Enrico Maaßen (l.) zusammen mit Niko Kovac. © picture alliance/dpa
Fußball-Regionalliga

Kann der BVB II den Weg der Zweitvertretung von Bayern München gehen?

Die Euphorie rund um die U23 von Borussia Dortmund ist verhältnismäßig groß. Der Grund: Enrico Maaßen. Aber was ist möglich mit dem neuen Trainer? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Dass die Borussia den ambitionierten und bislang stets erfolgreichen Enrico Maaßen als Trainer verpflichten konnte, wurde in den vergangenen Tagen einhellig positiv kommentiert – und zuweilen gar als Angriff auf den Drittliga-Aufstieg gewertet. Die Ruhr Nachrichten klären die wichtigsten Fragen.

Was ist von Enrico Maaßen zu erwarten?
Dass der 36-Jährige, wie Nachwuchskoordinator Lars Ricken in einer Pressemitteilung verlauten ließ, die vereinsinterne „Wunschlösung“ sei, ist in diesem Fall nicht als Höflichkeitsfloskel zu verstehen. In der Tat bemühte sich BVB-II-Manager Ingo Preuß nach dem beschlossenen Aus von Michael Skibbe zügig um Maaßen. Letztlich, so hört man, habe er sich gegen einen weiteren ernsthaften Anwärter durchgesetzt. Bei der Borussia sind sie äußerst zufrieden mit ihrer Wahl.

Wer mit alten Weggefährten von Maaßen spricht, vernimmt vor allem zweierlei: Erstens sei seine Art der Kommunikation und die damit einhergehende Vermittlungskompetenz ausdrücklich zu loben, zweitens sei dieser Trainer taktisch äußerst variabel. Diese Fähigkeiten scheinen auch den BVB überzeugt zu haben, zumindest hebt Preuß auf Nachfrage Maaßens „Menschenführung“ und „seine Trainingsinhalte“ hervor.

„Enrico ist Flexibilität sehr wichtig“, erklärt der sportliche Leiter. „Da geht es nicht nur um Grundformationen, die man an die Tafel schreibt. Sondern um das Verhalten mit und ohne Ball. Das sind Kleinigkeiten, die uns überzeugt haben.“ Maaßen höchstselbst betont, stets „ganzheitlich“ denken und arbeiten zu wollen. Für die Konzeption eines Matchplans bedeutet das: „Wo liegen die Stärken der eigenen Mannschaft? Was bietet uns der Gegner an?“

Während seiner vorherigen Stationen – beim SV Drochtersen und dem SV Rödinghausen – ließ Maaßen sowohl Konter- als auch Ballbesitzfußball spielen, variierte zwischen Dreier- und Viererabwehrkette. Maaßen ist kein Fundamentalist, der ein von ihm bevorzugtes System in Beton gießt. Vielmehr wechselt er immer wieder situationsbedingt. Dass die verschiedenen Anordnungen intensiv auf dem Trainingsplatz gepaukt werden, ist die unumgängliche Voraussetzung dafür.

Der neue U23-Frontmann verlangt von seiner Belegschaft, dass sie diese Feinheiten erlernen will – und final zwei, drei unterschiedliche Systeme spielen kann. „Das ist im Training manchmal anstrengend“, sagt Rödinghausens Kapitän Daniel Flottmann, der zwei Jahre mit Maaßen zusammengearbeitet hat. „Aber es bringt die Mannschaft weiter, ganz klar.“

Welchen Kader wird Enrico Maaßen zur Verfügung haben?

Das Dortmunder Aufgebot verändert sich wie in jedem Sommer recht großflächig. Damit muss der kürzlich eingestellte Coach umgehen. Er wird sich seine Mannschaftsachse neu zusammenstellen müssen, wenngleich diesmal wohl nicht allzu viele Leistungsträger abspringen werden.

Dass Kapitän und Angreifer Joseph Boyamba – zuletzt mit zehn Tore und drei Vorlagen in 25 Spielen der dritterfolgreichste Scorer beim BVB – geht, ist der sportlich schmerzhafteste Verlust. Darüber hinaus wird es weitere Abgänge geben: Torwart Eric Oelschlägel, Angreifer Gianluca Rizzo und Mittelfeldspieler Steve Tunga verlassen höchstwahrscheinlich den Verein; Arif Et (I.G. Bönen) und Jonas Hupe (Bonner SC), beide eher Mitläufer denn Fixpunkt, sind bereits in festen Händen. Final wird die Borussia wohl mindestens elf Spieler ziehen lassen.

Zwei externe Zugänge sind bisher offiziell vermeldet: Erstens Moritz Broschinski von Energie Cottbus (Angreifer, 19 Jahre), zweitens Aday Ercan vom SC Wiedenbrück (zentrales Mittelfeld, 19), weitere werden folgen. Aus dem Verletztenstand stößt außerdem Außenverteidiger Haymenn Bah-Traore hinzu. Vom 22-Jährigen, den sein Körper allzu häufig gebremst hat, halten sie in Dortmund nach wie vor einiges. Im wieder angelaufenen Mannschaftstraining mischt er bereits mit.

Sein künftiger Chef Maaßen glaubt, zu Saisonbeginn „einen richtig starken Kader“ zur Verfügung zu haben. Bis dahin müssen noch ein paar Entscheidungen getroffen werden. Laut eigener Angabe ist Manager Preuß mit seinen Justierungen für die kommende Regionalliga-Spielzeit bereits weit fortgeschritten. Vertragsschließungen sind wegen der aktuellen Corona-Lage allerdings komplizierter als üblich.

Nach der recht kurzfristigen Einstellung von Maaßen wird Dortmunds Kaderplaner seine Ideen nicht verwerfen. „Ein paar Anpassungen, die noch geplant waren, werden wir gemeinsam tätigen“, so Preuß. „Vielleicht kommt jetzt noch ein Spieler hinzu, den ich zuvor nicht auf der Liste hatte“, sagt er. „Am Ende werden wir aber maximal 22 Feldspieler haben, mehr nicht. Alles andere wäre zu viel, weil ja auch sehr wahrscheinlich wieder Spieler von oben kommen werden.“ Aus der Profi-Abteilung der Borussia.

Wo kann es mit der Mannschaft hingehen?

Wer davon spricht, der BVB würde mit Enrico Maaßen als Leiter des schwarzgelben Kollegiums nun offensiv in Richtung Drittliga-Aufstieg drängen, schießt wohl zu scharf. Zwar hat Maaßen in Rödinghausen eindrucksvoll bewiesen, aus einer guten Mannschaft ein Top-Team bilden zu können. Allerdings: Die Gegebenheiten bei diesem Arbeitgeber unterscheiden sich komplett von denen in Dortmund. Sie begünstigten den eingeschlagenen Erfolgsweg. Sollte Maaßen die Borussia zu einer ebenso stabilen wie siegreichen Mannschaft formen können, wäre das die größere Überraschung.

Ursächlich dafür sind verschiedene Faktoren: Der BVB II ist eine Ausbildungstruppe. Die herausragenden Talente der U17 oder U19 wechseln entweder sogleich in die Bundesliga-Mannschaft der Borussia. Oder sie suchen ihr Glück bei einem anderen Profi-Verein. In der Regionalliga-Mannschaft befinden sich Spieler, die es über den ersten Bildungsweg nicht in den Spitzenfußball geschafft haben. Maaßen wird einen Kader anführen, der über durchschnittlich wenig Erfahrung verfügt. Im Kreise dieser Gruppe gehen einige Akteure ihre ersten Schritte im Seniorenfußball.

Nur logisch sind da mangelnde Cleverness und Leistungsschwankungen. Die in der Vergangenheit oftmals merklich fehlende Stabilität ist zudem damit zu erklären, dass quasi allwöchentlich rotiert wurde. Bisweilen wegen Verletzungen oder Sperren, häufiger nach Anweisung aus dem Profi-Bereich.

Natürlich ist es die Aufgabe einer Zweitvertretung, Spielern aus dem obersten Kader Spielpraxis zu verschaffen. Natürlich freut es die bei der Dortmunder U23 angestellten Mitarbeiter, wenn der Bundesliga-Belegschaft damit ein guter Dienst erwiesen werden kann. Und es wird auch womöglich dem einen oder anderen U23-Spieler in seiner Entwicklung helfen, wenn er von Profis wie Mateu Morey oder Leonardo Balerdi aus nächster Nähe lernen darf.

Außer Frage steht allerdings, dass sich eine Mannschaft nur schwerlich austarieren und perfekt abstimmen kann, wenn andauernd die Besetzung verändert wird. Für den vielgelobten Maaßen ist das eine neue Herausforderung. Abzuwarten bleibt, wie er damit umgeht.

Ihn als entscheidendes Puzzleteil für eine triumphale Saison 2020/2021 zu bezeichnen, scheint jedenfalls übertrieben. Einerseits wird es den zuvor angestellten U23-Trainern nicht gerecht. Andererseits bleibt damit außer Acht, dass für eine erfolgreiche Regionalliga-Kampagne dann doch deutlich mehr erforderlich ist als ein guter Tutor.

Neben der sportlichen Qualität des Rasenpersonals sind Anpassungsfähigkeit und Durchhaltevermögen ganz elementare Eigenschaften. Hapert es daran, kann sich ein U23-Übungsleiter am Spielfeldrand auch schnell wie bei Rubiks magischem Würfel fühlen: Er dreht und dreht, doch nichts fügt sich dauerhaft so zusammen, wie es eigentlich soll.

Kann der BVB II den Weg der Zweitvertretung von Bayern München gehen?

U23-Manager Preuß hat es schon einmal geschafft. 2012 gelang ihm mit dem BVB II der Aufstieg in die 3. Liga. Dort durfte sich die Borussia drei Spielzeiten messen, ehe sie erneut in die Regionalliga verwiesen wurde. Seitdem hat Preuß den Wunsch, dass sich die von ihm zusammengestellte Auswahl noch einmal die Qualifikation für Deutschlands dritthöchste Spielklasse sichert.

Aktuell ist in dieser Liga nur eine Bundesliga-Zweitvertretung aktiv: die des FC Bayern München. Angeführt von Trainer Sebastian Hoeneß befindet sie sich in der diesmal sehr breiten Spitzengruppe, spielt eine hervorragende Saison – und dient damit als strahlendes Positiv-Beispiel.

Auf die Frage, ob es realistisch sei, dass aus seiner Dortmunder U23 nach der Maaßen-Verpflichtung ein Top-Team wie Rödinghausen entstehen könne, antwortet Preuß denn auch: „Mir wäre es lieber, die Mannschaft würde sich entwickeln wie Bayern München II.“ Eine starke Einheit hat sich dort nunmehr herausgebildet, bestehend aus ein paar erfahrenen Kräften und vielen hochbegabten, gierigen Jungspunden, für die es höchst interessant ist, in Liga drei erste Profi-Kenntnisse zu sammeln.

Der Sprung in diese Konkurrenz war dabei keinesfalls unkompliziert. Die sportliche Zulassung für die 3. Liga erhielten die kleinen Bayern 2019, waren zuvor siebenfach gescheitert, entweder in der Relegation oder in der Regionalliga, obschon die Qualität in Bayern nicht derart hoch ist wie im Westen.

Um den selben Weg wie der FCB einzuschlagen – hinein in die attraktive wie fordernde 3. Liga -, bräuchte die Borussia also eine Saison, in der im wahren Wortsinn alles passt. 2016/2017 absolvierte der BVB zumindest eine sehr gute Spielzeit. Die Mannschaft vom damaligen Trainer Daniel Farke kam auf Rang zwei ins Ziel, besaß seinerzeit ein funktionierendes Grundgerüst und stabile Leistungsträger. Seit jene den Klub gewechselt haben, versucht Preuß Jahr für Jahr, ein solches Gebilde erneut zu erbauen. Allein: Es ist ein Kraftakt mit stets denkbar offenem Ende.

Daran kann auch Maaßen nichts ändern. Der neue Coach habe zwar sehr gute Ideen, sagt Preuß. Ob die allerdings so umgesetzt würden wie gewünscht, bremst er, „weiß man natürlich nicht.“

Über den Autor
Volontär
Schreibt seit 2015. Arbeitet seit 2018 für die Ruhr Nachrichten und ist da vor allem in der Sportredaktion und rund um den BVB unterwegs.
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Leon Elspaß

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