz auf einen anderen Aspekt. „Der Fußball“, sagt sie, „wird ja mit Kampf assoziiert“. Und mancherorts bestehe noch immer die Denke, „dass homosexuelle Männer dazu nicht in der Lage wären. Sie sehen viele Menschen eher in anderen Sportarten.“ Nicht im Fußball, dem zumindest ab und an harten Kontaktsport.

„Das ist natürlich völliger Bullshit“, betont Bauch, die außerdem annimmt, „dass bei vielen Männern immer noch große Berührungsängste bezüglich dieses Themas bestehen“. Vielleicht, so lautet ihre Hoffnung, könne die 11-Freunde-Aktion die Hemmschwelle „ein wenig senken, das wäre toll“. In jedem Fall sei es eine „tolle Sache, dass jetzt so viele ihre Stimme erheben“.

Vor allem Max Kruses Zitat habe ihr gefallen, meint Bauch. „Er sagt ja sinngemäß: Ich stärke euch den Rücken, bin für euch da, wenn euch irgendwer dumm kommt.“ Das, so Bauch, sei „richtig wichtig“. Sie selbst scheint derweil rundum zufrieden zu sein, ihre Homosexualität nicht im Verborgenen gelassen zu haben. „Insgesamt habe ich damit fast durchweg gute Erfahrungen gemacht.“

Sicherlich gebe es mal den einen oder anderen Halbstarken, der das Verlangen spüre, ihr und ihrer Freundin „einen Spruch zu drücken, aber das ist die große Ausnahme. Und das nehme ich mir nicht zu Herzen. Idioten gibt es immer“, so Bauch. „Beim SV Berghofen haben wir einige homosexuelle Spielerinnen und allein drei Paare, die in der Mannschaft spielen. Wir gehen damit ganz offen um.“

Berghofens Botschaft: „Ihr könnt auf uns zählen!“

Dass es kaum Vorbilder im Männerfußball gibt, findet sie „problematisch, vielleicht fühlen sich bald aber auch Spieler dazu ermutigt. Das wäre schön und wünschenswert.“ In Berghofen herrsche darüber Einigkeit. Kürzlich wurde im Namen des Vereins deshalb ein Instagram-Beitrag entsendet. Darauf zu sehen: eine Regenbogenflagge. Und der Ausruf: „Ihr könnt auf uns zählen!“

Über den Autor
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Schreibt seit 2015. Arbeitet seit 2018 für die Ruhr Nachrichten und ist da vor allem in der Sportredaktion und rund um den BVB unterwegs.
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Leon Elspaß

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