Ein Dortmunder Fußballer kam als Kind aus der Türkei nach Dortmund und hat den integrativen Charakter des Sports selbst erlebt. © Nils Foltynowicz
Fußball

Mit vier Jahren aus der Türkei gekommen – Fußball hat ihm bei der Integration geholfen

Ein Dortmunder Kicker kam mit vier Jahren aus der Türkei nach Dortmund. Der deutsche Pass steckt nun schon lange in der Brieftasche des Fußballers, der sich bestens im Amateurfußball auskennt.

In Dortmunder Fußballerkreisen stellte sich die Frage von Arman Güllükoglus Herkunft kaum. Seitdem auch ältere Fußballer der Stadt denken können, war es immer ihr „Amman“, einer von ihnen. Aber seine Lebensgeschichte ist unweigerlich mit zwei Ländern und dem Fußball verbunden.

Heute berät die mittlerweile 61 Jahre alte linke Klebe immer noch ihren Herzensverein Dorstfelder SC, in dessen Alten Herren Güllükoglu kickt. Mit dieser Truppe rettete er vor vier Jahren den Traditionsverein, der vor dem Aus stand.

Zwischen dem Retter eines alteingesessenen Vereins, der heute viele gute Ideen und klare Meinungen zum Dortmunder Fußball hat, und einem vierjährigen Jungen aus Istanbul, der 1963 sechs Monate nach seinem Vater, einem der ersten Gastarbeiter, nach Dortmund kam. Die Einstellung, die er als Kind hatte, könnte auch heute noch als Vorbild für Immigranten, aber auch für Menschen im neuen Land dienen: Neugierde!

Das erste Training absolvierte Güllükoglu in Hausschuhen

„Ich sollte meinen Papa wiedersehen und ganz woanders leben, mich faszinierte die lange Fahrt mit der Eisenbahn. Das waren spannende zweieinhalb Tage. Wie ein Kind eben ist“, erzählt Güllukoglu. „Und genauso gespannt war ich dann, die Kinder im Kindergarten kennenzulernen, die meine neuen Freunde werden sollten.“ Der Vater war auch mit dem Zug gekommen, die Bahn hatte die Tickets bezahlt, für die der handwerklich begabte Vater dann auch arbeitete.

Arman Gülloukoglu © privat © privat

„Rückblickend war es genau die richtige Entscheidung meiner Eltern. Ich bin ihnen sehr dankbar. Allerdings mussten wir auch Istanbul verlassen“, erzählt der 61-Jährige. „Meine Familie ist armenischer Abstammung, was in der Türkei nicht unproblematisch ist. Wir lebten auch im Armenierviertel. Das war alles andere als leicht.“

Bei seinem ersten Training seines ersten Vereins VfL Hörde erschien Güllügoklu mit Hausschuhen. „Ich lache da heute drüber. Die Leute waren unheimlich lieb und haben mir alles besorgt, was ich brauchte. Das VfL-Wappen haben meine Eltern noch selbst genäht.“

Die gesamte Familie hat ihre türkische Staatsbürgerschaft aufgegeben

Arman Güllükoglus erstes Training war womöglich der Beginn der langen Tradition herausragender Integrationsarbeit des Klubs vom Goystadion. Der junge Arman lernte, sich der Mentalität und den Bräuchen des neuen Landes („Wir wollten unbedingt nur nach Deutschland“) anzupassen.

Bereits im Kindergarten lernte er deutsch. Schnell verschwand sein Akzent. Die Familie zog nach Huckarde, wo günstige, verhältnismäßig komfortable Eisenbahnerwohnungen entstanden. Hier im Dortmunder Westen sollte auch der Fußballstern des Gastarbeitersohns der ersten Generation aufgehen.

„Ich hatte die freie Auswahl zwischen BW, Westfalia Huckarde und dem TuS Rahm. Rahm sagte mir am ehesten zu. Da fuhr ich dann mit dem Bus zum Training“, erzählt er heute. Wichtiger als seine fußballerische Laufbahn war aber die gesellschaftliche. Die komplette Familie Güllükoglu ließ sich 1977 einbürgern.

„Das war ein ganz wichtiger Schritt. Aber wir wussten auch von Beginn an, dass wir für immer bleiben wollten.“ Das hieß auch, die türkische Staatbürgerschaft abzugeben. „Für uns war das ein Bekenntnis zur neuen Heimat, wo ich nie Probleme wegen meiner Herkunft bekam. Den Fußball habe ich immer als verbindend erlebt.“

„Wir spielten Landesliga, das war schon besonders“

Der nun in Dortmund heimische Arman Güllükoglu hielt eine Familien-Tradition, die handwerkliche, nicht aufrecht, sah seine Zukunft im kaufmännischen Bereich. Kontakte knüpfte er auch in seinen wichtigsten Vereinen, darunter der Hombrucher FV und später Arminia Marten. Hier schiebt Güllükoglu, einer der bekanntesten Amateurfußballer seiner Zeit, einen Namen und eine Erinnerung ein:

„Wir Rahmer, Horst Freund und ich, hatten die Auswahl. Er ging zum BVB, wo er Profi wurde. Ich zog Hombruch vor und durfte eine tolle Zeit im Amateurfußball erleben. Horst und ich trafen uns aber später immer wieder.“ Mit beiden Klubs, Hombruch und Marten, verbindet der Dorstfelder „Alte Herr“ noch immer besonders viel. Erst ein Bandscheibenvorfall zwang ihn später kürzerzutreten.

„Mensch, was hatten wir für tolle Mannschaften. Lala und Andi (Peter Landsiedel und Andreas Bitter, Anm. d. Red.) hatten mich damals sogar noch einmal von RW Barop zu Hombruch zurückgeholt. Ich habe es in Hombruch und Marten, sogar bei DJK/ETuS in Schwerte, natürlich auch in Dorstfeld, genossen, mit echten Vereinslegenden zu spielen. Das waren ganz andere Zeiten. Wir spielten Landesliga, das war schon besonders.“

„Er ist der Ralf Rangnick von damals“

Menschen wie Andreas Bitter, Peter Landsiedel, es fallen auch die Namen Frank Truschko, Dirk Schreiber und Jörg Niedzwicki, begleiteten Güllükoglu gerne und lange. Mit einigen der Leute, deren Namen er auch nennt, kickt er noch heute für die Dorstfelder Alten Herren.

Dass ihn der heutige stellvertretende Bürgermeister der Stadt Schwerte, Hans Haberschuss, mal für ein Intermezzo in die Nachbarstadt lotste, ist auch eine Besonderheit seiner Karriere. Und ganz wichtig ist ihm, seinen besten Trainer zu erwähnen.

„Das ist Werner Kötter. Er sieht! Das ist so wichtig, das in Menschen und im Fußball zu erkennen, was andere vielleicht nicht sehen. Er ist der Ralf Rangnick von damals. Werner ist ein Fußball-Lehrer mit enorm großem Sachverstand. Wir haben noch heute regen Kontakt. Werner war für mich ganz wichtig. Ein echter Typ!“ Heute arbeitet Güllükoglu im Vertrieb eines großen Unternehmens, hilft seinem DSC und blickt mit seiner ureigenen Erfahrung mal wohlwollend, mal kritisch, mal besorgt, insgesamt aber positiv zurück und nach vorne. Das klingt dann so:

„Natürlich habe ich die Türkei noch in meinem Herzen. Das ist ein wundervolles Land mit wundervollen Leuten, aber einer schlechten Führung. Ich verstehe nicht, dass gerade junge in der dritten Generation hier lebende Türken beinahe ausflippen und ein System befürworten, in dem sie hier nicht leben müssen.“ Natürlich sei auch hier nicht alles perfekt. „Selbst wenn ich nie betroffen war, gibt es leider Rassismus. Den verurteile ich scharf. Aber ich empfehle dennoch, allen Menschen mit Migrationshintergrund, offen zu sein“, sagt Güllükoglu.

Güllükoglu sieht Türkspor vor Bövinghausen und Roj

Was bedeutet das für den Sport? „Ich finde es deutlich besser, wenn Kinder in deutschen Verein das Fußballspielen lernen. Hier lernen sie, Integration zu leben“, sagt der 61-Jährige. Er akzeptiere aber auch, dass sich zugewanderte Menschen in eigenen Vereinen ein Stück weit Heimat herholen möchten. „Ich war ja auch mal beim SC Fatih. Wenn die Leute positiv ihre Begeisterung für den Sport leben, ist das okay. Sie sollen sich nur nicht abschotten“

Immer wieder geraten gerade ausländische Vereine in die Kritik, weil sie überdurchschnittlich häufig an Gewaltausbrüchen beteiligt seien. Güllükoglu ist auch hier sehr deutlich: „Ja, das ist definitiv so. Die südländische Mentalität ist ja keine Erfindung. Menschen aus mediterranen Regionen sind einfach impulsiver, was nicht immer schlecht sein muss, aber im Sport eben öfter negative Konsequenzen hat. Wir müssen uns mit den jungen Sportlern beschäftigen, das hinterfragen. Ich denke, viele Vereine leisten da schon sehr gute Arbeit.“

Mit Interesse verfolgt Güllükoglu den Weg von Türkspor Dortmund. „Ich bin gespannt, wie nachhaltig das ist. Wenn ich mir ansehe, wer da was macht, sehe ich die Chancen für Türkspor besser als für Bövinghausen und für beide besser als für den FC Roj, der ja auch mit aller Macht hoch will. Die Gefahr, zu fallen, ist immer dann größer, wenn du von einem Mann abhängig bist.“

Der Fußball ist schneller geworden

Güllükoglu ist es wichtig, klarzustellen, dass früher nicht immer alles besser war, so gerne er sich an die schönen Zeiten erinnert. „Der Fußball ist viel athletischer geworden. Wer sich das genau ansieht, spürt die deutlich größere Geschwindigkeit. Wenn sich ein Spielertyp wie Manuel Akanji von meinem heiß und innig geliebten BVB anhören muss, er sei zu langsam, muss er sich doch kaputtlachen.“

Lachen ist ein gutes Stichwort für den „Fast-Rentner“. „Ich habe leider keine Kinder. Immer, wenn ich wollte, fehlte die passende Frau.“ Der Nachwuchs liege ihm trotzdem sehr am Herzen. „Für die Kinder müssen sie gerade jetzt in den Corona-Zeiten doch einiges ermöglichen. Ich bin selbst gesund. Das liegt aber auch daran, dass ich mich streng an alle Regeln halte.“

Er sei eben Deutscher und denke deutsch, wobei er auch zu bedenken gibt, dass sich hier längst nicht alle an die Verordnungen halten würden. „Wir brauchen aber auch Hoffnung. Ich bin mir sicher, dass wir bald wieder normal leben und das guten Gewissens machen können, was wir lieben.“

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Dortmunder Jung! Seit 1995 im Dortmunder Sport als Berichterstatter im Einsatz. Wo Bälle rollen oder fliegen, fühlt er sich wohl und entwickelt ein Mitteilungsbedürfnis. Wichtig ist ihm, dass Menschen diese Sportarten betreiben. Und die sind oft spannender als der Spielverlauf.
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Alexander Nähle

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