Eine Kreisliga-Weihnachtsgeschichte. © R. Gino Santa Maria - stock.adob
Weihnachtsgeschichte

Marion, Josip und das heilige Bier – eine Kreisliga-Weihnachtsgeschichte

Ihr vermisst die Kreisliga-Vibes, wollt euch vor dem Fest aber auch schon mal in Weihnachtsstimmung versetzen? Christian Biehl von TuS Deusen III hat eine Kreisliga-taugliche Weihnachtsgeschichte aufgeschrieben.

Christian Biehl spielt in der dritten Mannschaft von TuS Deusen Fußball. Für uns, für euch, für alle hat er die Geschichte eines Kreisliga-Weihnachtswunders aufgeschrieben. Inklusive Mittelkreis-Schiedsrichter, unfähigen Mitspielern und einem ordentlichen Kater. Weihnachtlicher wird‘s nicht.

Es war der 24. Dezember – zu einer Zeit, in der ein Lockdown lediglich im Vereinsheim denkbar war, wenn der Wirt um sieben Uhr morgens zu seinem normalen Job aufbrechen musste und die restlichen Alkoholleichen mit dem Besen nach draußen trieb.

In dieser Zeit traf sich eine Kreisliga-Mannschaft traditionell am Morgen des heiligen Abends zu einem letzten gemeinsamen Fußballspiel im Jahr gegen den großen Rivalen aus der nahegelegenen Großstadt.

Dumpf klopfte es an in der Halbzeit an die Tür des Stalls, in dem sich die Kreisliga-Mannschaft umziehen musste, weil die maroden Kabinen verschlossen waren. Draußen stand Marion, die Schwester des Trainers, mit ihrem Mann Josip. Die beiden hatten auf der Suche nach den Umkleiden an zahlreichen Türen geklingelt, wurden jedoch ein ums andere Mal an die nächste Tür verwiesen.

Unter dem langen Mantel von Marion zeichnete sich eine große Wölbung ab. Es ist die Halbzeit des traditionellen Heiligabendspiels. Die Köpfe der Kreisliga-Truppe hängen runter, doch bei diesem Anblick huscht ihnen ein Lächeln über das Gesicht.

Eine topfitte Truppe

Etwa zwei Stunden zuvor hatte das noch ganz anders ausgesehen. In den letzten zehn Jahren konnte diese Kreisliga-Mannschaft keines der Duelle für sich entscheiden. Trotzdem oder deshalb hoffte Trainer Rainer ,,Magath“ Mittermann eine bis in die Haarspitzen motivierte Truppe vorzufinden. Und so war er kurz sehr zufrieden, als er pünktlich um 9 Uhr am vereinbarten Treffpunkt erschien und eine perfekt vorbereitete und topfitte Mannschaft sah.

Direkt vor dieser saßen jedoch seine Spieler auf den kalten Stufen und litten an den Folgen eines spontanen Mannschaftsabends, der erst vor wenigen Stunden geendet hatte.

Während Lars der Libero noch immer seine liebe Not hatte, beide Augen auf ein Ziel zu fokussieren, kämpfte Dennis, der Kapitän und Lenker der Mannschaft, mit den Folgen eines nächtlichen Wegeunfalls, bei dem er zweiter Sieger gegen das Nudelholz seiner Frau war. Kevin, der einzige Akademiker im Team, lag unterdessen noch immer in der Schubkarre, mit der seine Mannschaftskollegen ihn hergebracht hatten.

Sie fuhren ihn, nach erfolglosem Rütteln an der Kabinentür in den nahegelegenen Stall eines Bauers, in dem sie sich umziehen durften. Die Mischung aus Restalkohol und Kuhdung in der Luft sorgte dafür, dass Mario, den alle aufgrund seiner atemberaubenden Geschwindigkeit nur Florian Kringe nannten, sich den Vorabend in einer ruhigen Ecke nochmals genau durch den Kopf gehen ließ.

Taktisch war der Stolperhaufen in bestem Zustand. Schon bei der Besprechung entbrannte eine wilde Diskussion, ob man heute mit einer offensiven Sechserkette und einer falschen Zehn als Absicherung auflaufen sollte oder eher in einer zum Tag passenden Tannenbaum-Formation mit vier Stürmern und drei Zehnern.

Während Mario ein zweites Mal in die Ecke des Stalls verschwand, kämpfte Nico mit seinem Trikot in Größe M. Die 1,60 Meter große Außenbahnrakete quetscht ihre 117 Kilo sonst in pinke Real Madrid Trikots und trägt diese stolz rund um die Mittellinie spazieren.

Schiri Kleinschmidt

Die heutigen schwarz-roten Oberteile passten seiner Meinung nach nicht zu seinen Schuhen, die aus seiner Sicht für diese Bedingungen eigentlich unabkömmlich waren. Missmutig griff das Laufwunder auf seine guten Lederschuhe aus der Jugend zurück. Dass diese dabei rund zwei Nummern zu klein waren, störte den Neymar-Fan dabei wenig.

Nachdem Trainer Mittermann den talentlosen Haufen mit Mühe und Not aus dem warmen Stall gescheucht hatte, holte der Schiedsrichter der Partie die Kapitäne beider Mannschaften zu sich und stammelte einige unverständliche Worte in Richtung der Beiden.

Ohne ein Aufwärmprogramm des Außenseiters pfiff der Unparteiische das Spiel an. Innerhalb der ersten Minute wurde aus der offensiven Sechserkette eine defensive Neunerkette auf Höhe der eigenen Strafraumgrenze.

Einzig Nico blieb mit dem Schiedsrichter an der Mittellinie stehen und unterhielt sich mit dem rüstigen Rentner über die überbezahlten Bundesliga-Millionäre. Sie einigten sich, dass diese auch nicht mehr laufen würden als sie beide, als Schiedsrichter Kleinschmidt aus dem Gespräch heraus plötzlich lautstark pfiff und eine Abseitsposition anzeigte. ,,Ich wollt mal gucken, ob die Pfeife noch geht“, flüstert er Nico zu und zeigt dem protestierenden Spieler der Gäste lächelnd die gelbe Karte.

Es war ein einseitiges Spiel, überwiegend in der Hälfte der Kreisliga-Mannschaft. Die einzige Ausnahme in den ersten 20 Minuten war ein Konter, der allerdings aufgrund von Luftknappheit beim Rechtsverteidiger Emre früh endete, als dieser den Ball mit einem gefühlvollen Pass dem Gegner übergab und dann kurz hinter der Mittellinie röchelnd und entkräftet liegen blieb.

Nico muss raus

Emres Gegenspieler war von diesem weihnachtlichen Geschenk allerdings so überrascht, dass er mit seinem Abschluss aus rund 20 Metern Platzwart Ede Koslowski hinter dem Tor an der Schläfe erwischte. Da der Medizinkoffer als Wertsachenbeutel diente, wurde der ausgeknockte Ede kurzerhand ins Vereinsheim befördert und dort seinem Schicksal überlassen.

Besser als der Gegner machte es dann Momo, von dem niemand wusste, wie er eigentlich wirklich hieß. Eine Flanke des Gegners wollte der Abwehrchef mit einem Seitfallzieher klären. Dabei standen ihm jedoch das eigene Talent und seine 120 Kilo im Weg, sodass er den Ball im Fallen mit dem Hintern ins eigene Tor schob. 1:0 für den favorisierten Gegner.

Nach 35 Minuten und einem halben Kilometer Laufleistung deutete Nico an, am Ende seiner Kräfte zu sein. Für ihn kam der Opa der Mannschaft ins Spiel. Mit seinen 64 Jahren nahm er die Erfindung des Abseits in Anspruch und beteuerte, den meisten Vätern der Spieler die Windeln gewechselt zu haben.

Dennoch lief er schon in den ersten fünf Minuten nach seiner Einwechslung mehr Meter als Nico in seiner Einsatzzeit, konnte allerdings aufgrund seiner schlechten Augen nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden und startete das Pressing auch gegen die eigene Offensive.

Kurz vor dem Halbzeitpfiff merkte dann Jonas an, der eigentlich auf der Sechs spielte aber meist im Sturmzentrum zu finden war, dass er in der Halbzeit weg müsse, um noch Weihnachtsgeschenke zu besorgen.

Ein göttliches Geschenk

Doch vorher nutzte sein eigentlicher Gegenspieler einen der zahlreichen Fehler aus und tanzte durch die Abwehr der Heimmannschaft wie sonst nur Rainer Calmund bei Let´s Dance um die Hüften von Jorge Gonzales. Das überfällige 2:0 war nach einem trockenen Schuss aus sieben Metern die Folge. Mit Mitleid in den Augen schickte der Schiedsrichter die Mannschaften nach 43. Minuten in die Pause und Jonas zum Geschenke-Kauf.

Für diesen suchte man – zurück im Stall, in den es auch in der Halbzeitpause ging – nach Alternativen. Da Nico am Ende seiner Kräfte war, überlegte man, zu zehnt weiterzuspielen. Doch in diesem Moment klopfte es an die Scheunentür. Draußen stand Marion, die Schwester des Trainers, mit ihrem Mann Josip.

Die beiden hatten auf der Suche nach den Umkleiden an zahlreichen Türen geklingelt, wurden jedoch ein ums andere Mal an die nächste Tür verwiesen. Unter dem langen Mantel von Marion zeichnete sich eine große Wölbung ab. Josip, der schon mit dem Tragen seiner Sporttasche überfordert war, hatte seiner Frau die Verantwortung für ein kleines Bierfass übertragen, welches sie nun unter ihrem Mantel hervorholte und in die Futterkrippe legte.

Beim Anblick des göttlichen Geschenks strahlten die Augen der meisten Spieler. Einzig Mario verschwand ein weiteres Mal in einer stillen abgelegenen Ecke und ließ seiner Freude freien Lauf.

Josip, der dieses kleine Ding in der Krippe bei einem Sieg in Aussicht stellte, zog sich umgehend seine alten schwarzen Fußballschuhe an und kämpfte die nächsten fünf Minuten mit dem linken Ärmel seines Trikots, bis er merkte, dass sein rechter Arm in der Kopföffnung des Trikots steckte.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit fing es leicht zu schneien an. Der Schiedsrichter hatte es deshalb in der Pause vorgezogen zusammen mit Platzwart Koslowski die Getränkekarte des Vereinsheims anzutesten. Auf Seiten der Kreisliga-Mannschaft entfachte die Siegermotivation in Form eines frischen Hopfensmoothis ungeahnte Kräfte.

Neue Abseitsregeln

Völlig überraschend begann die Truppe um Torhüter Ralle Döhring, der auch während des Spiels seine Zigarette zwischen den Mundwinkeln ließ, den Ball über mehrere Stationen laufen zu lassen. Erst nach dem siebten Pass spielte Lars den Ball unbedrängt ins Aus. Trainer Mittermann war begeistert von so viel spielerischer Klasse.

Schon in der 50. Minute zeigte man sich das erste Mal in der gegnerischen Hälfte. Jedoch nur um den Ball gegen den übermächtigen Gegner zu verlieren und in den nächsten Konter zu laufen. Glücklicherweise war der Big City Club auch nicht von Fehlern befreit und lief in eine für Schiedsrichter Kleinschmidt von der Mittellinie gut zu sehenden Abseitsposition.

Den Protest, dass es kein Abseits in der eigenen Hälfte gebe, ließ der Unparteiische nicht zu und zückte die nächste Karte wegen Meckerns.

Einige Minuten später zeigte Neuzugang Josip seine ganze Klasse. Mit so viel Kreativität wie sonst nur die AfD bei der Auslegung der Wahrheit vernaschte er seine Gegenspieler und spielte von der Grundlinie einen Ball in den Rücken der gegnerischen Abwehr.

Dort stand der einschussbereite Mario, konnte sich jedoch nicht entscheiden, welcher der drei Bälle, die er sah, nun der zu verwertende war und trat ein Luftloch. Der hinter ihm positionierte Opa nutzte seine gesamte Erfahrung und die Verwirrung auf beiden Seiten um den Ball gekonnt über die Linie zum 1:2 Anschlusstreffer zu stolpern. Dabei zog er sich eine Zerrung in beiden Muskeln seines Körpers zu, zeigte aber schnell an, weiterspielen zu können.

Es entwickelte sich eine offene Partie mit Chancen auf beiden Seiten. Mal war es Dennis, der den Ball aus sieben Metern mit einem seiner beiden schwächeren Füße knapp über den Zaun in die benachbarte Kleingartenanlage zirkelte und mal auf Seiten der Gäste eine eins gegen eins Situation, die von Ralle in bester Tim-Wiese-Manier sportlich fair geklärt wurde.

Opa regelt das

Nachdem er seinen Gegner im Anschluss an die vereitelte Großchance am Kragen seines Trikots freundschaftlich vom Boden hochzog, signalisierte er dem Trainer der Gäste, dass der verletzte Angreifer nun bereit für einen Wechsel wäre.

In der 76. Minute war es dann erneut Josip, den hier nach dem 1:2 alle nur noch den Messias nannten, der einen Ball über die Abwehr in die Füße von Kevin spielte. Dieser war jedoch ähnlich überfordert mit dem Ball wie Rudi Völler mit freundlichen Worten und schoss den Torhüter an.

Der Abpraller landete beim Opa des Teams, der gerade in Gedanken unter seiner Rheumadecke lag und sich alte schwarz-weiß Filme anschaute. Völlig überrascht von diesem Geschenk sortierte er kurz seine müden Knochen und traf dann mit einem satten Schuss zum 2:2-Ausgleich in die obere linke Ecke des Tores.

Auf Seiten der haushohen Favoriten begann man nun eine gewisse Unsicherheit zu bemerken. Doch als Nico in der 84. Minute für den völlig entkräfteten Mario erneut eingewechselt wurde, zeigte sich der Gegner deutlich zuversichtlicher. In den letzten Minuten begann die letzte große Drangphase des Favoriten.

Die Heimmannschaft wollte dagegen das Unentschieden nur noch über die Zeit bringen und so dauerte selbst ein Einwurf eine gute Minute. Das lag allerdings eher am Unvermögen der eigenen Spieler, als an bewusstem Zeitspiel. Dennoch unterbrach der Schiedsrichter das Spiel, um einem der meckernden gegnerischen Spieler zum zweiten Mal die gelbe Karte zu zeigen.

Dank seiner unleserlichen Notizen kam der Schiri, der sicherlich auch als Klaus-Kinski-Imitator nicht schlecht verdient hätte, jedoch ohne Platzverweis davon. Gleichzeitig zeigte der Unparteiische die Nachspielzeit von zwei Minuten an.

Weihnachtswunder-Feier

In der 96. Minute, Ede Koslowski hatte in der Halbzeit anscheinend ganze Arbeit geleistet, wollte Kleinschmidt gerade abpfeifen, als ein langer Ball zu dem am gegnerischen Strafraum sitzenden Nico geschlagen wurde. Dieser dribbelte sich ungewollt an seinem Gegenspieler vorbei und stolperte im Anschluss mit dem linken Fuß über den Ball, um ihn dann mit der rechten Pike ins linke untere Eck des Tores zu versenken.

Das 3:2 war gefallen. Jubelstürme brachen mit dem Schlusspfiff über den völlig erschöpften Torschützen herein. Trainer Mittermann konnte sein Glück kaum fassen. Nach 10 Jahren endlich wieder ein Sieg über die favorisierten Großstädter.

In der Kabine brachen dann nicht nur bei Mario, der in seiner gewohnten Ecke zu finden war, alle Dämme. Man begab sich freudig zur Krippe und begutachtete das göttliche Kind des Braumeisters. Jeder holte sich aus dem Vereinsheim ein Glas und stellte sich vor die Krippe, um das köstliche Gut zu würdigen.

Die ganze Mannschaft feierte dieses Weihnachtswunder, bis es nach einigen Stunden an die Tür klopfte. Draußen hörte man drei Stimmen. In der Annahme es müssten nach einem solchen Wunder am 24. Dezember die drei Heiligen aus dem Morgenland sein, stürmte Dennis zur Tür. Doch zu seinem Erschrecken stand vor dieser seine Frau mit den beiden Kindern und dem Nudelholz, gegen das er bereits am Abend zuvor den kürzeren gezogen hatte.

Das war auch für die übrigen Spieler das Zeichen, sich langsam auf den Weg nach Hause zu machen, um das Weihnachtsfest zu begehen. Einige sahen sich leicht angeheitert später in der Kirche wieder und dachten bei dem durch die Gemeinde dargebotenen Krippenspiel an ihre Heldentaten vom Vormittag zurück.

Weiße Weihnacht

Von diesem Wunder rund um den Besuch von Marion und Josip, die mit ihrem Motivationsgeschenk erst für die Geburt des Weihnachtswunders sorgten. Einzig Mario bekam von dem Krippenspiel noch weniger mit als vom Spiel am Vormittag.

Er schlief in der ersten Reihe seinen Kater aus und ließ sich auch durch das Räuspern des Pastors bei seinem lauten Schnarchen nicht stören. Auch Dennis hatte unter seinem Anzug noch immer seine Glücksunterhose vom Spiel an. Dadurch hatte er in einem Umkreis von zwei Metern einzig seinen Gegenspieler sitzen, der noch immer der Aufklärung seines Trainers über die enge Manndeckung zuhörte.

Auch Nico hatte seine schönste Oberbekleidung für diesen feierlichen Anlass aus dem Schrank geholt und trug sein Bochum Trikot in Regenbogenfarben mit stolz und breiter Brust.

Während draußen das Schneetreiben immer dichter wurde ging es für die Kirchengänger gemeinsam mit ihren Familien langsam nach Hause. Dort feierten sie ein überglückliches Weihnachtsfest unter grünen Weihnachtsbäumen mit der ganzen Familie.

Doch still und heimlich dachten alle Spieler an diesen unfassbaren Sieg gegen den Favoriten und freuten sich schon auf das nächste Jahr, in dem man höchstwahrscheinlich wieder als Verlierer vom Platz gehen würde.

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