Marcel Sieberg trainierte auf einer Kopfsteinpflasterstraße vor dem Frühjahrsklassiker Flandern-Rundfahrt. Aktuell ist er mit Teamkameraden in Spanien. © picture alliance/dpa
Radsport

Radprofi Siebergs Dortmunder Erinnerungen: Vier Kisten Malzbier als Prämie

Radsportkenner wissen es natürlich - Marcel Sieberg stammt aus Castrop-Rauxel. Doch seine sportliche Heimat liegt auch in Dortmund. In Derne gewann er sein erstes Rennen. Vor fast 30 Jahren.

Wer an der Stadtgrenze zu Dortmund aufwächst, der hat natürlich eine besondere Beziehung zur Nachbarstadt. Als Sieberg mit dem Radsport begann, da war Dortmund noch “die” Radsporthochburg in Deutschland. Für die damals erfolgreichste Mannschaft überhaupt, den RC Olympia Dortmund, war er aber noch zu jung.


Aber damals gab es weit über 20 Rennen in einer Saison in Dortmund, die meisten gesponsert von einer der zahlreichen Dortmunder Großbrauereien wie Stifts, DAB, Hansa, Ritter, Kronen oder Bergmann. Der Große Union Preis war ein international bekanntes Profi-Rennen. „Da waren in Dortmund auch schon einmal vier Kisten Malzbier dabei. Ein anderes Mal gab es einen Füller – ab und an waren es sogar 20 Mark, die ich auf die Hand bekommen habe. Das war viel Geld für einen Knirps”, so Sieberg.

Erstes Rennen 1991 in Derne

1991 bestritt der heutige Radprofi sein erstes Rennen. Natürlich in Dortmund. In Derne trat er im Alter von neun Jahren an – und wurde damals noch von seiner zwei Jahre älteren Schwester Sabrina geschlagen. Zwölf Jahre später gewann Sieberg sein erstes Dortmunder Rennen bei den Amateuren – 2003 siegte er in Wellinghofen. 2005 wurde der 1,98 m große Sieberg Profi. Und wird seitdem in den Ergebnislisten auch schon mal als “Marcel Sieberg, Dortmund” geführt.

Drei schwere Stürze – zur Reha bei “Physiomed”

Radrennen in Dortmund sind Jahre später ein rares Gut geworden. In Hombruch geht’s noch rund, der Rest der Rennen ist in der Versenkung verschwunden. Dafür ist Sieberg um so öfter im Reha-Zentrum “Physiomed” an der Victor-Toyka-Straße zu finden. Besonders in diesem Jahr erwischte es Sieberg nicht nur einmal. Drei schwere Stürze machten die Saison 2020 zu einem echten Leidensjahr.


Was macht “Sibi” heute? Normalerweise wäre Marcel Sieberg in diesen Tagen in Bocholt zu erreichen. Dort wohnt der Radprofi seit einigen Jahren mit Frau und Kindern. Doch was ist schon normal im Radsport. Also erreichen wir Marcel Sieberg in Spanien, in der Nähe von Denia. Mit Urlaub hat das aber alles nichts zu tun. Mit einer kleinen Gruppe von Teamkameraden hat Sieberg dort ein Trainingslager eingelegt. 150 Kilometer pro Tag sind angesagt, die Grundlage schaffen für eine weitere Saison. Vielleicht seine letzte.

Kurz vor Weihnachten geht’s zurück nach Deutschland

Kurz vor Weihnachten geht es aus der Provinz Alicante wieder zurück nach Deutschland. Anstatt freundlicher 20 Grad und Sonne am Mittelmeer warten auf Sieberg dann Nieselregen und frische Temperaturen. Für einen Radprofi, der zu dieser Jahreszeit täglich sechs Stunden und länger auf dem Rad sitzt, ist das sicherlich eine wenig erfreuliche Vorstellung.


Sieberg nimmt’s mit Gelassenheit. Was sicherlich an seiner Erfahrung liegen muss. Was hat dieser Hüne auf dem Rad nicht schon alles gefahren in den vergangenen Jahren seit seinem Wechsel zum professionellen Radsport im Jahr 2005? Zwei Jahre später bestritt er seine erste Tour de France, acht weitere Große Schleifen sollten folgen, dazu je einmal der Giro d’Italia und einmal die Vuelta in Spanien.

Über ein Jahrzehnt der Anfahrer von André Greipel

Seine große Passion waren schon immer die Tour und die Klassiker. Bei Paris-Roubaix, der mörderischen 260 Kilometer langen Fahrt über das Kopfsteinpflaster Nord-Frankreichs, erkämpfte er sich 2016 Rang sieben. Ein Achtungserfolg. Bei der Tour de France wurde er zum Inbegriff des sogenannten „Anfahrers”. Marcel Sieberg spannte sich vor seinen Chef André Greipel, machte die Pace auf den letzten Kilometern, brachte Greipel in die beste Position. So holte sich Greipel elf Etappensiege bei der Tour, auch dank seines Freundes Marcel Sieberg.

Seit 2018 in Bahrein unter Vertrag

2018 war Schluss mit dem Erfolgsduo Greipel/Sieberg. Bei der Tour lief es nicht, das extreme Zeitlimit schlug unbarmherzig zu, Greipel und Sieberg mussten vorzeitig nach Hause und ihren Arbeitsplatz beim belgischen Stall Omega Pharma-Lotto waren sie nach acht Jahren los. Greipel zog es nach Frankreich, Sieberg in den Nahen Osten, zu Bahrein-McLaren. Und dann kam die Saison 2020. Früh im Jahr holte das Team wichtige Erfolge, auch dank Sieberg, der im Februar Phil Bauhaus in Saudi-Arabien zum Sieg führte.

Zum dritten Mal das Schlüsselbein gebrochen

Es folgten Stürze in Abu Dhabi und in Belgien, im März die Corona-Pause bis Mitte Juli, ein schwerer Sturz bei Gent-Wevelgem. Sieberg brach sich zum dritten Mal in seiner Karriere das Schlüsselbein und dazu eine Rippe. „So hatte ich mir das wirklich nicht vorgestellt, die Quote war nicht die beste”, blickt Sieberg zurück. Die Saison endete im Herbst ohne wirklich großen Erfolg, ohne einen Start bei einer großen Rundfahrt, dafür aber mit 25 Corona-Tests, stundenlagen Telefonaten, um negative Testergebnisse auch schriftlich zu bekommen und mit einem schmerzlichen Gehaltsverzicht wegen des Ausstiegs des Co-Sponsors McLaren. „Solange das Team weitermacht, ist das Ordnung. McLaren hatte viele Mitarbeiter entlassen müssen wegen der Corona-Krise, da mussten wir auch Einbußen hinnehmen”, schildert Sieberg die Situation.

Höchstwahrscheinlich sein letztes Jahr als Profi

Wie es 2021 weitergeht, ist noch nicht klar. Einige Rennen sind bereits abgesagt, er selbst wird 39 Jahre alt im kommenden Jahr. Und er spürt den Unterschied zu früher. Die extreme Hektik, die Respektlosigkeit der jungen Fahrer, die daraus resultierenden Stürze, die ewige Jagd nach einem Vertrag für das Jahr danach.

„Ein Jahr möchte ich noch genießen, eine normale Saison fahren, mit deutschen Rennen. Aber ich will nicht mehr auf Biegen und Brechen um einen Vertrag fahren müssen. Wenn ein Team im Sommer kommt und fragt, ob ich noch weitermache, kann ich mir das ja noch überlegen. Ansonsten denke ich, dass man mit 39 auch gut aufhören kann”, gibt sich Sieberg gelassen in Sachen Zukunftsplanung.

Dem Radsport will er aber verbunden bleiben – gegen den Sprung von Rad ins Teamauto hätte er nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Ein waschechter Dortmunder, Jahrgang 1957. Vor dem Journalismus lange Jahre Radprofi, danach fast 30 Jahre lang Redakteur bei Dortmunder Tageszeitungen, seit 2015 bei den Ruhr Nachrichten, natürlich im Sport.
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Peter Kehl

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